Opfer des Anschlags am Breitscheidplatz : Seelische Qualen und hohe Kosten

Hartmut Hüsges' Gatte ist seit dem Anschlag vollständig gelähmt, kann nur noch mit den Augen blinzeln. Die Behandlungskosten liegen für Hüsges schon jetzt bei 750.000 Euro.

An der Gedächtniskirche. Der Weihnachtsmarkt ist schon eröffnet. Dort wird auch der Opfer vom 19. Dezember 2016 mit Blumen und Kreuzen gedacht.
An der Gedächtniskirche. Der Weihnachtsmarkt ist schon eröffnet. Dort wird auch der Opfer vom 19. Dezember 2016 mit Blumen und...Foto: Bernd v. Jutrczenka/dpa

Hartmut Hüsges wollte einen privaten Rahmen, deshalb sollte niemand von der Klinikleitung auftauchen. Das war seine Bitte an die Führung des Krankenhauses in Tegel. Und so stand er dann allein mit Kurt Beck am Bett seines Mannes. Sascha Hüsges kann nicht sprechen, er kann nur mit den Augen blinzeln, sein Körper ist gelähmt.

Der 19. Dezember 2016, der Tag, an dem der islamistische Attentäter Anis Amri mit einem Lkw auf dem Breitscheidplatz zwölf Menschen tötete und mehr als 70 verletzte, war der Tag, an dem sich das Leben des Ehepaars Hüsges dramatisch änderte. Sascha Hüsges ist eines der Opfer des Anschlags.

Keine Kritik an Kurt Beck

Deshalb stand auch Kurt Beck an seinem Bett. Er hatte Hartmut Hüsges gebeten, dass er ihn ins Krankenhaus begleiten darf. Der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident ist Beauftragter der Bundesregierung für die Opfer und Hinterbliebenen des Terroranschlags auf dem Breitscheidplatz.

Hartmut Hüsges.
Hartmut Hüsges.Foto: Stephanie Pilick/dpa

„Herr Beck hat sich sehr schnell gemeldet“, sagt Hartmut Hüsges. „Kurz nachdem er als Opferbeauftragter sein Amt angetreten hatte. Ich habe ihn insgesamt drei Mal gesehen, es waren sehr gute Gespräche.“ Nein, an Kurt Beck möchte Hartmut Hüsges keine Kritik üben. Aber die Vorwürfe, die alle zwölf Familien der Todesopfer an Bundeskanzlerin Angela Merkel richten, „die kann ich im Großen und Ganzen teilen“.

Sascha Hüsges ist kein unmittelbares Opfer des Anschlags. Der Lkw kam ein paar Meter vor ihm und Hartmut Hüsges zum Stehen. Sascha Hüsges rannte zum Tatort, um zu helfen. Wenige Minuten später kam er benommen zurück, irgendetwas hatte ihn am Kopf getroffen. Kurz darauf brach er zusammen. Diagnose: schwere Hirnblutung.

Beck plädiert, die finanziellen Hilfen für Opfer zu erhöhen

Der Opferbeauftragte Beck leistete in seinen Gesprächen moralische Hilfe. „Aber unsere Wünsche müssen die politisch Verantwortlichen erfüllen“, sagt Hartmut Hüsges. Sein Wunsch: eine finanzielle Kompensation dafür, „dass unser Lebensplan durcheinandergeraten ist“. Er hat Geld aus dem Härtefallfonds erhalten, „aber das deckt bei Weitem nicht die Kosten“. Derzeit erhalten Angehörige von Opfern eine Direkthilfe von 10 000 und einen Schadensausgleich von 25000 Euro. Beck plädiert dafür, diese Summen deutlich zu erhöhen. Er plädiert dafür, weil er viele solcher Gespräche wie mit Hartmut Hüsges geführt hat.

Die Kosten durch die tragischen Ereignisse liegen schon jetzt bei 750 000 Euro, hat Hüsges ausgerechnet. Der Volkswirt hat einen Bungalow gekauft, damit er mit seinem Mann später ebenerdig wohnen kann. Er muss das Haus behindertengerecht ausstatten, er hat ein behindertengerechtes Auto gekauft, und das sind ja nur die Investitionen, die erst mal notwendig sind, damit der Alltag bewältigt werden kann.

Hohe emotionale und finanzielle Belastung

Aber das ist noch nicht alles. „Ich muss uns ja auch später noch versorgen“, sagt Hüsges. Er ist jetzt 62, er wollte eigentlich, ganz regulär, in vier Jahren und zehn Monaten in Rente gehen. Dieser Plan ist von Amri zerstört worden. „Ich kann frühestens in zwei Jahren gehen.“ Dann hat er mehr Zeit für seinen Mann, einerseits. Andererseits verschärft sich ein anderes Problem: „Ich muss ja erhebliche finanzielle Einbußen hinnehmen.“ Wobei Hüsges natürlich auch sagt, dass der Einschnitt im Leben seines Mannes mit Geld nicht entschädigt werden könne.

Das ist also die emotionale, die abstrakte Ebene, die vollkommen richtig ist. Aber es gibt ja auch die reale, die finanzielle Ebene. Hüsges glaubt, dass er die meisten Kosten wohl nicht ersetzt bekommt.

Ende Januar soll Sascha Hüsges entlassen werden, so ist die Planung. Aber Hartmut Hüsges ist auf alles vorbereitet. „Vielleicht dauert es auch Wochen länger.“

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