Pilotprojekt in Schöneberg : Der Regenbogenkiez bekommt einen Nachtbürgermeister

Das queere Ausgehviertel westlich des Nollendorfplatzes soll sicherer und angenehmer werden. Dafür setzt der Bezirk auf drei neue Projekte.

Pantomime-Künstler kamen 2015 im Pilotprojekt fair.kiez in Berlin-Friedrichshain zum Einsatz.
Pantomime-Künstler kamen 2015 im Pilotprojekt fair.kiez in Berlin-Friedrichshain zum Einsatz.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Die Clubs, Bars und Kneipen im Schöneberger Norden westlich vom Nollendorfplatz sind Anziehungspunkt für die hiesige wie auch die internationale queere Community. Das schwule Ausgehviertel, das in Berlin schon seit den zwanziger Jahren Tradition hat, ist international bekannt und bringt tausende von Menschen in die Stadt, die im Regenbogenkiez feiern möchten. Es ist ein Tourismusfaktor.

Die Attraktivität des Viertels als queerer Party-Ort bringt aber auch Konflikte mit Anwohnern mit sich, die sich vom Lärm gestört fühlen. Zudem hat der Kiez mit Kriminalität zu kämpfen. „Neben Diebstählen und dem berüchtigten 'Antanzen' kommt es leider immer wieder auch zu trans- und homophoben Übergriffen”, sagt Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD). „Wir möchten aber, dass sich alle Menschen in diesem Kiez wohl und sicher fühlen.”

Aus diesem Grund startet der Bezirk drei Pilotprojekte, um die unterschiedlichen Interessen zwischen der Feierszene und den Anwohnern besser unter einen Hut zu bekommen sowie mehr Sicherheit zu schaffen. 

Die Idee stammt aus Amsterdam

Einerseits setzt der Bezirk dabei auf einen sogenannten Nachtbürgermeister: Die Idee dazu stammt ursprünglich aus Amsterdam. Der Nachtbürgermeister soll zwischen den Betreibern der Bars, Kneipen, Clubs auf der einen Seite und den Anwohnern auf der anderen Seite vermitteln. Der künftige Schöneberger Nachtbürgermeister ist keine Einzelperson, sondern besteht aus einem zwei- bis dreiköpfigen Team. „Das Team muss den Kiez gut kennen und im Kiez gut bekannt sein”, sagt Schöttler. Es müsse wissen, wo Konflikte liegen und so dazu beitragen, „den Tourismus verträglich zu machen”. 

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Zusätzlich sollen in den Nächten zu Samstag, zu Sonntag sowie vor Feier- und Brückentagen „Nachtlichter” auf der Straße unterwegs sein. Wie Parkläufer auch haben sie keine polizeilichen Befugnisse; sie sollen zwischen 22 und vier Uhr morgens vor allem Präsenz zeigen, ansprechbar sein und im Notfall die Polizei rufen. Allein das könne schon Wirkung zeigen und das Sicherheitsgefühl erhöhen, sagt Schöttler. Die „Nachtlichter” sollen an ihren hellen Jacken erkennbar sein. Außerdem wird es künftig einen Infopoint im Regenbogenkiez geben.

Der Bürgerplatz gilt schon lange als problembelastet

Auf dem Bürgerplatz an der Ecke Eisenacher Straße/Fuggerstraße wird ein „Tiny House”, ein kleines Holzhaus auf Rädern, aufgestellt. Dort wird nachmittags jeweils für zwei Stunden der Nachtbürgermeister sowie in den Wochenendnächten ein Team der Nachtlichter anzutreffen sein. Der Ort ist nicht zufällig gewählt. Er gilt seit langem als problembelastet. Dort ist ein Spielplatz; nachts wird dort gedealt. Anwohner beklagen dies schon seit langem. Im vergangenen Jahr wurde dort unter dem Motto „Schönheit gegen Gewalt” ein Serenadenkonzert mit barocken Arien veranstaltet. Dies sollte ein Anfang sein, den Platz wieder zurückzuerobern. Auch in diesem Jahr wird es dort wieder ein Konzert geben.

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Die Idee des Nachtbürgermeisters ist in Berlin nicht neu. Im Wahlkampf 2016 schaffte sie es sogar ins Wahlprogramm der CDU, um die Berliner Clubszene zu zu unterstützen und bei Streitfällen zu moderieren. Nach den damaligen Vorstellungen der CDU sollte der Nachtbürgermeister dazu da sein, „in Konfliktsituationen zu moderieren, strategische Konzepte für die Weiterentwicklung des Berliner Nachtlebens anzustoßen und die ,Nachtökonomie’ der Stadt zu stärken”.

Auch in Friedrichshain-Kreuzberg wurde mit neuen Ideen experimentiert

Auch Friedrichshain-Kreuzberg unternahm vor einigen Jahren den Versuch, nächtliche Konflikte zu entschärfen. Dort wurden Pantomimen eingesetzt, die partywütige Touristen zu Rücksichtnahme und weniger Lärm bewegen sollten. Das Projekt war nicht von Erfolg gekrönt.

Die Tempelhof-Schöneberger Initiative der Nachtbürgermeister und -lichter ist zunächst auf zwei Jahre befristet und kostet rund 165.000 Euro pro Jahr. Das Nachtbürgermeister-Team kommt über das schwule Antigewalt-Projekt Maneo, die Nachtlichter über den  freien Träger SI3 , der auch die Parkläufer im Nelly-Sachs-Park und im Kleistpark organisiert.

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