Protestforscher zu Corona-Skeptikern : Vom Impfgegner bis zum Rechtsextremen

Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen haben an Zulauf gewonnen. Die Teilnehmer sind politisch nicht eindeutig zu verorten. Nimmt der Protest noch weiter zu?

Menschen sind bei einer Demonstration auf dem Alexanderplatz auf den Springbrunnen "Brunnen der Völkerfreundschaft" geklettert.
Menschen sind bei einer Demonstration auf dem Alexanderplatz auf den Springbrunnen "Brunnen der Völkerfreundschaft" geklettert.Foto: Christophe Gateau/dpa

Teilnehmer von Protestveranstaltungen gegen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus haben zum Teil einen sehr unterschiedlichen politischen Hintergrund. „Es gibt Formen einer unterkomplexen Kritik, die nicht über links oder rechts definiert ist: „Die Medien verbreiten nur Lügen“ oder „die Regierung ist fremdgesteuert“. Das ist anschlussfähig an verschiedene politische Milieus“, sagte der Berliner Soziologe Simon Teune der Deutschen Presse-Agentur. „Die Veranstaltungen haben das Potenzial, verschiedene Gruppen anzuziehen, die eine ganz unterschiedlich motivierte Kritik haben“, so der Protestforscher an der TU Berlin.

„Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass es auch früher schon solche Berührungspunkte gab, zum Beispiel die Montagsmahnwachen gegen den Ukrainekrieg 2014.“ Sie seien ein Katalysator für die Verbreitung solcher Ideen gewesen.

„Die Mischung ist besonders, wir haben die Impfgegner, die hochgradig mobilisiert sind. Dann gibt es das extrem rechte Milieu“, erläuterte Teune. „Für die ist das ein gut passendes Puzzlestück in ihrer Erzählung, dass das „Merkelregime“ uns alle unterdrückt. Und so fügen sich da sehr unterschiedliche Teile zusammen.“

Die Motivlage von Teilnehmern solcher Veranstaltungen wie samstags vor der Berliner Volksbühne oder am vergangenen Mittwoch vor dem Reichstagsgebäude, bei der ein ARD-Team angegriffen wurde, sei durchmischt.

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„Es gibt Leute, die gegenüber den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu dem Virus generell skeptisch sind und sagen, so weitreichende Maßnahmen sind nicht gerechtfertigt“, sagte Teune. „Es ist aber auffällig, dass das nicht sehr konkret ist, sondern es eher um das Gefühl geht, eingeschränkt zu werden.“

Mehrere Hundert Menschen haben sich am Samstagnachmittag am Alexanderplatz zu einer nicht angemeldeten Zusammenkunft versammelt.
Mehrere Hundert Menschen haben sich am Samstagnachmittag am Alexanderplatz zu einer nicht angemeldeten Zusammenkunft versammelt.Foto: Christophe Gateau/dpa

Das verbinde sich nahtlos mit der populistischen Erzählung von einer Verschwörung der Eliten gegen die normalen Leute. „Deswegen ist es auch für Akteure von rechts interessant, sich da einzubringen. Es ist jetzt zu beobachten, dass das immer mehr von Neonazis, von der AfD, von den rechten Alternativmedien zum Thema gemacht wird.“

Teune geht davon aus, dass das Wachstumspotenzial solcher Veranstaltungen begrenzt ist. „Weil klar wird, dass da sehr kuriose Gestalten unterwegs sind, dass man es zum Teil mit extrem Rechten zu tun hat, die Journalisten angreifen. Das ist nichts, was für eine Massenmobilisierung taugt“, sagte er.

Dr. Simon Teune ist Protestforscher am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin.
Dr. Simon Teune ist Protestforscher am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin.Foto: promo

„Auch wenn es ein verbreitetes Unwohlsein mit den Corona-Maßnahmen gibt, werden viele sagen, wenn das passiert, dann ist das nicht meine Demonstration.“ Dass diese Demonstrationen so herausstechen, liege auch daran, dass es derzeit keine anderen größeren Straßenproteste gebe. „Es ist keine Riesensache, 1000 Leute auf die Straße zu bringen.“

Das heiße aber nicht, dass es in Zukunft nicht noch größere Proteste im Zusammenhang mit der Corona-Krise geben könnte. „Wir werden noch mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben als mit denen, die jetzt problematisiert werden. Wir werden wahrscheinlich harte Verwerfungen in Folge der Krise haben, die Menschen an existenzielle Grenzen bringen wird“, sagte Teune.

„Und das setzt noch einmal ein ganz anderes Potenzial frei für Protest. Aber das muss nicht heißen, dass der Protest von den Gruppen und von den Vorstellungen geprägt sein wird, über die wir heute reden.“ (dpa)

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