Wahl der Oberschule fürs Kind : Drei Wünsche frei – und trotzdem ist die Sorge bei Berliner Eltern groß

Der Platzmangel schränkt die Wahlmöglichkeiten der künftigen Siebtklässler erheblich ein. Nun gibt es einen neuen Vorschlag, den Familien zu helfen.

Akuter Platzmangel: Für manche Eltern in Berlin ist die Schulsuche ein Alptraum.
Akuter Platzmangel: Für manche Eltern in Berlin ist die Schulsuche ein Alptraum.Foto: Monika Skolimowska/dpa

„Drei Wünsche frei“ – so heißt es jetzt wieder für alle Familien, die nach der sechsten Klasse eine weiterführende Schule suchen. Je größer der Schulplatzmangel, desto schwieriger wird es allerdings, eine Entscheidung zu treffen: Die Furcht ist groß, am Ende einer abgelegenen oder leistungsschwachen Schule zugewiesen zu werden. Nun gibt es einen neuen Vorschlag, wie die schwere Wahl etwas erleichtert werden könnte.

„Man sollte es so machen wie neuerdings beim frühen Wechsel nach der vierten Klasse“, empfiehlt Ralf Treptow vom Verband der Oberstudiendirektoren: Da geben die Eltern jetzt nur noch eine Schule an und erfahren bereits im März, ob sie einen freien Platz ergattern konnten. Wenn sie leer ausgingen, bekommen sie eine Liste von Schulen, die noch freie Kapazitäten haben.

Bei diesem Verfahren wird den Familien erspart, dass sie an Platz zwei und drei Schulen setzen, die bereits durch die „Erstwunschkinder“ ausgelastet sind. Genau davor fürchten sich viele Eltern, denn in diesem Fall müssen sie nehmen, was übrig bleibt – und das sind eben oft glanzlose Schulen mit hohen Schwänzerraten. Wer für sein Kind eine gute Schulzeit anstrebt, wird mit diesen Optionen nur selten zufrieden sein.

"Mit einem Schnitt von 1,8 beginnt die imaginäre Quarantäne"

Am schwersten haben es Familien, die weder ein Geschwisterkind auf einer „guten“ Schule haben noch mit hervorragenden Noten punkten können. „Spätestens mit einem Schnitt von 1,8 beginnt die imaginäre Quarantäne“, beschreibt ein Pankower Vater die Lage in dem Bezirk mit den meisten Kindern und überdurchschnittlich vielen bildungsinteressierten Eltern.

Er beobachtet schon seit ein paar Monaten, dass die Sechstklässlereltern untereinander auf Abstand gehen: „War die Community noch vor kurzem in Allianzen gemeinsam auf dem Weg, heißt es nun Abschied nehmen. Schulfreunde werden zu Konkurrenten, Eltern distanzieren sich gegenseitig“, hat er beobachtet: „Erfahrungsberichte, der ganz normale Austausch zur Situation, ausweichend. Infos zum eigenen Ranking, tabu. Der Faktor Empathie beschränkt sich mit sofortiger Wirkung auf Mitleidsbekundungen und eiligen Smalltalk“, hat der frustrierte Vater festgestellt.

Das Heinrich-von-Schliemann-Gymnasium in Prenzlauer Berg gehörte 2019 zu den nachgefragtesten Schulen.
Das Heinrich-von-Schliemann-Gymnasium in Prenzlauer Berg gehörte 2019 zu den nachgefragtesten Schulen.Foto: imago images / PEMAX

Tatsächlich ist die Lage in Pankow angesichts des Schulplatzmangels besonders brisant: Hier gibt es mindestens eine Sekundarschulen ohne eigene gymnasiale Oberstufe, die so überfüllt ist, dass Kinder mit einer „2“ vorm Komma der Durchschnittsnote chancenlos sind: Die Note errechnet sich aus den letzten beiden Zeugnissen, wobei die Noten in Deutsch, Mathematik, in Gesellschafts- und Naturwissenschaft sowie in der Fremdsprache verdoppelt werden - zusammen bildet das die so genannte Förderprognose.

Die Lage von 2019 - ein Warnung

Eng ist es in fast allen Bezirken – das wurde schon 2019 deutlich: Die Bezirke konnten nicht alle Siebtklässler unterbringen, obwohl eine große neue Schule in Hellersdorf eröffnet hatte, die zunächst noch viele freie Räume anbieten konnte. Als sich Treptow-Köpenick weigerte, seine Klassen über die Richtgröße von 26 Kindern aufzufüllen, herrschte tagelang Krisenstimmung, bis zusätzliche Klassen eingerichtet wurden. Das wird allerdings zur Folge haben, dass die betreffenden Schulen dieses Jahr weniger Klassen aufmachen können.

  • Als die Schulen noch nicht so voll waren, landeten über 95 Prozent der Kinder auf einer ihrer drei Wunschschulen.
  • Bei den Gymnasien waren es im Jahr 2014 sogar fast 100 Prozent.
  • Die Zahl der Schüler, die sich nach einer Alternative umsehen mussten, stieg von rund 1000 im Jahr 2014 auf über 2600 im Jahr 2019.

Freie Schulen als Option

Angesichts dieser Lage berichten betroffene Eltern, dass sie sich für eine Bewerbung an einer freien Schule entschlossen haben, um das Risiko zu reduzieren, das entsteht, wenn man an keiner der drei Wunschschulen landen kann. Ob sich diese Tendenz bereits in einer sichtbaren Steigerung der Anmeldungen an freien Schulen niederschlägt, kann der Privatschulverband bisher nicht sagen.

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Trotz der um sich greifenden Unruhe bei den betroffenen Familien sieht der Landeselternausschuss (LEA) bisher „keinen Änderungsbedarf“ beim Prozedere, wie Landeselternsprecher Norman Heise auf Anfrage mitteilte. Das Gremium hat allerdings einen Beschluss gefasst, „dass der Fahrtweg bei Zuweisung nicht länger als 45 Minuten sein darf“. Damit bleibt eine „Zuweisung“ von Pankow nach Grunewald möglich, aber eben nicht von Buch nach Buckow.

Je mehr Schüler, desto weniger Auswahl beim Übergang in dei Oberschule.
Je mehr Schüler, desto weniger Auswahl beim Übergang in dei Oberschule.Grafik:Tsp

Die Erfahrungen des vergangenen Jahres haben allerdings dazu geführt, dass der LEA „unsicher“ ist, ob es überhaupt rein rechnerisch genügend Plätze geben wird. Und wenn, dann bleibe die Befürchtung, dass die Schaffung zusätzlicher Plätze „zu Lasten von Profilen oder anderen qualitativen Merkmalen von Schulen gegangen ist“, befürchtet der LEA.

Der Landeselternausschuss will die Erfahrungen abwarten

Heise äußerte sich auch zu dem geänderten Aufnahmeverfahren für die Fünftklässler. Da es bei den Anmeldungen an die grundständigen Gymnasien seitens der Familien „selten mehr als eine Wunschschule gibt, auch wegen der räumlichen Distanzen“, sei das neue Verfahren in Ordnung“. Ob es für die wesentlich größere Anzahl an Siebtklässlern tauge, könne er nicht beurteilen, so Heise weiter. Wenn die Anmeldungen für die fünften Klassen gelaufen seien, solle man die Bezirke fragen, ob sich das neue Verfahren bewährt habe.

  • Vom 17. bis 26.2. dauert die Anmeldefrist für die siebten Klassen an Sekundarschulen und Gymnasien.
  • Bis zu zehn Prozent der Plätze gehen an Härtefälle und an Kinder mit Geschwistern an der Schule.
  • 60 Prozent der Kapazitäten werden nach den Aufnahmekriterien der Schule vergeben - meist nach dem Notenschnitt.
  • 30 Prozent werden verlost, dabei sind nochmals Geschwisterkinder vorrangig zu berücksichtigen.
  • Am 29.5. versendet das Schulamt die Bescheide oder benennt bis 19.6. eine Alternative, wenn es an keiner Wunschschule geklappt hat.
  • Die Informationen der Bildungsverwaltung für die Anmeldung der Siebtklässler finden Sie HIER

Bis 2010 gab die BVG-Verbindung den Ausschlag

„Es gibt wohl kein absolut gerechtes Anmeldeverfahren, aber das vor bald zehn Jahren eingeführte Verfahren lässt die allermeisten Schülerinnen und Schüler an ihren Wunschschulen ankommen“, reagierte der Sprecher der Bildungsverwaltung, Martin Klesmann, auf den Vorschlag des Verbands der Oberstudiendirektoren.

Klesmann erinnerte daran, dass vor 2010 die BVG-Verbindung als Auswahlkriterium herangezogen wurde, wenn es mehr Anmeldungen als Plätze gab. Damals sei der Unmut unter den Betroffenen viel größer gewesen.