Raser in Berlin : Zahl illegaler Autorennen hat sich verdreifacht

Seit der Gesetzesverschärfung vor neun Monaten stoppte die Polizei bereits 150 illegale Autorennen. Vor allem im Westen wird gerast: am meisten am Ku’damm und auf der Stadtautobahn.

Eine Polizeikontrolle gegen Raser und aufgemotzte Autos am Kurfürstendamm im Jahr 2016.
Eine Polizeikontrolle gegen Raser und aufgemotzte Autos am Kurfürstendamm im Jahr 2016.Foto: Cay Dobberke

Die Zahl der illegalen Autorennen hat sich verdreifacht. Seit der Gesetzesverschärfung im Oktober 2017 stoppte die Polizei 150 Autorennen, also etwa 18 pro Monat. In den Jahren vor der Verschärfung waren es monatlich im Schnitt nur sechs. Diese Zahlen nannte die Innenverwaltung jetzt auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Daniel Buchholz. In der noch unveröffentlichten Antwort ist eine Liste der Straßen beigefügt, in denen es die meisten illegalen Rennen gibt. Einsamer Spitzenreiter ist der Kurfürstendamm mit 30 Anzeigen seit 2015. Auf dem zweiten Platz rangiert die Stadtautobahn A100 mit 15 Anzeigen. „Illegale Autorennen gefährden das Leben Unschuldiger und sind hart zu bestrafen“, sagte Daniel Buchholz.

Und genau das versucht die Berliner Justiz gerade. Den Angaben zufolge gibt es derzeit 213 Strafverfahren wegen illegaler Rennen, also deutlich mehr als die 150 von der Innenverwaltung gemeldeten. Dies sagte Andreas Winkelmann, er leitet bei der Berliner Amtsanwaltschaft die auf Verkehrsdelikte spezialisierte Abteilung. Die Justiz stufe zum Beispiel Verfolgsfahrten mit der Polizei ebenfalls immer als Autorennen ein, dies erkläre die höhere Zahl.

Mittlerweile gibt es die ersten Urteile wegen Autorennen. Winkelmann nannte diese Fälle: Ein Ku’dammraser bekam sechs Monate auf Bewährung, sein Auto wurde vom Gericht eingezogen. Für eine 90-minütige Verfolgungsfahrt mit bis zu Tempo 200 eines Betrunkenen, gab es 20 Monate Haft. Das Gericht setzte diese allerdings zur Bewährung aus – Winkelmann hat dagegen Berufung eingelegt. Auch bei zwei Urteilen, die nur mit Geldstrafen endeten, ist die Amtsanwaltschaft in Berufung gegangen. Ziel sei eine härtere Strafe, sagte Winkelmann. Vier der Urteile sind deshalb noch nicht rechtskräftig. In einem Fall sei der Raser mit einer geringen Buße davongekommen, weil die beiden Zeugen der Polizei völlig widersprüchlich ausgesagt haben.

Raserszene soll deutlich strenger überwacht werden

Wie im März berichtet, hatte die Justiz mit Spannung auf die ersten Verurteilungen gewartet. Der Bundestag hatte das Strafgesetzbuch auch im Gefolge des tödlichen Raser-Unfalls in der Tauentzienstraße so verschärft, dass Rennen auch ohne Unfall nicht mehr nur Ordnungswidrigkeiten sind. In der Tauentzienstraße war in der Nacht zum 1. Februar 2016 ein unbeteiligter Autofahrer getötet worden, als einer von zwei Rasern in seinen Wagen krachte. Die beiden jungen Männer waren nach Feststellung des Gerichts mit Tempo 170 über elf rote Ampeln gerast. Das Urteil – für beide lebenslang wegen Mordes – hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht. Im März dieses Jahres hatte der Bundesgerichtshof die Urteile aufgehoben, das letzte Wort ist hier also noch nicht gesprochen.

Der Berliner Senat hatte direkt nach diesem Unfall die Polizei gebeten, die Überwachung der Raserszene „deutlich zu intensivieren“, wie Innenstaatssekretär Torsten Akmann (SPD) sagte.  Kontrolliert werde auch, wenn keine Verstöße beobachtet wurden. „Verdachtsfreie Verkehrskontrollen potentieller Szenemitglieder bieten vielfältige abschreckende Einwirkungsmöglichkeiten“, schreibt Akmann. Seit Oktober 2017 dürfen Auto und Führerschein des Rasers beschlagnahmt werden. Dies werde konsequent gemacht, hieß es gleichlautend bei Polizei und Justiz. Mehrere Dutzend, meist hochwertige Fahrzeuge, stehen bereits in Hallen der Polizei.

Es wird weiter gerast

Die Amtsanwaltschaft will versuchen, diese Fahrzeuge endgültig einzukassieren. Dies gilt als besonders wirkungsvolles Mittel bei den meist jungen Rasern. Winkelmann hatte die so beschrieben: „Überwiegend Deutsche zwischen 20 und 30 mit – in dieser Reihenfolge – türkischen, arabischen und russischen Wurzeln.“ Die Täter verabreden sich meist spontan bei Zufallsbegegnungen oder konspirativ zu diesen Rennen.

Trotz der neuen Härte zeigen die Zahlen der Polizei, dass weiter gerast wird. Am Kurfürstendamm wurden im ersten Halbjahr bereits acht Rennen gestoppt, im ganzen Jahr 2017 waren es zehn. Auf der A100 hat es in den ersten sechs Monaten 2018 mehr Rennen gegeben, als in den drei Jahren zuvor zusammen. Buchholz fordert deshalb eine Ausweitung der Kontrollen. „Gefährlichen Rasern und lautstarken Angeberfahrern müssen klare Grenzen gesetzt werden“, sagte der SPD-Abgeordnete. Wie berichtet, hat die Rot-rot-grüne Koalition mehr Geld für stationäre Blitzer bereitgestellt, zehn neue Säulen sollen in diesem Jahr aufgestellt werden – allerdings nicht am Ku’damm.

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