Homeoffice und Homeschooling in Berlin : „Die Eltern sollen nicht die Lehrerrolle übernehmen“

Wie können Berliner Eltern Homeschooling und Homeoffice verbinden? Schulpsychologin Justyna Menke gibt Tipps. Ein Interview

Das Kind lernt, die Eltern arbeiten, alle sind zu Hause.
Das Kind lernt, die Eltern arbeiten, alle sind zu Hause.Foto: imago images/photothek

Justyna Menke, 38, arbeitet als Schulpsychologin am Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum (SIBUZ) in Steglitz-Zehlendorf und in eigener Praxis in Berlin-Friedenau als Supervisorin und Coach.

Viele Eltern stehen momentan vor der Herausforderung, Homeoffice und Homeschooling verbinden zu müssen. Was raten Sie den Eltern?
Ich finde es wichtig, die Eltern vor dem Druck zu schützen, der jetzt auf ihnen lastet. Zunächst einmal sollte man ein Verständnis für sich und für die Situation des Kindes entwickeln, dessen Welt quasi von heute auf morgen zusammengebrochen ist. Man sollte sich zugestehen, dass es jetzt nicht so läuft wie sonst und dass auch nur im seltenen Fall alles zu schaffen ist. Ob und in welcher Form sich Homeoffice und Homeschooling vereinbaren lässt, hängt von vielen Faktoren ab. Es ist ein Unterschied, ob man ein Kind oder mehrere hat, wie alt die Kinder sind und inwiefern die Kinder in der Lage sind, selbständig und konzentriert zu arbeiten. Dazu kommt, dass die digitale Form der Beschulung viel Mitarbeit der Eltern voraussetzt: Man soll etwas ausdrucken, wieder einscannen, mailen und Computerprogramme bedienen. Das ist ein enormes zusätzliches Arbeitspensum. Für manche Familien ist das „nebenbei“ gar nicht machbar. Nicht ganz unbedeutsam ist ebenfalls das Aufgabenpensum, das von den Eltern seitens deren Arbeitsgeber abverlangt wird.

Was macht die Verbindung von Homeoffice und Homeschooling so schwer?
Es liegt jedenfalls nicht daran, dass die Eltern nicht belastbar genug wären. Aber das menschliche Gehirn ist bewiesenermaßen zum Multitasking unfähig, und außerdem ist das sprichwörtliche „ganze Dorf“, das man braucht um ein Kind groß zu ziehen, auf einen Schlag weggefallen. Im Moment kommen bei Familien, von denen viele ohnehin unter der statistischen Armutsgrenze leben, existenzielle Sorgen, Ausgangsbeschränkungen, gesperrte Spielplätze, Sorgen um eventuell erkrankte Verwandten und der (zu recht empfohlene) Verzicht auf die häufig so bedeutsame Ressource Großeltern hinzu. 

In welchen Konstellationen kann beides gleichzeitig funktionieren?
Wenn das Kind schon älter ist, etwa ab der siebten Klasse, kann man davon ausgehen, dass es in der Lage ist, die Nachrichten und Aufgaben der Lehrer zu koordinieren, zu beantworten und mit überschaubarer Hilfestellung selbständig zu schaffen. Bei Kindern im Grundschulalter, speziell in den ersten drei bis vier Jahrgangsstufen, die es gewohnt sind und die es brauchen, in ihrem Klassenverband zu lernen, eine Lehrerin zu haben, die professionell erklärt und unterstützt, kann man das nicht erwarten. Hier ist es nötig, dass man sich in Ruhe und emotional zugewandt zum Kind setzt und präsent ist. Nebenbei zu arbeiten geht dann nur zeitlich versetzt.

Justyna Menke arbeitet als Schulpsychologin am Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum (SIBUZ) in Steglitz-Zehlendorf und in eigener Praxis in Friedenau als Supervisorin und Coach.
Justyna Menke arbeitet als Schulpsychologin am Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und...Foto: privat

Sie haben selbst drei Kinder im Schulalter, zwei im Grundschulalter und eine Tochter in der siebten Klasse. Wie schaffen Sie es?
Es ist schwierig. Meine eigentliche Arbeit kann ich oft erst abends oder nachts erledigen, nachdem die Kinder eingeschlafen sind. Erhöhte Belastungen im Haushalt kommen ja noch hinzu, solange sich dort alle aufhalten und versorgt werden müssen. Von der Zeit für sich, um Kraft zu tanken, und für die Paarbeziehung ganz abgesehen.

Was ich aber feststellen konnte, ist, dass die Struktur, die wir angelehnt an die Arbeitspläne der Lehrer in der ersten Woche gemeinsam vereinbart haben, jetzt in der dritten Woche so langsam greift. Es lohnt sich also definitiv dran zu bleiben. Am Anfang war es chaotisch. Es ist wichtig sich als Eltern einzugestehen, dass das Chaos zu Beginn ganz normal ist und dass man flexible Lösungen braucht.

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Was hat bei Ihnen gut funktioniert?
Wir haben eine Art „Klassenzimmer“ für die drei Kinder bestimmt. Die Kinder hatten die Idee, dass sie in dem Zimmer zusammen Schule machen. Sie helfen sich gegenseitig, und es entsteht eine Gruppendynamik, die die Lernmotivation begünstigt. Wird es zu laut, muss aber auch mal eine Weile in unterschiedlichen Zimmern gelernt werden.

Wie wichtig ist es, eine geregelte Tagesstruktur zu schaffen?
Sehr wichtig. Emotionale Stabilität der Eltern und eine Struktur geben den Kindern Sicherheit und wirken einer in der Krisenzeit möglicherweise entstehenden Angst präventiv entgegen. Die Kinder in die Planung miteinzubeziehen, beeinflusst positiv deren Lernmotivation. Man vereinbart zum Beispiel, dass täglich spätestens um 10 Uhr angefangen wird, dann kommen, mit Pausen dazwischen, ein paar Lerneinheiten, 30 Minuten bis eine Stunde lang, dann eine längere Pause und am Nachmittag vielleicht noch mal eine Lerneinheit. Vielleicht ist es sogar möglich den Tag nach dem Frühstück mit einem Spaziergang, der an einen Schulweg erinnert, zu beginnen.

Was kann man tun, wenn ein Kind sich verweigert?
Im günstigsten Fall hat das Kind von der Schule einen Arbeitsplan bekommen, auf dem steht beispielsweise: eine Stunde Deutsch am Tag, eine Stunde Mathe, und dann vielleicht noch kürzere Einheiten für die anderen Fächer. Es wäre hilfreich diesen Plan in Absprache mit den Lehrern an die individuellen kognitiven Voraussetzungen des Kindes zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen.

Realistische Ziele, die Möglichkeit für Lernerfolge und kleine Schritte wirken motivationsfördernd. Auf den Alltag runtergebrochen heißt das zum Beispiel, dass man mit einer Lerneinheit beginnt, die das Kind selbst mag. Wenn es gerne malt, fängt man mit Kunst an und bemalt zum Beispiel Ostereier. Hat das Kind mit einem bestimmten Fach Schwierigkeiten ist es sinnvoll, in Absprache mit der Lehrkraft die Mindestanforderungen zu erledigen und diese mit Aufgaben aus einer spannenden App für das Fach zu ergänzen.

Die Eltern sollten nicht die Lehrerrolle übernehmen. Ihre Aufgabe besteht vor allem darin, die Kinder bei der Bearbeitung zu unterstützen und zu motivieren. Die Kinder bekommen die Aufgaben von der Schule gestellt, und es hilft, dies so mit Kindern zu besprechen und dann zu klären: Wie kann ich dich darin unterstützen, die Aufgaben schnellstmöglich zu erledigen, damit du mehr Zeit für anderes hast?

Und bei älteren Schülern?
Auch bei Jugendlichen hilft es, mit ihnen abzusprechen, welches Aufgabenpensum auf der Agenda steht und zum Beispiel zu vereinbaren, dass man nach einer bestimmten Zeit oder am Abend bespricht, wie es gelaufen ist oder wo es noch Klärungsbedarf gibt. Auch Freunde des Kindes  können per Telefon oder Video-Chat zu Lernpatenschaften eingeladen werden. 

Manche Schüler und Eltern klagen, dass die Lehrer zu viele Aufgaben geschickt haben. Wie erleben Sie das?
Die Aufgabenmenge, die teilweise mehrmals täglich über verschiedene Kanäle ankommt, kann durchaus als überfordernd erlebt werden. Es verwundert mich aber nicht, weil die Lehrer ja auch keine gemeinsame Vorbereitungszeit für die Gestaltung der Lerneinheiten hatten. 

Wie könnte es besser laufen?
Für die Planungssicherheit und um den Druck auf die Kinder zu vermindern, wäre es hilfreicher, wenn die Aufgaben nur einmal in der Woche gebündelt ankommen würden. Oder zumindest nur einmal am Tag bis zu einer bestimmten Uhrzeit. Außerdem wäre es wichtig, die Aufgabenstellungen so zu präzisieren, dass sie wenig Potenzial zum „Sich-Verzetteln“ beinhalten. Die Lehrkräfte sollten das Pensum untereinander koordinieren, und das Kollegium könnte eine Übersicht erstellen, welche Klassen wie viele Aufgaben bekommen. In jedem Kollegium sind ja auch Eltern, die ein zu schaffendes Pensum gut aus eigener Erfahrung einschätzen können.

Sollte man sich an die Lehrer wenden, wenn man als Mutter oder Vater den Eindruck hat, dass es zu viele Aufgaben sind?
Ja, das kann man in einer freundlich formulierten Mail durchaus tun. Viele Lehrkräfte sind dankbar für das Feedback. Auch für Sie ist es eine neue Situation.

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Wie könnten die Lehrer die Kinder außerdem unterstützen?
Der persönliche Kontakt ist wichtig. In der Grundschule wäre es zum Beispiel möglich, dass die Klassenlehrer einmal pro Woche mit dem Kind und am besten vorab auch mit den Eltern telefonieren. Dadurch kann er oder sie sich einen Eindruck verschaffen, unter welchen Bedingungen ein Kind lernt, wo es Schwierigkeiten gibt oder wo vielleicht das Kind oder die Familie Hilfe von außen benötigt. In der Sekundarstufe ist der Lernzuwachs anhand der von den Jugendlichen zurück gesendeten Unterlagen leichter einzuschätzen. Ein persönlicher Kontakt, bei dem auch Zuspruch signalisiert wird, wäre dennoch empfehlenswert.

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Hilfreich wäre außerdem, sich auf der Schulebene einen Überblick zu verschaffen, ob Kinder aus eher sozial benachteiligten Familien mit ausgedruckten Unterlagen einmal wöchentlich postalisch versorgt werden könnten. Nicht alle haben funktionierende Drucker. In meiner Rolle als Fachkraft für die Einschätzung der Kindeswohlgefährdung blicke ich zudem mit großer Sorge auf die aktuellen Zahlen der Gewaltambulanz der Berliner Charité und kann nur hoffen, dass die Pandemielage eine baldige Eröffnung der Bildungseinrichtungen alsbald, bestenfalls ab dem 20. April, zulässt.

Jetzt beginnen bald die Osterferien. Nicht alle Schüler werden den Stoff, den sie aufbekommen haben, bis Ferienbeginn geschafft haben. Sollten sie in den Ferien weiterlernen?
Ich würde mir anschauen, was mein Kind auch in den Ferien mit guter Laune bearbeiten kann. Man kann zum Beispiel sagen: „Diese Aufgaben haben dir Spaß gemacht, das machen wir jetzt noch zu Ende. Ich bin mir sicher, Du kannst das schaffen! Wenn Du Fragen hast, bin ich gern für Dich da und helfe Dir! Und sobald die Schule beginnen wird, kannst Du alles, was Du geschafft hast, gleich deiner Klassenlehrerin zeigen.“Auf die Aufgaben, die für die Kinder jedoch persönliche Baustellen bedeuten und die für die Eltern-Kind-Beziehung eine Herausforderung darstellen, würde ich, möglichst in Absprache mit den Lehrern, in der Ferienzeit zugunsten des Familienfriedens verzichten. Und mindestens eine Woche der Ferien sollte ganz frei bleiben. Möchte ein Kind die Aufgaben selbst bearbeiten, wäre dagegen aber nichts einzuwenden.

Wie soll es Ihrer Meinung nach weitergehen, wenn die Kinder wieder in die Schule gehen können? Es stellt sich ja die Frage, wie und ob die Leistungen während der Schließung bewertet werden.
Das ist eine wichtige Frage und es wäre wichtig die Zeit jetzt für die Klärung zu nutzen. Zu bedenken ist, dass die Schüler unterschiedliche Bedingungen zu Hause haben, sodass eine einheitliche Bewertung in Form einer Benotung ungünstig wäre. Die Schulschließung wird aus meiner Sicht die Kinder am stärksten treffen, die ohnehin schon schlechte Bildungschancen hätten. Es ist daher von großer Bedeutung, die Zeit danach zu planen. Hierzu können sich die Schulen in den jeweiligen SIBUZ beraten lassen. In dieser Krise wird es kaum Gewinner geben, eine Bestrafung braucht definitiv keiner - weder die Schüler, die keine Unterstützung hatten, noch die Eltern, die wenig bis kaum Zeit  oder Möglichkeiten hatten, ihre Kinder zu unterstützen, zum Beispiel weil sie alleinerziehend sind oder in systemrelevanten Berufen arbeiten.

Das Gespräch führte Sylvia Vogt.

Weitere Empfehlungen von Schulpsychologinnen und -pschychologen für Familien für das Lernen zu Hause finden Sie in einem Infobrief, den das SIBUZ herausgegeben hat. Weitere Tipps für Eltern, wie sie die Coronaviruskrise zu Hause meistern können, finden Sie auf unserer Themenseite: Corona-und-Familienleben .