Probleme im Berliner Nahverkehr : S-Bahn-Fahrten fallen wegen Personalmangel aus

Die Krise der Berliner S-Bahn verschärft sich wieder. Sowohl die Chefs als auch die Fahrer klagen. Und der Nachwuchs ist oft schnell wieder weg.

Glück gehabt. Für diese S-Bahn fand sich tatsächlich eine Fahrerin.
Glück gehabt. Für diese S-Bahn fand sich tatsächlich eine Fahrerin.Foto: Raphael Krämer

Fahrerlose Züge? Gibt es bei der S-Bahn immer häufiger. Während bisher vor allem der knapp bemessene und störanfällige Fuhrpark der Engpass war, fallen neuerdings viele Fahrten wegen Personalmangels aus. Die seit Wochen anhaltende Grippewelle hat das Problem so sehr verschärft, dass nahezu täglich – nach einem für die Kunden nicht vorhersehbaren Zufallsprinzip – Fahrten ausgefallen.

Wie ernst die Lage ist, zeigen Schilderungen von S-Bahn-Fahrern und ein Brief, in dem sich die Geschäftsleitung der DB-Konzerntochter vor einigen Tagen an die Belegschaft wandte.

In dem Schreiben beklagt die Geschäftsführung „Eingriffe von außen, Infrastruktur- und Fahrzeugstörungen“, aber auch eine zunehmend schwierige Personalplanung, seit das 2017 zwischen Betriebsrat und Unternehmen vereinbarte Dienstplansystem gelte. Seitdem können Personaldisponenten vakante Schichten nur mit ausdrücklicher Zustimmung des dafür vorgesehenen Fahrers besetzen.

SMS mit vakanten Diensten werden auf die Handys der Belegschaft verschickt

Nun schickt das Unternehmen fast täglich Kurznachrichten mit vakanten Diensten auf die Handys der Belegschaft. „Eigentlich dürfte es doch solche SMSen gar nicht geben“, sagt ein langjähriger Fahrer. „Gerade die Spät- und Nachtschichten sind unbeliebt – und oft zu dünn besetzt.“ Hinzu komme, dass immer weniger Fahrer für alle Modellreihen und Linien ausgebildet seien; „wir sind nur noch hundert Kutscher von insgesamt tausend“. Das Problem sei hausgemacht, „denn es gibt ja Fristen, nach denen die Berechtigung für Strecken und Typen verfällt, wenn man nicht mehr gefahren ist.“

Ein Kollege bestätigt die Probleme: Die starre Dienstplanung komme zwar einigen Beschäftigten entgegen, aber sei „sehr unflexibel“ und wirke in Einzelfällen obendrein willkürlich – was ein heikler Punkt ist bei Diensten, die morgens vor vier beginnen oder nachts halb zwei enden. Er selbst habe gerade erst wieder eine S 45 vom Flughafen Schönefeld leer zurückfahren und abstellen müssen, weil der Ablösefahrer ausgefallen sei.

Die Stimmung sei „eigentlich wieder ganz unten: Wir merken, dass die Stadt immer voller wird und die Aggressionen zunehmen. Das Sicherheitspersonal verkrümelt sich auch ganz gern – was ich verstehen kann. Aber es nützt mir nichts, wenn ich dann allein dastehe.“ Die S 45 sei die erste Linie, die bei Personalmangel ausgedünnt werde, gefolgt von S 75 und S 26.

Um die größte Not zu lindern, will die Geschäftsführung laut dem Brief nun auch Beschäftigte mit Fahrberechtigung aus anderen Bereichen wie der Leitstelle auf die Strecke schicken, aber ausdrücklich nur vorübergehend, weil sich sonst absehbar neue Probleme auftun.

Nachwuchs vom Jobcenter ist oft schnell wieder weg

Als weitere unbeliebte Neuerung beschreibt der S-Bahner die seit einigen Monaten vorgeschriebenen Kontrollen: „Es sind durch die Bank junge, neue Leute, die ein, zwei Stunden vorn mitfahren und protokollieren, wie man fährt und ob man alle Unterlagen dabeihat.“ So werde an einer unnötigen Stelle Druck aufgebaut. „Und mit Abmahnungen sind sie ganz schnell. Nur wenn es gut läuft, hört man nichts.“

Zwar gebe es rechnerisch genug Fahrer, aber der Nachwuchs werde meist über Bildungsgutscheine vom Jobcenter rekrutiert und sei oft „relativ schnell wieder weg“. Hinzu kämen Kleinigkeiten wie die wenigen Minuten Umkleidezeit am Tag, die die Bahn nicht mehr bezahle. „Also ist keine Dienstkleidung mehr vorgeschrieben, und eine der neuen Kolleginnen fährt in Jogginghose.“

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Alles in allem, resümieren die beiden altgedienten S-Bahner unabhängig voneinander, sei die Stimmung nicht besser als während der großen Krise, die 2009 begann. Allerdings ging es damals vor allem um Technikprobleme und Schlampereien bei der Wartung, um die Kosten zu drücken und vor dem geplanten Börsengang den Gewinn zu maximieren. Jetzt gehe es vor allem ums Personal. „Das Versprechen der damals neuen Geschäftsführung, dass Geld keine Rolle mehr spielt, gilt offenbar nicht mehr.“

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