Projekt "Nachtschicht" : Überstunden für den guten Zweck

Bei der Veranstaltung erdachten Kreative Werbekampagnen für den guten Zweck – bald ist das Ergebnis überall in Berlin zu sehen.

Niklas Liebetrau
Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Nachtschicht für den guten Zweck.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Nachtschicht für den guten Zweck.Foto: Andreas Ernst

Es herrscht kreatives Gewusel an diesem Abend. An den Wänden hängen bunte Zettel mit Slogans. Während Mitarbeiter von „wirDesign“, einer der größten Markenagenturen Deutschlands, konzentriert an ihren Laptops sitzen und beratschlagen, beginnt die Illustratorin Jana Dörfelt, in Windeseile ein Bild mit Bleistift und Pinsel zu malen.

Der Kunde, wie es in der Branche heißt, wünscht sich eine Überarbeitung seiner Leitfäden – und in dreißig Minuten ist Deadline. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffe. Aber ich versuche alles“, sagt sie mit verschmitztem Lächeln. Unter Zeitdruck etwas gestalten, das ist Alltag im Arbeitsleben eines Kreativen. Doch an diesem Abend ist alles ein bisschen anders.

Bei der schon zum sechsten Mal stattfindenden Nachtschicht am vergangenen Freitag ist nämlich nicht nur die Tageszeit (mitten in der Nacht) und der Ort (in den Räumen des Tagesspiegel-Verlags) ungewöhnlich – es sind vor allem die Kunden selbst.

Bei ihnen handelt es sich um sieben soziale Projekte aus Berlin. In einer einzigen Nacht erhalten sie eine Unterstützung, die sie sich wohl sonst niemals hätten leisten können. Eines dieser Projekte ist die Initiative „arbeiterkind.de“, die Schülerinnen und Schüler aus nichtakademischen Elternhäusern auf ihrem Weg zum Studium unterstützt. Die Illustratorin Dörfelt ist Teil des Kreativteams, das für arbeiterkind.de an diesem Abend alte Leitfäden neu gestaltet.

Überstunden spenden für den guten Zweck

Das Konzept der Nachtschicht ist so einfach wie genial: 50 Experten aus Berliner Kreativunternehmen stellen für acht Stunden ihr ganzes Wissen und Können in den Dienst von gemeinnützigen Organisationen. Mit dabei ist alles, was die Kreativbranche zu bieten hat: Grafiker, Web-Designer, Entwickler, IT- und Kommunikationsexperten, Fotografen und Marketingstrategen.

Statt Geld zu spenden oder ein Ehrenamt zu übernehmen, spenden sie ihre Kompetenzen und machen Überstunden für den guten Zweck. Die Idee ist nicht neu, sie wurde vor 15 Jahren in den Niederlanden geboren.

Sawsan Chebli begrüßte die Teilnehmer als Schirmfrau der Pro-Bono-Nacht.
Sawsan Chebli begrüßte die Teilnehmer als Schirmfrau der Pro-Bono-Nacht.Foto: Andreas Ernst

Auch in Deutschland ist das Konzept mittlerweile weit verbreitet. „Die Nachtschicht gibt es jetzt in 13 deutschen Städten“, sagt Hauke Brekenfeld, einer der Organisatoren. „50 Kreative arbeiten acht Stunden, das sind insgesamt 400 Stunden Arbeitszeit für sieben Projekte“, sagt er lächelnd. „Es ist erstaunlich, was in einer einzelnen Nacht alles geht.“

Die Initiatoren der Berliner Nachtschicht – die Kongressagentur pcma, die Berliner Kommunikationsagentur Omnis, das Netzwerk engagierter Unternehmen und gemeinnütziger Mittlerorganisationen UPJ sowie die Kombüse, Kommunikationsbüro für Social Entrepreneurship – freuten sich 2017 mit dem Kooperationspartner und Gründungshelfer Tagesspiegel sowie allen Unterstützern über den Engagement-Unternehmenspreis des Landes Berlin.

Wie jedes Jahr wurden sechs Projekte von einer Jury ausgewählt. Das siebte wird vom Tagesspiegel ausgeschrieben, der, wie immer, seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Das vom Tagesspiegel ausgewählte Projekt ist die „Women's Welcome Bridge“, eine Website, die Bekanntschaften zwischen Berlinerinnen und geflüchteten Frauen knüpft. „Wir sind so etwas wie ein digitales schwarzes Brett“, sagt Gabriele Kämper vom Träger des Projekts, dem Verein Raupe und Schmetterling. „Bei uns können Frauen sich melden, wenn sie Hilfe brauchen, helfen wollen, oder einfach das Bedürfnis nach einer netten Bekanntschaft haben.“

"Habe hier mitgemacht, um auch mal was zurückzugeben"

Weil das Projekt zwar leicht viele geflüchtete Frauen erreicht, aber bislang weniger potenziell engagierte Berlinerinnen, bewarb es sich bei der Nachtschicht. Gewünscht war die Gestaltung eines Plakats, das in ganz Berlin hängen könnte.

Das Kreativteam, bestehend aus zwei Fotografinnen, einer Texterin und einer Designerin, konnte die Anfrage an diesem Abend voll erfüllen und hatte trotz des langen Tages richtig Spaß. „Ich habe hier mitgemacht, um auch mal was zurückzugeben“, sagt die Fotografin Maike Kenn vom Berufsverband Freie Fotografen und Filmgestalter.

Sie hatte im Tagesspiegel von der Nachtschicht gelesen und sich bei der Helfen-Redaktion gemeldet: der Verband wolle gern beratend mitmachen. „Es gibt mir ein gutes Gefühl, weil ich mit meinem Know-how helfen und etwas leisten kann“, sagt Maike Kenn, während sie, passend zur Zeit, Mitternachtssuppe isst.

Die Plakate werden künftig überall in Berlin auf Werbeflächen der Firma Ströer zu sehen sein. Diese hatte sich im Vorfeld ebenfalls bereiterklärt zu helfen und stellt mindestens 100 Plakatwände zur Verfügung.

Dass Helfen Spaß machen kann, empfindet auch Bernd Alter. Er ist Technical Director von Turbine Kreuzberg. „Es ist toll, etwas zu tun, das einem Freude macht, und gleichzeitig eine soziale Komponente hat. Oft ist es ja so, dass man einfach nicht den Arsch hoch bekommt, wenn es darum geht, soziales Engagement zu zeigen“, sagt er schmunzelnd. „Hier kann ich helfen mit dem, was ich gut kann.“

Die Internet-Beratungsfirma Turbine Kreuzberg kümmert sich um digitale Strategie- und Technologiefragen von Unternehmen und Start-ups. Gemeinsam mit sechs Kollegen ist Alter an diesem Abend bei der Nachtschicht, um dem „big friends for youngsters e.V. (biffy)“ eine neue Website zu bauen. Biffy organisiert Patenschaften von Erwachsenen, um Kinder langfristig in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

„Ich liebe die Nachtschicht dafür, dass es sie gibt und dass sie das macht, was sie macht und das so ganz anders als viele andere“, sagte Staatssekretärin und Schirmfrau der Nachtschicht, Sawsan Chebli, zu Veranstaltungsbeginn. Sie bemerke, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt zu bröckeln drohe. Doch sie sehe auch eine starke Zivilgesellschaft.

„Wir sind mehr“, sagte sie. „Vielleicht sind wir leiser, aber wir sind mehr.“ Später, am Ende der Nachtschicht um 1.30 Uhr sieht man bei der Präsentation der Ergebnisse in viele übermüdete Gesichter. Doch vor allem sieht man hier noch etwas anderes: innovatives gesellschaftliches Engagement. Und das macht Mut.

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