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Auf einer Wellenlänge. Im nautischen Dienst an der Schule Schloss Salem am Bodensee lernen Schüler:innen das Segeln.
© Christoph Widmann

Privatschulen und Corona: „Das soziale Miteinander ist im Lockdown zu kurz gekommen“

Internate und Privatschulen haben seit Beginn der Pandemie großen Zulauf. Was sich Familien davon versprechen.

Die Zahl der Privatschulen steigt bundesweit. Im vergangenen Schuljahr gab es laut dem Statistischen Bundesamt 5 855 allgemeinbildende und berufliche Schulen in freier Trägerschaft – knapp 80 Prozent mehr als Anfang der neunziger Jahre. Mehr als eine Million Kinder und Jugendliche besuchen heute private Schulen in Deutschland, das sind etwa 10 Prozent aller Schüler:innen.

Dabei könnten die Debatten über freie Schulen kaum kontroverser sein. Wo viele den elitären Charakter käuflicher Bildungsprivilegien kritisieren, sehen andere eine Bereicherung für das staatliche Schulwesen.

Michael Buechler, Leiter der Schulstiftung Pädagogium Baden-Baden, findet, dass Privatschulen eine Vorbildfunktion haben. „Sie sind viel flexibler und zeigen sich immer wieder bereichernd und als Impulsgeber“, sagt der 64-Jährige, der auch Ehrenpräsident beim Verband Deutscher Privatschulverbände (VDP) ist.

Dass die Zahl der Anmeldungen im Zuge der Corona-Pandemie noch einmal angestiegen ist, überrascht ihn nicht. „Das haben wir natürlich gemerkt“, so Buechler.

An den Privatschulen habe man mit Ausbruch der Pandemie mehr Möglichkeiten gehabt, neue Konzepte zu integrieren. „Der Online-Unterricht war viel schneller aufgestellt, teils schon nach einer Woche waren alle mit Endgeräten ausgestattet - während an staatlichen Schulen Eltern teilweise zu den Lehrkräften fahren und Kopien abholen mussten“, sagt er.

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Der VDP vertritt über 2500 private Bildungseinrichtungen, darunter allgemeinbildende Schulen, Sprach- und Gesundheitsschulen. Insgesamt habe sich das Privatschulwesen hierzulande gut entwickelt, so Buechler. Besonders in den neuen Bundesländern seien in den vergangenen 30 Jahren viele Schulen entstanden. „Die Eltern suchen Plätze für ihre Kinder nach ihrem Bedarf“, so Buechler – das könne eine bestimmte Werteorientierung sein oder auch ein sportlicher Schwerpunkt.

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Den Vorteil von Privatschulen sieht er vor allem darin, dass man den Schüler:innen unterschiedliche Angebote machen und schneller auf aktuelle Anforderungen reagieren könne, etwa in Form von AGs, IT-Kursen oder politischen Diskussionen.

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Seit dem Schuljahr 2020/2021 melden auch immer mehr Eltern ihre Kinder in den Internaten an. „Wir haben eine starke Nachfrage“, bestätigt auch Brigitte Mergenthaler-Walter, Schulleiterin und Oberstudiendirektorin der Schule Schloss Salem. Der Trend habe schon im Herbst 2020 begonnen. Die Gründe für das gewachsene Interesse an dem Internatsgymnasium am Bodensee sieht sie zum einen in der Attraktivität des Campus – 2019 habe die Schule 21 Millionen Euro investiert, um dort neue Veranstaltungs- und Wohngebäude zu bauen. Zum anderen in dem Konzept der ganzheitlichen Bildung, das die Schule vertritt. „Das soziale Miteinander ist im Lockdown zu kurz gekommen. Viele Jugendliche flüchten sich in die digitale Welt – die Eltern wünschen sich wieder ein ,reales Leben‘ für ihre Kinder“, beobachtet Mergenthaler-Walter.

Brigitte Mergenthaler-Walter it Schulleiterin und Oberstudiendirektorin der Schule Schloss Salem.
Brigitte Mergenthaler-Walter it Schulleiterin und Oberstudiendirektorin der Schule Schloss Salem.
© Ilja Mess

Die Schule Schloss Salem gehört zu den bekanntesten Internaten in Deutschland. Gegründet 1920 von Prinz Max von Baden und dem Erlebnispädagogen Kurt Hahn, legt das Internat bis heute Wert auf seinen reformpädagogischen Ansatz. Mit 600 Schüler:innen aus 45 Nationen wirbt die Schule für das vielfältige Umfeld, in dem „Kinder und Jugendliche durch gemeinschaftliche Erfahrungen“ gestärkt und ihnen „Räume zur individuellen Entfaltung“ eröffnet werden. Neben Sportangeboten stehen Demokratieerziehung und die Erziehung zur Verantwortung durch verpflichtendes soziales Engagement auf der pädagogischen Agenda.

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„Der Staat könnte sich mehr um die freien Schulen kümmern“

Freie Schulen gelten als Ersatzschulen und stehen, wie die öffentlichen Schulen auch, unter staatlicher Aufsicht. Mit dem sogenannten „Sonderungsverbot“ verlangt das Grundgesetz von freien Schulen, dass „eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird“. Eine Studie der Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH stellte 2016 dagegen heraus, dass die beabsichtigte soziale Durchmischung der Privatschulen nicht stattfinde. Ein Grund sei etwa die „gesetzliche Nicht-Regelung“ über eine Höchstgrenze für Schulgelder.

Darin, dass Eltern für die Bildung ihrer Kinder zahlen sollen, sieht Michael Buechler einen Systemfehler. „Der Staat zahlt nur einen Anteil für die Schüler, deshalb müssen die Eltern zuzahlen. Der Staat könnte sich stattdessen etwas mehr um die freien Schulen kümmern“, meint er. Damit es eine soziale Durchmischung gebe und die Erziehung nicht nur vom Einkommen der Eltern abhänge, böten die freien Schulen etwa Teil- und Komplett-Stipendien an. „Ich habe noch keine einzige Institution gesehen, die Schüler:innen aus finanziellen Gründen nicht angenommen hat“, sagt er.

Auf Schloss Salem werden nach eigenen Angaben jährlich rund 20 Prozent der Schüler:innen durch ein Teilstipendium gefördert. Brigitte Mergenthaler-Walter befürwortet dies: „Wir wollen nicht nur Exklusivität für die, die sich das leisten können, sondern wir wollen auch ein Abbild der Gesellschaft sein.“ Zu den leistungsbezogenen Stipendien von monatlich 500 Euro können je nach den Einkommensverhältnissen der Familie weitere Zuschüsse übernommen werden.

Auch die decken aber nicht alle Kosten ab. Die Schul- und Internatsgebühren betragen monatlich bis zu 4150 Euro. An der renommierten Institution anmelden kann sich längst nicht jeder. Auf der Webseite werden als Ziel 30 Prozent geförderte Schüler:innen genannt.

Aktuell seien die Anfragen für Nachlässe angestiegen, auch als Folge des Kriegs in der Ukraine, so Mergenthaler- Walter. Doch „aus finanziellen Gründen muss kein Schüler unsere Schule verlassen. Da versuchen wir Lösungen zu finden“, sagt sie.

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