Sekttaufe in Berliner Kantstraße : Pop-Up-Radweg soll Slalom um Falschparker beenden

Er ist doch noch fertig geworden, der Corona-Radweg an der Kantstraße. Freitagabend wurde er mit Sekt getauft.

Radfahrende auf der Pop-up-Bikelane in der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg.
Außer Pop-up nichts gewesen. "Verkehrswende" in Charlottenburg-Wilmersdorf.Foto: Jörn Hasselmann

Sonst werden Sektflaschen zerdeppert, wenn etwas getauft werden soll. Bei einem Radweg ist das natürlich nicht sinnvoll, wegen der Scherben. Also vergoss Berlins „Mister Fahrrad“, Heinrich Strößenreuther, etwas Sekt auf den neuen Radweg an der Kantstraße.

Zwei Monate hat der Bezirk für etwas benötigt, was in Kreuzberg am Kottbusser Damm nur zwei Tage dauerte: Auf einer Hauptstraße zu Corona-Zeiten sichere Radwege zu schaffen. Manche glaubten schon, dass der West-Bezirk nie fertig wird.  Aber nun ist er doch fertig geworden, auf ganzer Länge zwischen Bahnviadukt am Zoo und der Neuen Kantstraße im Westen. Das sind etwa sechs Kilometer. Freitagabend wurde er mit einer kleinen Feier eröffnet. 

ADFC-Vorstand Beate Mücke, Aktivist Heinrich Strößenreuther und Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese, waren da – das Bezirksamt nicht. Strößenreuther lobte, dass „Charlottenburg sich verwandelt“ habe, Streese sagte, dass die Kantstraße „mehr Lebensqualität gewonnen“ habe.

Beate Mücke vom Berliner ADFC meinte, dass der Weg „toll zu fahren“ sei. Tatsächlich waren selbst an dem regnerischen Freitagabend viel mehr Radfahrer unterwegs als sonst. Die meisten Menschen auf zwei Rädern mieden die Geschäftsstraße, die wie der Kottbusser Damm keinerlei Infrastrukur für Radfahrer hatte.

Beide Straßen mit ihren vielen kleinen Läden waren dafür bekannt, dass Lieferwagen und Privatwagen illegal in der „zweiten Reihe“ parkten. Radfahrer mussten Slalom um Falschparker fahren, viele wichen aus Angst auf den Gehweg aus und gefährdeten dort wiederum Fußgänger.

ADFC-Vorstand Beate Mücke, Aktivist Heinrich Strößenreuther und Staatssekretär Ingmar Streese stoßen an.
ADFC-Vorstand Beate Mücke, Aktivist Heinrich Strößenreuther und Staatssekretär Ingmar Streese stoßen an.Foto: Jörn Hasselmann

Für fahrende Autos hat sich faktisch nichts geändert in der Kantstraße, es gibt eine freie Spur. Der Radweg rückte an den rechten Rand, die Park- beziehungsweise Lieferspur ist links davon. Durch diese Lösung kann der Radweg auf den meisten Abschnitten der Kantstraße nicht mehr illegal zugeparkt werden. 

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Am schwierigsten ist die Situation im westlichen Teil der Kantstraße. Zwischen Kuno-Fischer-Straße und Windscheidstraße dürfen Autos senkrecht zur Fahrbahn parken, müssen also den Radweg überfahren. Auf Poller hat der Bezirk weitestgehend verzichtet.

Wohl der erste Radweg, auf den Sekt vergossen wird zur Taufe.
Wohl der erste Radweg, auf den Sekt vergossen wird zur Taufe.Foto: Jörn Hasselmann

Staatssekretär Streese sagte, dass es in Berlin nun 22 Kilometer Pop-Up-Radwege gebe, die meisten davon in Kreuzberg. Eigentlich waren sie nur wegen des Corona-Abstandsgebots befristet bis Ende Mai, dies wurde verlängert bis zum Jahresende. Kreuzberg hat schon zugesichert, dass die Poller-Radwege am Kottbusser Damm dauerhaft bleiben. Für die Kantstraße gibt es nur die Hoffnung darauf.

Seit dem tödlichen Unfall im Februar, als ein Raser einen Radfahrer tötete, hatten der ADFC und der Verein Changing Cities wöchentlich für mehr Sicherheit für Radfahrer demonstriert. In der Kantstraße war der politische Druck also deutlich höher.

Von den anderen fünf Straßen, in denen der Bezirk Corona-Radwege angekündigt hatte, ist mittlerweile keine Rede mehr. Im April wurden diese Straßenzüge genannt: Bismarckstraße/Straße des 17. Juni, Bundesallee, Hohenzollerndamm, Kaiser-Friedrich-Straße und Lise-Meitner-Straße.

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