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Prozess gegen Drogenhändler: V-Mann führte zum Stoff

Sechs Männer stehen wegen Kokainschmuggels vor Gericht. Zu klären ist auch die Rolle der Polizei.

Drogenhandel ist ein mühsames Geschäft. 100 Kilogramm Kokain wollte ein 51-jähriger Mann aus Berlin gemeinsam mit fünf anderen Männern laut Staatsanwaltschaft aus Panama über Bremerhaven nach Berlin schmuggeln und dort verkaufen. Es gilt, Kontakte aufzubauen, Drogen und Geld zu beschaffen und schließlich den Zoll zu überlisten. Der 51-Jährige telefoniert viel in jener Zeit, benutzt dazu mehrere Handys. Die Ermittler hören trotzdem mit. Hilfe bekommen sie von einem V-Mann, über dessen Rolle in dem am Montag beginnenden Prozess noch zu reden sein wird (9.30 Uhr, Saal B129).

Vor dem Landgericht Berlin müssen sich sechs Männer im Alter von 35 bis 53 Jahren wegen bandenmäßigen Drogenhandels verantworten. Die Höchststrafe beträgt 15 Jahre Gefängnis. Unter den Angeklagten sind vier türkische Staatsbürger, denen zudem die Ausweisung droht.

Die Polizei erwischt den 51-jährigen Hauptangeklagten in Bremerhaven quasi mit dem Kokain in seinen Händen. Polizeifotos vom 18. August 2011 zeigen, wie er drei prall gefüllte Reisetaschen aus einem Transporter zu einem Hauseingang trägt. Die mutmaßliche Drogenbande soll in dem Haus eine Wohnung als Zwischenlager angemietet haben. Die Ermittler finden dort genau 97,17 Kilogramm hochreines Kokain, verteilt auf 97 Päckchen – der zweitgrößte, für den Berliner Markt bestimmte Fund seit 33 Jahren ist. Das Kokain sollte für 35 000 bis 40 000 Euro pro Kilogramm verkauft werden, heißt es in der Anklage. Es wäre ein Millionengeschäft gewesen.

Schon 2009 ist das Zollfahndungsamt auf den 51-jährigen Türken aufmerksam geworden, der in Charlottenburg einen türkischen Kulturverein betreibt. Die Fahnder geben der Staatsanwaltschaft Berlin den Hinweis, dass er dort möglicherweise mit Drogen handele. Im Juli 2010 wird der 51-Jährige von einem Mann angesprochen, der seit November 2009 zum ersten Mal in seinem Kulturverein erscheint und dort regelmäßiger Gast wird. Er habe die Möglichkeit, sagt der Mann, Schiffslieferungen aus der Türkei nach Bremerhaven zu organisieren. Er kenne einen Hafenarbeiter, der Sachen aus Containern holen könne, von denen der Zoll nie etwas erfahren müsse. Der Mann mit den guten Kontakten ist ein V-Mann der Polizei. Für die Anwälte des 51-Jährigen stellt sich deshalb die Frage nach Ursache und Wirkung.

So schaffte die Bande die Drogen nach Deutschland.

„Hätte der V-Mann diese Tür nach Bremerhaven nicht geöffnet, wäre unser Mandant nie auf die Idee gekommen, Kokain einzuführen“, sagt Verteidiger Stefan Conen. Nakim A. sei ein bis dato „vollkommen unbescholtener Mann“ gewesen. „Eine der wesentlichen Aufgaben des Prozesses wird es sein, zu klären, inwieweit der Einfluss des V-Mannes bestimmend war für den Entschluss unseres Mandanten, Kokain einzuführen“, sagt Conen. Der Anwalt verweist auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, nach dem der Staat kein Recht habe, eine Straftat zu verfolgen, zu der ein Täter erst durch den Staat verführt worden sei.

Laut Anklage steht spätestens im Juli 2010 der Plan, Kokain aus Venezuela zu importieren. Der Kontakt zu den Drogenverkäufern erfolgt offenbar über einen Mann in der Türkei. Die Lieferung soll nach Erkenntnis der Staatsanwaltschaft im Januar 2011 in Deutschland ankommen. Doch schärfere Drogenkontrollen in Venezuela verhindern offenbar, dass das Kokain in den Schiffscontainer gelangt. Bei einem zweiten Versuch sollen nun 650 Kilogramm Kokain gekauft werden. Doch wieder gelangt das Rauschgift nicht aufs Schiff. Nach Ansicht der Anklage ändert die mutmaßliche Bande daraufhin ihren Plan. Nun soll das Kokain aus Panama kommen. Am 18. August 2011 sollen 150 Kilogramm in Bremerhaven ankommen, versteckt in vier Reisetaschen in einem Schiffscontainer mit Kaffeebohnen. Diesmal scheint es zu klappen.

Der 51-Jährige fährt mit dem V-Mann nach Bremerhaven. Zum Hafen aber nimmt er ihn nicht mit. Ein Hafenarbeiter holt ihn ab und fährt ihn zu seinem Container. Zwischen Rohkaffee findet der Mann nur drei, nicht vier Taschen. Wahrscheinlich, sagt er zu dem Hafenarbeiter, hätten vier Taschen einfach nicht zwischen den Kaffee gepasst. Er glaubt, dass die Komplizen die 150 Kilo deshalb in drei Taschen gestopft haben. Die Gespräche im Auto sind gut dokumentiert. Denn der Hafenarbeiter ist ein verdeckter Ermittler, also ein Polizist.

Der 51-Jährige und zwei Männer, die das Kokain nach Berlin bringen sollen, werden noch am selben Tag in Bremerhaven, drei weitere in Berlin festgenommen. Nur einer hat sich bislang zu den Vorwürfen geäußert und sie bestritten.

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