• Öffnet die Berliner Bibliotheken länger!: Wie Kiez-Büchereien attraktiver werden können

Öffnet die Berliner Bibliotheken länger! : Wie Kiez-Büchereien attraktiver werden können

Information, Unterhaltung, soziale Teilhabe – sie hätten uns viel zu bieten. Doch Berlins Bibliotheken sind oft eine Enttäuschung. Das muss nicht so sein.

Vorbildlich: Die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) hat auch sonntags geöffnet - hierzulande eine große Ausnahme.
Vorbildlich: Die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) hat auch sonntags geöffnet - hierzulande eine große Ausnahme.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ich liebe Bibliotheken. Eigentlich. In ihnen haben ich einige der schönsten Stunden meiner Kindheit und Jugend verbracht, in denen ich große Literatur und Comic-Klassiker entdeckte, dazu Musik, Filme, Zeitungen und Zeitschriften. Auch im Studium waren Berlins Bezirksbüchereien die perfekte Ergänzung zu ihren Hochschul-Pendants, um sich mit Büchern und CDs einzudecken, die ich mir gekauft nie hätte leisten können.

Doch wenn man berufstätig ist, stellen viele Berliner Bibliotheken die Liebe auf eine harte Probe. Vor allem die kleinen, fußläufig zu erreichenden. Die tragen in meinem Fall zwar wohlklingende Namen – Kurt-Tucholsky-Bibliothek! Heinrich-Böll-Bibliothek! Bettina-von-Arnim-Bibliothek!.

Der Testlauf endet ernüchternd

Doch wenn ich hier die Werke ihrer Namenspaten und andere Medien studieren oder ausleihen will, stoße ich auf ein fundamentales Problem: die Öffnungszeiten. Als Kind und Student konnte ich meinen Alltag daran anpassen, wann die Bücherei Zeit für mich hatte, heute sieht das anders aus.

96 Ortsteile, 96 Bilder, 100 Prozent Berlin
Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...

Testlauf am vergangenen Donnerstag: Ich würde gerne morgens oder vormittags auf dem Weg zur Arbeit in einer Bibliothek um die Ecke aktuelle Zeitungen lesen und dann noch ein Buch oder einen Film ausleihen. Wie viele der insgesamt vier Stadtbüchereien im Umkreis von einem Kilometer um meine Wohnung haben wohl geöffnet?

Antwort: keine einzige. Drei machen erst um 13 oder 14 Uhr auf, wenn ich längst bei der Arbeit bin – und schließen bereits um 19 Uhr, also vor meiner Rückkehr nach Hause. Die vierte Bibliothek öffnet donnerstags gar nicht erst. Und das in einem Viertel, das als eines der am dichtesten besiedelten Gebiete Berlins gilt. Kollegen aus anderen Kiezen erzählen Ähnliches.

Anderswo haben Bibliotheken auch am Wochenende geöffnet

Dass es auch anders geht, zeigt eine Stadt, die dank familiärer Verbindungen meine zweite Heimat ist: Toronto. Das dortige öffentliche Büchereisystem hat meine Liebe zur Bibliothek nach jahrelanger Zurückweisung in Berlin in letzter Zeit wieder aufflammen lassen. Die Dichte an Stadtbibliotheken ist in Toronto ähnlich hoch wie in Berlin. Aber das Selbstverständnis ist ein anderes.

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Während die öffentliche Bibliothek, die mir in Berlin räumlich am nächsten ist, pro Woche gerade mal 30 Stunden geöffnet hat, hat die Bücherei in unserem Viertel in Toronto jede Woche 70 Stunden lang auf. Und auch an den Wochenenden haben alle Filialen der „Toronto Public Library“ selbstverständlich geöffnet, anders als viele ihrer Berliner Pendants.

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Dazu kommt, dass sich in Toronto auch die kleinste Bezirksbibliothek als Dienstleister versteht, der viele Angebote macht, die man als soziale Teilhabe zusammenfassen könnte: Musikinstrumentenausleihe, Dutzende von Computern, schnelles Gratis-W-Lan, Computerkurse, Lesungen, Filmabende, Konzerte, Podiumsdiskussionen zu aktuellen Themen.

Das gibt es in Berlin zwar in einzelnen, größeren Häusern inzwischen auch. Die Philipp-Schaeffer-Bibliothek in Mitte bietet seit Kurzem zehn Laptops an, die AGB in Kreuzberg umgeht mit regelmäßigen Veranstaltungen das strenge deutsche Arbeitsrecht und öffnet auch sonntags.

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Ich stille derweil den Lesebedarf in meinem Kiez, indem ich mir Bücher kaufe. Das können sich viele Menschen mit geringen Einkommen nicht leisten. Aber die entsprechenden Läden haben geöffnet, wann immer man sie braucht.

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