Sectio oder natürliche Geburt? : „Die Kaiserschnittrate wird sinken“

Neue Leitlinie klärt über Vor- und Nachteile der Entbindung per OP auf.

Geburt im OP. Asthma, Adipositas und Typ-1-Diabetes sind bei Kindern, die per Kaiserschnitt entbunden wurden, häufiger als bei auf natürlichem Wege geborenen Kindern.
Geburt im OP. Asthma, Adipositas und Typ-1-Diabetes sind bei Kindern, die per Kaiserschnitt entbunden wurden, häufiger als bei auf...Foto: picture alliance / dpa

Frauen, denen eine Geburt bevorsteht, werden künftig besser über die Vor- und Nachteile einer Entbindung per Kaiserschnitt aufgeklärt. Das erwartet Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Geburtsmedizin am Berliner St. Joseph Krankenhaus, von der jüngst veröffentlichten ersten medizinischen Leitlinie zur Entbindung per „Sectio Caesarea“, wie diese Operation medizinisch genannt wird. Abou-Dakn ist Mitautor der Leitlinie, die Geburtsmedizinern Empfehlungen gibt, wann und wie eine solche Entbindung erfolgen sollte und welche Risiken zu beachten sind. Denn offenbar legten Ärzte einer Hochschwangeren zu oft eine geplante Sectio nahe, obwohl es dafür keine medizinischen Gründe gibt. „Wir registrieren weltweit seit Jahren einen bedenklichen Anstieg der Kaiserschnitte“, sagt Abou-Dakn. In Deutschland hat sich die Rate an geplanten und Notfallkaiserschnitten an allen Geburten bei um die 30 Prozent eingepegelt. „Die primäre Sectio – also nicht der wegen medizinischer Komplikationen erfolgende Notfallkaiserschnitt – war auf dem Weg, als normal angesehen zu werden. Normal ist aber die Geburt über die Vagina.“

Auch bei Beckenendlage ist eine vaginale Geburt möglich

Abou-Dakn nennt das Beispiel Beckenendlage: Wenn das Baby statt mit dem Kopf mit dem Becken voran zum Geburtskanal liege, sei das kein Grund für einen Kaiserschnitt. Auch dann sei eine vaginale Geburt problemlos möglich. Trotzdem würden Ärzte in diesen Fällen immer noch oft zu einer Sectio raten. Auch eine Zwillingsschwangerschaft ist heute kein Grund mehr, auf eine vaginale Geburt zu verzichten. Oft stünden auch psychische Gründe hinter der Entscheidung, statt im Kreißsaal im OP zu entbinden. Manche Frauen tendierten aus Angst vor Schmerzen gegen die vaginale Geburt. „Diese Furcht muss man natürlich ernst nehmen. Und die Schwangere beraten, dass die Angst zum einen oft unnötig ist und zum anderen die natürliche Geburt Vorteile für die Gesundheit der Mutter und vor allem des Kindes hat.“

Abou-Dakn, dessen Geburtsklinik zu den größten in Deutschland zählt, ist ein überzeugter Anhänger der natürlichen Geburt. Auch die Studien, die man für die Leitlinie zusammengetragen habe, belegten, dass diese von Vorteil sei. So seien Asthma, Adipositas und Typ-1-Diabetes bei Kindern, die per Kaiserschnitt entbunden wurden, häufiger als bei auf natürlichem Wege geborenen Kindern.

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Behandlungsfreiheit wird nicht eingeschränkt

Durch die Leitlinie sei die Behandlungsfreiheit der Ärzte nicht eingeschränkt. Sie müssten nun aber begründen, warum sie von Empfehlungen abgewichen sind. Das wird zum Beispiel dann wichtig, wenn es vor Gericht um den Vorwurf eines ärztlichen Behandlungsfehlers geht. Längerfristig erwartet Abou-Dakn, dass die Leitlinie die Rate von Kaiserschnitten in Deutschland senken wird.

Die Geburtsmedizin der Charité betreut an ihren beiden Standorten die meisten Geburten im Land. Deren Chefarzt Wolfgang Henrich sieht die nach seiner Ansicht starke Ausrichtung gegen eine Sectio in einigen Punkten kritisch. Wenn die Chancen auf eine unkomplizierte vaginale Geburt groß sind, dann gebe es natürlich keinen Grund für einen Kaiserschnitt. Aber man müsse ebenso über die Risiken einer vaginalen Geburt sprechen. Dazu zählten etwa solch dramatische Situationen, wie ein drohender Sauerstoffmangel des Kindes unter der Geburt, sich verschlechternde Herztätigkeit des Kindes, ein schwerer Riss des Dammes, ein hoher Blutverlust der Mutter, Beckenbodenschäden bis hin zur Inkontinenz und einiges mehr. „Diese Risiken werden mit einem Kaiserschnitt zum Teil vermieden“, sagt Henrich. Es sei aber zu begrüßen, dass die Leitlinie viele Empfehlungen zum Aufklärungsgespräch enthalte.

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Ein Recht auf individuelle Beratung

Jede Schwangere hat das Recht auf eine auf sie individuell zugeschnittene Beratung – unter Berücksichtigung der Risiken und der psychischen Belastungen, wie Ängsten vor Schmerzen und körperlichen Schäden durch die vaginale Geburt.

„Natürliche Geburt“ klinge schön. Doch so simpel, dass eine vaginale Geburt in der Regel besser ist, als ein Kaiserschnitt, sei es eben nicht. „Ein Arzt, der zur Schnittentbindung aufgrund stichhaltiger Gründe und Befunde rät, ist sicher kein schlechter Arzt.“ Ingo Bach

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