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Risse in Wagenkästen entdeckt : Berliner S-Bahn zieht elf Doppelwagen aus dem Verkehr

Schlechte Nachrichten für S-Bahnkunden: Elf Züge müssen wegen eines Defekts aufs Abstellgleis. Immerhin lassen sich die DDR-Wagen noch reparieren.

Mitarbeiter reparieren die Achsen eines S-Bahn-Wagens.
Mitarbeiter reparieren die Achsen eines S-Bahn-Wagens.Thilo Rückeis

Neue Hiobsbotschaft für die Berliner S-Bahn und ihre Fahrgäste: An einer Baureihe wurden Risse in den Wagenkästen entdeckt. Elf von 70 Doppelwagen der Baureihe 485 seien derzeit abgestellt. Am Dienstagnachmittag sagte S-Bahn-Chef Peter Buchner bei einem Besuch in der Hauptwerkstatt Schöneweide, dass die Züge mit großer Wahrscheinlichkeit repariert werden können, dafür werden Experten aus Nordrhein-Westfalen herangezogen. Voraussichtlich bis Ostern werden die Züge ausfallen. So lange werden auf der S85 nur Züge mit vier Wagen fahren und nicht mit sechs Wagen. Auch auf der S46 werden einige kürzere Züge unterwegs sein. Fahrten sollen deswegen nicht ausfallen.

Immerhin lassen sich die Wagen aus DDR-Produktion noch reparieren. Die BVG steht bekanntlich vor dem weit größeren Problem, dass eine komplette Serie der U-Bahn wegen ähnlicher Risse verschrottet werden muss. Die Risse lassen sich nicht mehr schweißen. Nur noch zwölf von 70 Wagen dürfen noch fahren.

Buchner bezeichnete die am Wochenende durch eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Tino Schopf bekannt gewordenen neuen Zahlen zu Ausfällen bei U- und S-Bahn als falsch. Die Senatsverkehrsverwaltung hatte unter Berufung auf Zahlen der Bahn eine erstaunlich hohe Zahl von Ausfällen genannt. Insgesamt seien in den ersten zehn Monaten 2,3 Millionen Zugkilometer ausgefallen.

Ein Zug der Baureihe 485 in der Werkstatt Schöneweide der Berliner S-Bahn
Ein Zug der Baureihe 485 in der Werkstatt Schöneweide der Berliner S-BahnFoto: Jörn Hasselmann

Drei große Ursachen gibt es laut Senat: 82 Prozent der Ausfälle und 37 Prozent der Verspätungen sind hausgemacht von der S-Bahn, also Fahrzeugstörungen oder fehlendes Personal. Sieben Prozent der Ausfälle und 28 Prozent der Verspätungen verursachte in diesem Jahr der Mutterkonzern Deutsche Bahn, der für das Netz verantwortlich ist: Signal- oder Stellwerksstörungen, gebrochene Gleise und klemmende Weichen. Addiert ist die Bahn also an 89 Prozent der Ausfälle schuld. Nur elf Prozent der Ausfälle und 35 Prozent der Verspätungen haben externe Ursachen, dies sind vor allem Polizei- und Notarzteinsätze und in geringerem Maß Folgen extremer Witterung.

Verkehrsverwaltung: Ausfälle kommen die Bahn teuer zu stehen

Der Darstellung des Senats widersprach Buchner. Es fehlten zum Beispiel Zahlen für Bauarbeiten. Woher der Senat die Zahlen habe, sei ihm unklar: „Uns haben sie nicht gefragt.“ Die Verkehrsverwaltung hatte auch mitgeteilt, dass die Ausfälle die Bahn teuer zu stehen kommen. In den ersten zehn Monaten hatte die erbrachte „Minderleistung“ einen Wert von 16,3 Millionen Euro. Fast 14 Millionen Euro haben die Länder Berlin und Brandenburg bereits einbehalten, hieß es in der Antwort. Endgültig abgerechnet werde erst im kommenden Jahr, teilte die Verkehrsverwaltung mit.

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Bei der S-Bahn war die Zahl der Ausfälle die ersten fünf Monate des Jahres 2019 noch im grünen Bereich. Der Juni war eine Katastrophe – 313 000 Zugkilometer fielen laut Senat aus – danach pendelten sich die Ausfälle bis Oktober auf ein hohes Niveau ein. Buchner bestätigte, dass die Pünktlichkeit im Juni auf 92 Prozent abgestürzt sei, Grund seien eine zweitägige technische Störung und ein Tag mit Sturm gewesen. Im Juli habe die Pünktlichkeit bei 97 Prozent und im November noch bei 95 Prozent gelegen.

2018 waren es im Schnitt 95 Prozent. „Pünktlich“ ist ein Zug für den Verkehrsverbund VBB, wenn er weniger als vier Minuten Verspätung hat. Der VBB fordert, dass 520 Züge in Betrieb sind – bekanntlich muss die S-Bahn seit Jahren um jeden einzelnen Zug kämpfen. Im Jahresmittel 2018 fuhren nur 511 Züge.

Seit 2017 werden die verbliebenen 70 Viertelzüge dieser Baureihe nach und nach modernisiert. Buchner sagte am Dienstag, dass die Züge nur noch drei Jahre halten müssen, dann können sie in den Schrott, weil dann die neuen Züge fertig sind der Baureihe 483/484.

Auch bei der BVG gibt es mehr Ausfälle als sonst

Auch bei der BVG gibt es mehr Ausfälle als sonst, vor allem in der Sparte U-Bahn. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres fielen mehr als 550.000 Kilometer Zugfahrt aus, die Streiks im Frühjahr sind nach Angaben des Senats aus dieser Zahl schon herausgerechnet. Auch die BVG nannte defekte Fahrzeuge und fehlende Fahrer als Hauptgründe für diese Entwicklung.

Ein wichtiger Auslöser, dass es in diesem Jahr deutlich bergab ging, sei die Zunahme von Vandalismus und Graffiti: In diesem Jahr werden etwa 70.000 Kilometer U-Bahn-Fahrten nur deswegen ausfallen, das sind fast vier Mal so viel wie im Vorjahr. Da waren es gerade einmal 18 793 Kilometer.

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