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Berliner Schnauze: Seid doch nett zueinander!

Unfreundlich und ruppig – so schlimm wie ihr Ruf sind die Berliner nicht. Nur wortkarg und missmutig, wenn sie einander erstmals begegnen. Um ihren Ruf zu verbessern, müssten die Bürger der Stadt eigentlich nur eins tun: miteinander reden.

Es war das unendliche Erstaunen auf den Gesichtern der anderen, das mich dazu bringt, an dieser Stelle – entgegen meiner sonstigen Bescheidenheit – über das Gute zu berichten, das ich am vergangenen Wochenende tat. Die anderen, das waren die missmutige Verkäuferin in einem Schöneberger Backshop und der etwas unorganisierte Kunde vor mir. Nachdem der sich die Tüten mit Aufgebackenem hatte vollladen lassen, fehlten ihm am Ende 31 Cent. Er bat die Aufbäckerin um Kulanz, erhielt – „Machenwa nich’“ – eine rüde Abfuhr, fragte hilflos „Und jetzt?“. Als ich daraufhin „Jetzt komme ich ins Spiel“ sagte und die fehlenden Cent zu seinen sieben Euro legte, schaute er mich an wie ein Berliner Auto, dem man anstandslos die Vorfahrt überlassen hat. „Überweise ich Ihnen das jetzt?“, fragte er, „Sie nehmen das jetzt einfach mal so hin“, sagte ich. Die Bäckerin schüttelte zu alledem unablässig den Kopf.

Mit aufgeladenem Karmakonto ertrug ich danach gelassen, dass ich auf dem Heimweg gleich zweimal angepöbelt wurde. Ach, der alte Mann, sagte ich mir, der hat es bestimmt auch nicht leicht. Gönne ich es ihm also, mich für das unbefugte Überqueren einer sonntäglich leeren Straße anzupflaumen („Es ist Rooot!“). Und die Straßenprostituierte, die mich für das muntere Pfeifen eines Liedchens rügte („Stop fuckin’ whistle!“), genießt ebenso mein vollstes Mitleid, wie sie mit ihrem osteuropäischen Englisch gewiss nicht für die Ur-Berliner Unfreundlichkeit steht.

Indes soll es mir, wenn ich mich nun doch ein wenig über diese und andere Situationen aufrege, gar nicht stereotyp um die zur Herzlichkeit verklärte Härte der Berliner Schnauze gehen. Im Gegenteil: Gerade die berlinernden Ureinwohner sind hinter der ruppigen Fassade ja, einmal in ein Gespräch verwickelt, meist herzensgut. Vielmehr erstaunt mich an dieser Stadt immer wieder, wie selten es überhaupt zu Kontaktaufnahmen zwischen Fremden kommt. Dass der klamme Mann in der Bäckerei sich nicht einmal Hilfe suchend umschaute und von meinem Lautgeben so offensichtlich überrumpelt war, während die Bäckerin, trotzig schweigend, ihm eben auch nicht anbot, zwei Schrippen wieder aus der Tüte zu nehmen, ist symptomatisch.

Als Journalist macht man im Gespräch mit den Berlinern so seine ganz eigenen Erfahrungen.

Kommunikation im öffentlichen Raum wird hierorts besonders kleingeschrieben. Wer sich das beweisen möchte, sollte einmal vergleichend in Berlin und anderswo vergessen, seine Ware auf dem Kassenlaufband im Supermarkt nach vorn und hinten mit Trennhölzern abzugrenzen. Bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber Mentalitätsfolklore – die folgende Reihe wurde vielleicht nicht ganz zufällig genau so erlebt. In Dortmund: „Ich pack’ da mal noch so ’nen Dings zwischen. Wie heißt der Kack eigentlich? Was, da gibt es sogar Bücher drüber? Wahnsinn!“ In Hamburg: „Entschuldigung, Sie haben da was vergessen.“ In Köln: ist das Leben eh ein fortdauerndes, meist freundliches Gespräch zwischen allen und jedem. In Berlin: Wortlos und mit scheelen Seitenblicken werden die Warenströme voneinander weggeruckelt und sodann mit den Händen – auffällig oft sind hier die Trennhölzer ganz verschollen – auf Abstand gehalten. Bis sie schließlich bei einer Kassiererin landen, die trotz vorbildlicher Warentrennung noch genervt „Bis wohin denn jetzt?“ fragt.

Angesichts der so unschönen wie unnötigen Szenen fühle ich mich verpflichtet, hiermit die Bürger dieser Stadt zu mehr Dialog aufzurufen. Seid nett zueinander und zeigt einander damit, dass ihr nett seid! Denn das seid ihr tatsächlich! Als Journalist erlebt man es nur zu oft, dass auf Demonstrationen des Missmuts und Misstrauens („Aber meinen Namen kriegense nich’“) irgendwann der Dammbruch folgt („Und wennse mich jetzt schonmal fragen ...“). Warum nicht gleich so, denke ich dann immer. Bei besonders sympathischen Leuten sage ich es auch. Zum Beispiel jetzt. Redet miteinander – wenn es irgend geht, freundlich! Kommunikation hilft, Vorurteile abzubauen. Dann verschwindet irgendwann vielleicht auch das nervige Stereotyp von den unfreundlichen Berlinern.

Kommunikation im öffentlichen Raum wird kleingeschrieben. Gespräche zwischen Fremden – meist Fehlanzeige.

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