• „Protected Intersections“ im Praxistest: Unfallforscher warnt vor „holländischen" Kreuzungen für Radfahrer

„Protected Intersections“ im Praxistest : Unfallforscher warnt vor „holländischen" Kreuzungen für Radfahrer

Auf die gepollerten Radwege sollten geschützte Kreuzungen folgen. Nach einem Praxistest in Berlin urteilt Unfallforscher Brockmann: Das Modell ist nicht sicher.

Unfallforscher Siegfried Brockmann als Test-Radfahrer. Gleich biegt der Sattelzug nach rechts ab - und sieht ihn nicht.
Unfallforscher Siegfried Brockmann als Test-Radfahrer. Gleich biegt der Sattelzug nach rechts ab - und sieht ihn nicht.Foto: Jörn Hasselmann

Fahrradaktivisten jubeln, wenn über Kreuzungen nach dem holländischen Modell gesprochen wird, den so genannten „Protected Intersections“. Doch nach einem Praxistest fällt der Unfallforscher Siegfried Brockmann nun ein vernichtendes Urteil und rät dem Land Berlin davon ab, Kreuzungen nach diesem Muster zu gestalten.

Brockmann leitet die Unfallforschung der Versicherer, er gilt als einer der renommiertesten und bekanntesten Experten. Zwei Drittel aller Unfälle zwischen Kraftfahrzeugen und Radfahrern geschehen an Kreuzungen und Einmündungen. Nach jedem von Lastwagen getöteten Radler wurde die Forderung nach einem Umbau von Kreuzungen lauter. Eine der Forderungen von ADFC und Radentscheid ist die Protected Intersection, also eine geschützte Kreuzung.

Eine Studie des Hamburger Ingenieurbüros Argus hat diesem Modell gerade positive Wirkung bescheinigt - in der Theorie. Am Donnerstag gab es nun den großen Praxistest der Unfallforschung, Daimler-Benz und den Autoren der Studie. Dazu hatte Brockmann den Zentralen Festplatz am Kurt-Schumacher-Damm gemietet, viel Platz also, um mit bunten Hütchen abgesteckte Kreuzungen mit 40-Tonnern zu befahren. Die Lastwagen waren von Daimler-Benz, hatten also Abbiegeassistenten an Bord.

Das Ergebnis sei der "Worst Case", sagte Brockmann nach dem Test, sichtlich konsterniert: "Die Kreuzung funktioniert nicht, und der Assistent funktioniert auch nicht." Tatsächlich waren bei Testfahrten parallel fahrende Radfahrer aus der Fahrerkabine heraus nicht zu sehen.

Bislang sei man davon ausgegangen, dass die Sicherheit steigt, wenn Radfahrer mit etwas Abstand zum Autoverkehr (einer Wagenbreite etwa) eine Kreuzung überqueren, sagte Brockmann - doch das ist völlig falsch. Und schlimmer noch: Die Warngeräte in den Fahrzeugen blieben stumm.

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Der beste Fall wäre gewesen, sagte Brockmann, dass das holländische Kreuzungsdesign so gut ist, dass gar kein Assistent benötigt wird. Dass weder Kreuzung noch der Assistent bei dieser Variante funktionierten, sei das schlimmstmögliche Ergebnis. "Alles was wir bislang an Förderung in die Abbiegeassistenten gesteckt haben, wäre auf einmal wertlos", sagt Brockmann.

Abbiegeassistenten wurden für "normale" Kreuzungen konstruiert

Wie berichtet, sind diese Warngeräte nach jahrelanger Diskussion für neue Sattelschlepper ab dem 1. Juli dieses Jahres gesetzlich vorgeschrieben, ab dem 1. Juli 2022 auch für Bestandsfahrzeuge. Konstruiert wurden sie für "normale" Kreuzungen, hier warnen die Geräte sicher. Brummifahrer Uwe Glückler, der am Dienstag einen der Test-Sattelschlepper lenkte, lobte: "Die Assistenzsysteme sind eine Erleichterung." Dennoch müsse man immer "für den Radfahrer mitdenken".

Unfallforscher Siegfried Brockmann (mit Helm) diskutiert mit Lkw-Fahrern.
Unfallforscher Siegfried Brockmann (mit Helm) diskutiert mit Lkw-Fahrern.Foto: Jörn Hasselmann

"Ich hätte mir diese Kreuzung als Lösung gewünscht", sagte Brockmann über das holländische Modell. Denn direkte Sicht sei immer besser als jeder Assistent. Bei dem holländischen Modell werden Radfahrer mit deutlichem seitlichen Abstand auf einem Radweg an die Kreuzung herangeführt. Derzeit sind die Radwege direkt an der Straße, Radfahrer oft hinter geparkten Autos nicht zu sehen.

Leicht zurückversetzt statt an der Einmündung einfach geradeaus: Radwege an "holländischen" Kreuzungen.
Leicht zurückversetzt statt an der Einmündung einfach geradeaus: Radwege an "holländischen" Kreuzungen.Grafik: Böttcher/Tsp

Doch nach dem Ergebnis des Praxistests warnte Brockmann die Berliner Verkehrsverwaltung, geschützte Kreuzungen wie angekündigt zu testen. Damit würden Radfahrer unnötig zu Versuchskaninchen gemacht: "Wenn der erste Radfahrer an einer solchen Kreuzung unter dem Laster liegt, wissen wir jetzt, warum."

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Diesem Urteil schloss sich der Leiter des Berliner Nutzfahrzeugzentrums von Daimler an. "Nach diesem Test sehe ich in den neuen Kreuzungen keinen Sinn mehr", sagte René Rudelt. "Ernüchtert" zeigte sich nach dem Praxisversuch auch der Autor der theoretischen Studie, Markus Franke: "Offenbar war das zu positiv dargestellt."

Verkehrsverwaltung hält am Test mit zwei Kreuzungen fest

Welche Kreuzungen umgebaut werden sollten, steht nach Angaben einer Verwaltungssprecherin immer noch nicht fest. Berlin werde aber am Test mit zwei Kreuzungen festhalten, auch nach den Ergebnissen vom Donnerstag. "Das niederländische Kreuzungsdesign kann nicht 1:1 auf Berlin übertragen werden. Wir werden das niederländische Modell daher an die Berliner Gegebenheiten anpassen und dabei auch alle bisherigen Erfahrungen und Tests mit einbeziehen", sagte die Sprecherin.

Vor zwei Jahren hatte die Verwaltung angekündigt, dass in Spandau beim Umbau der Kreuzung Nauener Straße/Brunsbütteler Damm "einige Elemente des Modells" berücksichtigt werden sollen. Dort war 2018 der achtjährige Constantin von einem abbiegenden Lastwagen getötet worden.  Der Tod des Kindes war Auslöser, die Kreuzung umzubauen. Mittlerweile hat es an der umgebauten Kreuzung einen weiteren schweren Unfall gegeben.

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