• Offener Brief an die Bildungssenatorin: Berliner Abiturienten fordern Verzicht auf Prüfungen

Offener Brief an die Bildungssenatorin : Berliner Abiturienten fordern Verzicht auf Prüfungen

Gesundheitliche Risiken, Ängste, fehlende Vorbereitung: Warum diesjährige Absolventen aus Steglitz keine Abiturprüfungen wollen, sondern ein "Notabitur".


Kein Schlussstrich: Die Abiturienten des Tagore-Gymnasiums wollen an ihrer Schule etwas ändern.
Kein Schlussstrich: Die Abiturienten des Tagore-Gymnasiums wollen an ihrer Schule etwas ändern.Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa

Rund 70 Abiturienten des Steglitzer Fichtenberg-Gymnasiums haben sich in einem offenen Brief an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) gewandt und den diesjährigen Verzicht auf Abiturprüfungen verlangt.
Die Entscheidung der Kultusministerkonferenz (KMK), trotz der Coronakrise an den Abiturprüfungen festzuhalten, sei "falsch".

Die Schüler gehen damit noch einen Schritt weiter als der Landesschülerausschuss. Das höchste Berliner Schülergremium hatte in der vergangenen Woche den Wegfall der Prüfungen nur für den Fall gefordert, dass der Unterricht nicht nach den Osterferien am 19. April anfängt. Die Schulen sind bereits seit dem 17. März geschlossen.

Die Schüler des Steglitzer Gymnasiums zählen auf drei Seiten die Gründe auf, die Ihres Erachtens in jedem Fall gegen die Prüfungen sprechen. Der offene Brief liegt dem Tagesspiegel vor:

  • Gesundheitliche Aspekte. Hier weisen die Unterzeichner auf die erhöhte Infektionsgefahr hin - etwa durch die Anfahrt zu den Klausuren in öffentlichen Verkehrsmitteln, durch das Zusammensitzen "über mehrere Stunden in einem Raum", durch das Aufeinandertreffen auf den Schulfluren. Schon ein "ausgetauschter Stift" könne zur Übertragung der Krankheit führen. Damit aber würden die Abiturienten auch ihre Familienmitglieder zusätzlich gefährden.
  • Psychische Belastung. Zwar werde Planungssicherheit für die Abiturienten versprochen, diese sei aber de facto nicht gegeben. Vielmehr sei die Situation "undurchsichtig" ebenso wie die neuen Prüfungspläne.
    Hinzu komme die Sorge um besonders gefährdete Familienangehörige oder Bekannte sowie - in vielen Familien - die plötzliche finanzielle Notlage. Insgesamt führe die ernste Lage "zu einer erhöhten psychischen Belastung", die wiederum Schlafprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten mit sich bringe. Die Vergleichbarkeit der Abiture sei mithin eingeschränkt.
  • Soziale Ungerechtigkeit. Die Schüler beklagen, dass sich einige Abiturienten einen Computer oder einen Laptop mit anderen Familienmitgliedern teilen. Dies sei in der aktuellen Situation besonders problematisch, da viele Eltern im Homeoffice arbeiten und Geschwister auf Grund der Schulschließungen online unterrichtet werden. Zudem hätten es Abiturienten, die mit ihren Familien in kleinen Wohnungen wohnen, "deutlich schwerer, konzentriert lernen zu können", zumal Bibliotheken und Schulen geschlossen seien. Dieser Punkt verstärke sich noch, wenn die Schüler aus "dysfunktionalen Familienverhältnissen" kommen.:
  • .Organisatorische Probleme. Da sich die Informationslage "ständig und in einem schnellen Tempo" ändert, könnten sich die Schüler schlecht auf die Beschlüsse einstellen. Außerdem lägen die Prüfungen nun viel näher beieinander. Dieser Umstand erschwere ein "fachfokussiertes Lernen" und bilde einen "deutlichen Nachteil" gegenüber den vorherigen Abiturjahrgängen
  • Ungleiche Chancen. "Es besteht ein starkes Ungleichgewicht zwischen den einzelnen Schulen bezüglich des Kontakts zu den Lehrkräften", warnen die Unterzeichner. Einige Abiturienten erhielten während der vergangenen Wochen weiterhin Aufgaben von ihren Kurslehrern, während andere Lehrer "nicht einmal auf Fragen geantwortet haben". Diese Disparitäten schafften Ungleichheiten zwischen Kursen und ganzen Schulen. Erschwerend komme hinzu, dass es die unterschiedlichen Ferienzeiten in den Bundesländern gebe und damit einhergehend unterschiedlich viel Zeit für die Vorbereitung. Schüler, die sich dazu entschieden haben, die 5. Prüfungskomponente in einer Gruppe zu erarbeiten, stünden vor einer besonderen Herausforderung, da sie sich nicht mehr mit ihren Mitschülern treffen könnten. Obwohl digitale Mittel zur Verfügung stünden, sei die Erarbeitung der Präsentation durch diese Tatsache gefährdet.

"Respektlosigkeit gegenüber den Risikogruppen"

Die Abiturienten kommen zu dem Schluss, dass die Bildungspolitiker durch das Abhalten der Prüfungen "unverantwortlich" handeln würden. Daraus spreche eine "Respektlosigkeit, die gegenüber den Risikogruppen und all denen zeugt, die in systemrelevanten Berufen arbeiten".

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"Wir fordern Sie deshalb auf, gesellschaftliche und soziale Verantwortung zu übernehmen und dieses Jahr im Land Berlin den Schülern des Abiturjahrgangs 2020 ein Notabitur" zu verleihen. Grundlage sollten die Noten aus den vier Semestern der Oberschule sein.

Auch Schulleiter plädieren für den Verzicht auf Prüfungen

Die Schüler stehen mit ihrer Forderung nicht allein da. Nach der Verschiebung der Abiturprüfungen hatte die Vereinigung der Oberstudiendirektoren mit seinem Vorsitzenden Ralf Treptow schon vor einer Woche abgeraten, die Prüfungen zu schreiben.

Der Leiter des Fichtenberg-Gymnasium, Andreas Steiner, knüpfte seinen Vorschlag zum Verzicht auf Prüfungen an die Bedingung, dass es "keinen Schulbetrieb vor Juni geben würde“. Steiner hatte zudem die Option vorgestellt, die Abiturprüfungen erste zu Beginn des kommenden Schuljahres schreiben zu lassen - bei gleichzeitiger Verschiebung der Einschreibefristen in die Unis und in Ausbildung.

Eine bunte Palette an Vorschlägen

Selbst ein Aufnahmetest an den Universitäten als Ersatz für die Abiturprüfungen wurde bereits in die Diskussion geworfen oder ein auf zwei Prüfungen abgespecktes Abitur.

Die Kultusminister hatten am Mittwoch entschieden, bis auf Weiteres das Abitur mit allen Prüfungen durchziehen zu wollen. Schleswig-Holstein, Berlin, Brandenburg und Hamburg hegen Bedenken wegen ihres kurzen Schuljahres.


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