Keibelstraße in Berlin-Mitte : Ehemaliges DDR-Polizeigefängnis ist jetzt ein "Lernort"

Im Hafttrakt im ehemaligen Unterersuchungsgefängnis der Volkspolizei in der Keibelstraße können Schüler interaktiv auf Spurensuche gehen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) und Zeitzeuge Michael Brack im früheren DDR-Polizeigefängnis Keibelstraße.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) und Zeitzeuge Michael Brack im früheren DDR-Polizeigefängnis Keibelstraße.Foto: Jörg Carstensen/dpa

In Zelle 18 ist der Putz von der Wand gebröckelt, das Grau der Wände ist jetzt mit bizarr geformten weißen Löchern durchzogen. Ein dünnes Heizungsrohr, mit Farbflecken übersät, führt zu einem kleinen Heizkörper, das Fenster in zwei Meter Höhe ist vergittert. Kann sein, dass Michael Brack in Zelle 18 gesessen hatte, genau weiß er es nicht mehr, ist ja auch egal, die Zellen im früheren Untersuchungsgefängnis der DDR-Volkspolizei sehen sowieso alle gleich aus. Brack verbrachte hier drei Monate, 1969 hatte er in Ost-Berlin seinen Protest gegen den Einmarsch des Warschauer Pakts in Prag 1968 an eine Wand gesprüht. Staatsfeindliche Hetze nannte das der Staatsanwalt.

Vor ein paar Tagen war Brack erstmals wieder im Zellengang, nach 50 Jahren, mit weichen Knien, mit Herzrasen, überfordert von den Erinnerungen. Erst nach 45 Minuten beruhigte er sich wieder. Einer wie Brack, ein Zeitzeuge, ist wichtig für das Projekt „Lernort Keibelstraße“. Am Montag wurde es eröffnet, Brack war auch da, mit seinen Erinnerungen.

Scheeres: "Hier wurden Menschen gebrochen"

Erinnerungen, Erfahrungen, darum geht es hier. Sandra Scheeres, die Schulsenatorin, sagte bei der Vorstellung: „Es ist wichtig, junge Menschen für die Demokratie zu gewinnen. Man muss ihnen auch zeigen, wie verletzlich eine Demokratie ist.“ Der Schrecken der Keibelstraße ist ein Symbol des Kontrastprogramms zur Demokratie. „Hier wurden Menschen gebrochen“, sagte Scheeres. Bedrückende Zellen-Atmosphäre muss man in sich aufsaugen, die kann man im Klassenzimmer nicht spüren. Deshalb finden für Klassen ab Jahrgangsstufe 9 ab sofort Führungen in einer Etage des Gefängnisses statt. Endlich, nach mehreren Jahren Vorbereitung, nach Diskussionen um Geld, Denkmalschutz und Konzeption. Der Aufbau kostete 740 000 Euro, dazu kommen jährliche Zuwendungen von 187 000 Euro. Wie vermittelt man Schülern die Dramatik der Situation in der Keibelstraße? In welcher Form gehört der Zellenblock zum Gesamtsystem DDR? Das sind Fragen, auf die der Lernort Antworten gibt.

In Zelle 18 steht ein Tisch, auf dem ein Kopfhörer liegt und ein breiter Bildschirm mit dem Schriftzug „Zeitzeugen erzählen“. Die Bildschirme in diversen Zellen sind Teil des pädagogischen Konzepts. Ein anderer Teil sind Schautafeln in den Zellen zu konkreten Fällen. Der Fall des 20-jährigen Ost-Berliners zum Beispiel, der am 16. Oktober 1976 nachts betrunken eine DDR-Flagge aus ihrer Halterung riss. Urteil: zwei Jahre Arbeitserziehung. Mehrere Dokumente sind zu seinem Fall ausgestellt, der Schrecken wird personalisiert.

Mit dem Tablet auf Spurensuche

Jeder Schüler erhält ein Tablet und geht damit auf Spurensuche. Er erarbeitet sich damit erst mal den Ort. Anschließend dreht sich alles um drei zentrale Themen. Zum Beispiel „Republikflucht“ oder „anders leben“. Dahinter verbirgt sich auch die Definition, was in der DDR als asozial galt. Schautafeln liefern Informationen über das Justizwesen in Ost-Berlin zu DDR-Zeiten und über die DDR-Geschichte. Schulen können sich zu den Führungen anmelden, deren Dauer ist flexibel. Diese Führungen werden aber auch Erwachsenen angeboten.

Eine Klasse der John-Lennon-Schule hat den Zellentrakt schon im Dezember besucht. Die Erfahrungen? Damals waren die Räume nur rudimentär ausgestattet, die Wirkung der Schreckens auf die Schüler blieb deshalb erst mal überschaubar. Jetzt dürfte es anders sein.

Aber der Seminarraum, in dem die Schüler auf die Führung vorbereitet werden, ist unverändert klein. Für die Schülerin Felice Wolfgram ist das ein Kritikpunkt. Wenn sich dort mehr als 30 Schüler ballen, wird es wirklich verdammt eng. Kurzzeitig.

Brack hockte drei Monate in seiner Zelle, zwei mal drei Meter groß. Dann hatte der Schrecken für ihn ein Ende. Er wurde entlassen, das Ermittlungsverfahren eingestellt. - Anmeldungen: www.keibelstrasse.de

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