Pankow offen für Dachausbauprogramm : Klassenzimmer im Schul-Penthouse?

Die Innenstadtschulen quellen über, Flächen sind rar. Die Vereinigung der Gymnasialschulleiter fordert nun ein Dachausbauprogramm. Das Bezirksamt Pankow zeigt sich offen dafür.

Hat viel Platz unterm Dach: Das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow.
Hat viel Platz unterm Dach: Das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow.Foto: Thilo Rückeis

Berlin muss in die Höhe bauen – gilt das künftig auch für Schulen? Angesichts der immer stärker werdenden Schulplatznot gerade in der enger werdenden Innenstadt sind unorthodoxe Lösungen gefragt. Zum Beispiel ein Aufstockungsprogramm für Schulen, um ungenutzte Dachböden in Klassenzimmer umzuwandeln.

Einen entsprechenden Vorstoß hat nun Ralf Treptow, der Vorsitzende der Berliner Vereinigung der Oberstudiendirektoren (VOB) bei der Senatsbildungsverwaltung und dem Bezirk Pankow platziert.

Die im Rahmen der Schulbauoffensive geplanten 50 neuen Schulen in Berlin bis 2024 „reichen nicht“, sagt Treptow. „Wir brauchen auch eine Sanierungs- und Erweiterungsoffensive für bestehende Schulstandorte. Man muss kreativ sein, anbauen, ausbauen, aufstocken.“

Treptow hat besonders die oft überfüllten Schulen in den citynahen Bereichen im Blick. Und er kennt die Situation aus eigener Anschauung: Er leitet hauptberuflich das Rosa-Luxemburg-Gymnasium im hochverdichteten südlichen Pankow, das aus allen Nähten platzt. „Dabei könnte man bei uns wie bei vielen Altbauschulen das Dachgeschoss ausbauen.“

"Aufstockungen oder Anbauten machen Sinn"

Die auf Nachhaltigkeit spezialisierte Architektin Theresa Keilhacker sagt: „Aufstockungen oder Anbauten bei Schulen machen auf jeden Fall Sinn.“ Schulgelände seien auffällig oft weniger dicht bebaut als ihr Umfeld. Bei Nachkriegsbauten seien Aufstockungen durch den Einsatz vorgefertigter Holzelemente möglich, sofern die Statik diese Lasten trägt. Bei Schulen aus der Gründerzeit setze der Denkmalschutz mitunter Grenzen.

Im Bezirksamt Pankow zeigt man sich dem Vorstoß gegenüber durchaus offen. Wo es möglich und auch wirtschaftlich umsetzbar sei, würden Um- und Ausbauten von Dachgeschossen geprüft, sagt Schulstadtrat Torsten Kühne (CDU). Das verwundert nicht, denn der einwohnerstärkste Berliner Bezirk ist auch am stärksten von der Schulplatznot betroffen.

Laut interner Berechnungen der Senatsbildungsverwaltung werden bis 2021 berlinweit rund 18 000 Plätze für Schüler fehlen – davon allein mehr als 4100 in Pankow. Auffällig ist, dass vor allem zentrale bis östliche Innenstadtlagen von der Unterversorgung betroffen sind, neben Prenzlauer Berg und Weißensee auch Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg und Treptow.

Für den VOB-Vorsitzenden Treptow kommt das keineswegs überraschend. „Seit Anfang der 90er Jahre habe ich davor gewarnt und vorgeschlagen, dass wir Flächen für den Bau neuer Schulen in den Innenstadtbezirken reservieren müssen“, sagt er. Dies sei aber nicht geschehen, und nun gebe es in den gefragten Gründerzeitstadtvierteln wegen der Grundstücksknappheit kaum noch geeignete Flächen für neue Schulen.

Pankow prüft bei Schulsanierung auch den Ausbau

Der Schulstadtrat gibt ihm recht. „Wenn ich den Fokus auf Wohnungsbau lege, muss gleichzeitig die öffentliche Infrastruktur wie Schul- und Kitaplätze stärker mitgedacht und gebaut werden“, sagt Kühne. Bei Neubaugebieten würden zumindest Schulen zwar inzwischen eingeplant, „doch unser Problem sind die ortsüblichen Wohnbauten, die durch Lückenschlüsse einfach so entstehen“.

Hier mal 100 Wohnungen, dort ein paar Townhouses, wie etwa derzeit in der Langhansstraße in Weißensee, „und in der Summe läppert sich das. Das ist ein Wachstum unterhalb von Bebauungsplänen, deshalb gibt es dann keine Möglichkeit zu sagen: Wenn ihr hier baut, müsst ihr eine Schule mitbauen.“

Pankow prüft deshalb bei der Sanierung der Schulen immer auch den gleichzeitigen Ausbau, etwa durch einen Ergänzungsbau oder den Neubau von Sporthallen. „Wir haben 24 derartige Maßnahmen beim Senat angemeldet“, sagt Kühne.

Insider bemängeln Kompetenzgerangel

Das erste Schulpenthouse könnte dabei an der Bornholmer Grundschule entstehen. Sie leidet wie fast alle Grundschulen in Prenzlauer Berg unter akutem Platzmangel und Jahr für Jahr weiter steigenden Schülerzahlen. Weil der Kampf um anliegende Grundstücke zäh, teuer und im Endeffekt fast aussichtslos ist, prüft Schulleiter Jochen Fuchs nun neben anderen Maßnahmen den Ausbau des Dachstuhls zu Unterrichtsräumen. Ende der Woche soll der Plan gemeinsam mit der Senatsverwaltung erörtert werden.

Allerdings setzen hier bereits die Schwierigkeiten ein. Insider bemängeln ein Kompetenzgerangel zwischen Schulen, Bezirken und Senatsverwaltungen, vor allem die Bildungsverwaltung stehe ungewöhnlichen Lösungsvorschlägen oft nicht zuletzt aus ideologischen Gründen skeptisch gegenüber.

Auch in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen gibt man sich diesbezüglich reserviert. Senatorin Katrin Lompscher (Linke) hat schon das reguläre Dachausbauprogramm zurechtgestutzt, dessen Potenzial auf bis zu 50 000 neue Wohnungen geschätzt wird.

Nun tritt Lompschers Sprecherin Petra Rohland auch bei den Schulen auf die Bremse: Im Einzelfall sei das sicher machbar, „aber es bringt nichts für die benötigte Menge“. Ein ausgebautes oder zusätzlich errichtetes Dachgeschoss sei meist die teuerste Form, Flächen zu schaffen. Außerdem würden bei den meisten Schulgebäuden Statik, Rettungswegsituation und planungsrechtliche Hindernisse wie Traufhöhe oder Zustimmung der Nachbarn gegen eine Aufstockung sprechen. Pankows Schulstadtrat Kühne verweist zudem auf mögliche Probleme mit Denkmalschutz, Barrierefreiheit und Entlüftung.

Hofpausen nur schichtweise

Schließlich müssen sich die Schülerzahlen auch an der Größe der Schulhöfe orientieren, die kaum zu erweitern sind. In einer fünfzügigen Grundschule sei das Limit bei 720 Schülern erreicht. Schon jetzt gibt es einzelne Standorte wie die Thomas-Mann-Grundschule in Prenzlauer Berg, an denen Schüler aus Brandschutzauflagen nur schichtweise in die Hofpausen geschickt werden können.

Aber genau das können die Bezirke am besten beurteilen, sagen Branchenexperten wie Architektin Keilhacker. Deshalb befürchtet sie auch, dass die eigentliche Bremse für die kreativen Impulse wie diesem von der neuen Schulbau-Gesellschaft kommt, die gegenwärtig bei der Howoge gegründet wird.

„Die Bezirke wissen sehr viel besser, wie weit sie verdichten können und was sie auf einem Schulgelände brauchen als eine Howoge, die ein Standard-Programm runterrattert.“ Zumal die Schulen auch abends für Vereine und Initiativen offen seien und so wichtige Aufgaben für die Quartiere übernehmen. Hintergrund: Der Senat will die Howoge mit Planung und Durchführung größerer Schulsanierungen und Neubauten betrauen.

Ralf Treptow wirbt trotz dieser Stolperfallen weiter für seine Ideen. Er fordert unkonventionelle Ansätze und pragmatische, auf die Einzelfälle zugeschnittene Lösungen. Welche Alternativen zu Ausbau und Aufstockung gebe es denn, fragt er rhetorisch, wenn man nicht künftig Zigtausende Berliner Schüler durch die halbe Stadt zu einer Schule mit freien Plätzen schicken wolle? „Man muss jetzt alles daransetzen, die bestehenden Schulstandorte auszubauen“, sagt er. „Das ist die einzige Möglichkeit, in unseren hochverdichteten und immer dichter werdenden Innenstadtteilen mehr Platz für Schüler zu schaffen.“

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