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Ölkonzern reagiert auf Mieterproteste : Shell entfernt Riesenposter an Berliner Wohnhaus

An einem Charlottenburger Baugerüst dankte Shell allen Corona-Krisenhelfern. Doch der Zorn von Mietern über verdunkelte Wohnungen führte zum vorzeitigen Abbau.

Letzte Reste des Dankesplakats von Shell am Kaiserdamm.
Letzte Reste des Dankesplakats von Shell am Kaiserdamm.Foto: Cay Dobberke

Der Ölkonzern Shell hat am Mittwoch ein umstrittenes Riesenposter abhängen lassen, das Wohnungen am Kaiserdamm 109 in Charlottenburg seit zwei Wochen verdunkelte. Nachdem Shell durch einen Tagesspiegel-Bericht und Reaktionen in sozialen Online-Netzwerken von Mieterprotesten erfahren habe, sei beschlossen worden, „das Plakat vor Ablauf der von uns vertraglich geschlossenen Dauer zu entfernen“, sagte Sprecherin Cornelia Wolbe.

Ursprünglich sollte die gelbe Plane bis Ende April an der Fassade bleiben. Mit Bezug auf die Coronavirus-Pandemie dankte Shell damit „allen Helfern und unseren Teams an den Tankstellen, die dazu beitragen, die Krise zu bewältigen“.

Mieter hatten sich darüber beschwert, dass ihnen der Blick aus ihren Wohnungen ausgerechnet jetzt versperrt werde, während Ausgangsbeschränkungen gelten und jeder Berliner möglichst zu Hause bleiben soll. Der Dank an Krisenhelfer erscheine angesichts der mangelnden Rücksichtnahme auf die Hausbewohner „zynisch“, sagte eine Betroffene.

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Shell teilte mit, man habe „von zahlreichen Berlinern viel Zuspruch“ für die Aufschrift des Plakats erhalten. „Wir wollten niemanden verärgern. Auch die Mieter des Hauses nicht“, betonte die Sprecherin. Das Unternehmen habe den genauen Standort des Plakats anfangs gar nicht gekannt, sondern nur eine Werbeagentur damit beauftragt, die Dankesbotschaft in Berlin zu verbreiten. Laut Shell wandte sich die Agentur ihrerseits an eine auf Riesenwerbeposter spezialisierte Firma, die den Vertrag mit der Hausverwaltung schloss.

Kommt nun eine werbefreie Plane ans Gerüst?

Das Gebäude ist wegen einer Fassadensanierung eingerüstet. Die Genehmigung für Werbung ist nach Auskunft des Charlottenburg-Wilmersdorfer Baustadtrats Oliver Schruoffeneger (Grüne) am 31. März abgelaufen. Shell weist diesen Vorwurf „nach Rücksprache mit dem Vermarkter“ zurück. Schruoffeneger bleibt dagegen bei seiner Darstellung und hatte am Mittwoch eine – nunmehr unnötige – Anordnung zur Beseitigung versandfertig gemacht.

Womöglich müssen die Mieter aber mit einer neuen Verhüllung des Hauses ohne Reklame rechnen. „An das Baugerüst gehört eine Staubschutzplane“, sagte zumindest ein Industriekletterer, der das Plakat demontierte. „Es werden ja auch Fassadenteile abgeschlagen.“ Tatsächlich hängen beiderseits des entfernten Plakats noch immer zwei kleinere Planen, deren Aufdrucke eine Hausfassade imitieren.

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