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Nach Schüssen auf André Sommer: Rockergewalt provoziert politischen Streit

Erst der Maulwurf-Skandal, dann ein Anschlag auf einen bekannten Rocker: Die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus will jetzt genau wissen, was sich da hinter den Kulissen tut. Das LKA beobachtet die Szene, hält sich aber mit neuen Informationen zurück.

Während André Sommer weiter im Koma liegt, haben Polizisten in der Nacht zu Montag die Wohnung und Kneipe des Rockerbosses durchsucht. Sie erhoffen sich Hinweise darauf, wer den 47-jährigen Gastronom am Sonntag in Hohenschönhausen niedergeschossen hat. Bewaffnete Beamte bewachen das Krankenzimmer des Hells Angel im Weddinger Virchow-Klinikum – schließlich lebt Sommer noch, während der Schütze wohl dessen Tod gewollt hatte. Hinzu kommt, dass Sommer den Täter erkannt haben dürfte.

Rocker, Beamte und Juristen gehen davon aus, dass sich Sommer an das Schweigegelübde halten wird, das unter Rockern üblich ist. Mitglieder der Hells Angels werden sich womöglich selbst um die Verfolgung des Täters kümmern. Die Angehörigen Sommers jedenfalls haben die Ärzte der Klinik nicht von ihrer Schweigepflicht entbunden. Diese Rechtstradition, erklärten Juristen, habe ein so hohes Gewicht, dass unwahrscheinlich sei, dass die Ärzte demnächst mit den Behörden über Details der schweren Schussverletzungen sprechen. Sommer ist verheiratet und hat zwei Söhne. Der 47-Jährige war bis vor zwei Wochen Präsident des Hells-Angels-Charters „Nomads“ im Osten der Stadt.

Von schwierigen Ermittlungen geht auch der Leiter des Landeskriminalamtes (LKA), Christian Steiof , aus. Er war für Montag in den Innenausschuss des Abgeordnetenhauses eingeladen worden – und zwar weil es bei geplanten Verboten von Dependancen der Hells Angels und der Bandidos vor zwei Wochen offenbar Pannen gegeben hatte. Die Rocker – auch die Nomads – hatten mit dem Vereinsverbot durch Innensenator Frank Henkel (CDU) gerechnet und ihre Gruppen aufgelöst. Die Rocker seien Steiof zufolge derzeit dennoch „stark verunsichert“. In Berlin würden Ex-Mitglieder der aufgelösten Hells-Angels-Charter nun „herumirren“, gleiches gelte für die Unterstützervereine, denen oft jüngere Männer angehören.

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In den vergangenen Jahren haben sich viele einst unabhängige Rockerklubs den Hells Angels oder Bandidos angeschlossen, die dadurch etwa im Rotlichtmilieu an Einfluss gewannen. Weil im Ausschuss aber weder Steiof noch seine ebenfalls anwesende Chefin, die amtierende Polizeivizepräsidentin Margarete Koppers, viel Aktuelles zur Rockerszene sagten, ärgerte sich die Opposition. Stundenlang hatten die Abgeordneten wohl auf Neues aus der Szene gewartet, die Sitzung endete jedenfalls mit einem Eklat: Grüne, Linke und Piraten griffen Senator Henkel scharf an, auch weil im Ausschuss über das mögliche Informationsleck bei den Behörden gesprochen werden sollte, durch das die Rocker von den bevorstehenden Verboten erfahren haben könnten.

"Das ist das erste Mal, dass ich ihn rumschreien sehe", sagte ein Abgeordneter über Henkel.

Insbesondere Innenpolitiker Benedikt Lux (Grüne) machte Senator Henkel schwere Vorwürfe und sagte über den LKA-Vortrag: „Das haben wir schon vor einem Jahr gehört“ – nicht ohne sich bei Ermittler Steiof vorab für diese direkten Worte zu entschuldigen. Henkel wurde wütend und sehr laut. Ein Abgeordneter sagte: „Das ist das erste Mal, dass ich ihn rumschreien sehe.“ Lux und der Innenexperte Udo Wolf (Linke) planen nun, eine Sondersitzung des Innenausschusses zu Rockern zu beantragen. Unmittelbar vor der Sommerpause zu versäumen, Wesentliches zur Rockerszene mitzuteilen, sei ein „Spiel auf Zeit“, sagte Wolf. Der Innensenator wies den Vorwurf zurück.

Die Abgeordneten hatten fast drei Stunden über Glücksspiel, Hauptstadtflughafen und Homophobie gesprochen. Am Ende sei wegen anstehender Termine die Zeit zu knapp gewesen, hieß es von der Ausschussleitung, um umfassend über die internen Polizeiermittlungen zu den Informationspannen der vergangenen Wochen zu sprechen.

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Unter Rockern und in Justizkreisen wird derweil über den Hintergrund der Schüsse vom Sonntag spekuliert. Kenner der Szene berichteten am Dienstag von etwaigen Aktivitäten Sommers im Rotlichtmilieu. Bekannt ist, dass einzelne Rocker in der Vergangenheit am Strich in der Oranienburger Straße in Mitte von säumigen Freiern den Hurenlohn für dort arbeitende Prostituierte eingetrieben haben. Rund um einschlägige Lokale hatte es außerdem Auseinandersetzungen mit anderen Banden und Zuhältern gegeben. Beamte schließen auch eine interne Fehde nicht aus.

André Sommer gilt als möglicher Chef einer neuen Dependance der Berliner Hells Angels. Zuletzt konnte die Gruppe auch durch das strategische Vorgehen von Sommer viele Bandidos zum Seitenwechsel bewegen. Vorerst sollen sich die Männer der aufgelösten Charter im Berliner Umland treffen.

Die Kneipe Sommers, der „Germanenhof“ in Hohenschönhausen, galt in den 90er Jahren als Treff von Neonazis. Der Rocker hatte sich allerdings im Gespräch mit dem Tagesspiegel von Rechtsextremen distanziert.

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