Schulberater : "Mobbing braucht keinen Anlass, Mobbing ist kein Konflikt"

Die Werner-Bonhoff-Stiftung coacht Schulen im Umgang mit Mobbing. Ihr Leiter über Vernichtungsfeldzüge, Hilflosigkeit und die Reinickendorfer Hausotter-Schule.

Seit es Cybermobbing gibt, hört Schikane für viele Kinder nicht mit dem Schulschluss auf.
Seit es Cybermobbing gibt, hört Schikane für viele Kinder nicht mit dem Schulschluss auf.Foto: picture alliance / dpa

Till Bartelt ist Leiter der in Berlin sitzenden Werner-Bonhoff-Stiftung. Diese beschäftigt sich seit dem Jahr 2010 mit Mobbing unter Schülern und begleitet bundesweit Schulen im Umgang damit. Aktuell berät die Stiftung fünf Schulen in Berlin, die Hausotter-Schule ist nicht darunter. Das 2017 initiierte Projekt "Wachsame Schule" entwirft Handlungspläne gegen Mobbing und Gewalt.

Herr Bartelt, seit 2010 unterstützt die Werner Bonhoff Stiftung Schulen im Kampf gegen Mobbing. Hatten Sie jemals Kontakt zur Hausotter-Schule?
Nein, das hatten wir nicht. Alles was bisher über die Situation vor Ort bekannt ist weist darauf hin, dass wir mit der Schule nicht handlungseinig geworden wären.

Warum nicht?

Unser Ansatz im Programm "Wachsame Schule" setzt voraus, dass die Schule ein Bewusstsein für die eigene Verantwortung entwickelt hat und sagt: Wir wollen in der Reaktion auf Mobbing und Gewalt besser werden. Wenn diese Bereitschaft fehlt, ist Hilfe von außen kaum sinnvoll.

Erleben Sie die Schulen generell als offen für Hilfe von außen?

Leider viele nicht. Was viele Schulen bislang getan haben, ist oft ziemlich hilflos und führt im Regelfall nicht zur Beendigung der Angriffe - eher wechseln die Betroffenen die Schule. Wenn ich jetzt höre, dass die Leiterin der Hausotter-Grundschule Konfliktlotsen eingesetzt hat, dann spricht das dafür, dass sie sich mit dem Thema Mobbing nicht intensiv beschäftigt hat. Konfliktlotsen sind kein passendes Element gegen Mobbing, die Schule kann sich damit nicht ihrer eigenen Handlungspflicht entledigen. Das ist übrigens ein sehr beliebtes Mittel, eigene Verantwortung wegzudelegieren.

Till Bartelt, Leiter der Werner-Bonhoff-Stiftung.
Till Bartelt, Leiter der Werner-Bonhoff-Stiftung.Foto: Privat

Was hilft stattdessen?

Die Schulen können sofort Verbesserungen erzielen durch organisatorische Maßnahmen. Ein nicht abgestimmtes Vorgehen im Kollegium ist zum Beispiel eine Schwachstelle, die schnell abgestellt werden kann. Auch wichtig: Die gesteckten Ziele müssen realistisch sein.

Wie schnell können Erfolge erzielt werden?

Wenn es drei Monate dauert, um Maßnahmen gegen ein erkanntes Mobbing zu ergreifen, ist das schon zu lang. Der Normalfall an Schulen ist jedoch noch viel länger. Ich kenne reihenweise Fälle, in denen ein Schuljahr oder mehr Zeit vergeht, ehe etwas Wirksames unternommen wird. Das ist inakzeptabel, weil niemand weiß, wo Mobbing endet.

Wie schwer ist es für eine Schule, Mobbing zu erkennen?

Sie muss es erkennen wollen, sich ihrer eigenen Handlungspflicht bewusst werden. Sie muss sich das Vertrauen der Schulgemeinschaft verdienen. Dann erhält die Schule auch frühzeitig von Eltern, Schülern und Lehrern die Informationen, die sie braucht, um Mobbing frühzeitig und sicher zu erkennen. Nur dann kann das funktionieren.

Wer ist besonders häufig von Mobbing betroffen?

Mobbing braucht keinen Anlass, Mobbing ist kein Konflikt. Jeder Fall von Mobbing ist ein kleiner Vernichtungsfeldzug gegen denjenigen, der gemobbt wird. Es kann jeden treffen. Für die Bekämpfung von Mobbing ist auch egal, welche Gründe für die Angriffe die Täter vorschieben.

Was macht das mit den Betroffenen?

Sie sind oft überfordert, verzweifelt, schämen sich. Mobbing strahlt auf alle aus, die davon erfahren, auch auf Beobachter. Das gilt auch für den Umgang der Schule mit dem Thema. Sehe ich als Schüler, dass anderen nicht geholfen wird, betrachte ich selbst die Schule nicht als Hilfe.

Welche Rolle haben die Eltern?

Eltern sind ein guter Indikator für Mobbing an der Schule. Sie wenden sich an die Schule oder mit Hilferufen an uns, wir kontaktieren die Schulen und wenn nötig auch die Schulaufsichtsbehörden. Die Macht, etwas an dem Problem zu ändern, haben aber weder wir noch die Eltern. Am Ende bleibt ihnen die Anzeige.

Eltern können Schulen verklagen, wenn ihre Kinder dort gemobbt werden?

Klar können sie Anzeige gegen die Schule erstatten und sie sollten es viel öfter tun. Das kann dazu beitragen, dass sich Schulen ihrer Verantwortung bewusst werden. Wie gesagt: Es ist unheimlich wichtig, dass Schulen ihre eigenen Pflichten erkennen und von sich aus aktiv werden. Nur dann kann Mobbing wirksam bekämpft werden.

Das Gespräch führte Robert Kiesel.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!