Sicherheit im Nahverkehr : Hamburg will S-Bahnstrecken einzäunen – Berlin nicht

Wegen Streckensperrungen durch Personen im Gleis: Die Hansestadt investiert viel Geld in die Sicherheit von Eisenbahnstrecken. Berlin will das nicht nachmachen.

Absperrung mit Kettchen. So sieht es zum Beispiel am S-Bahnhof Karow aus.
Absperrung mit Kettchen. So sieht es zum Beispiel am S-Bahnhof Karow aus.Foto: Jörn Hasselmann

Um die S-Bahn pünktlicher zu machen, werden in Hamburg zwei komplette Strecken technisch gesichert. Mit Millionenaufwand sollen bis 2021 etwa 15 Kilometer Zaun errichtet werden. Zudem werden die Bahnsteigsenden von unterirdischen Stationen zusätzlich abgesperrt, dass Menschen nicht mehr so leicht in den Tunnel eindringen können.

„Die Zäune werden helfen, einen stabileren Betrieb anbieten zu können“, teilte die Hamburger S-Bahn mit. Zunehmend hatte es in den vergangenen Monaten und Jahren Streckensperrungen wegen „Personen im Gleis“ gegeben.

Unter dem Problem leidet auch die Berliner S-Bahn. Zäune will man aber weiterhin nicht. Dazu sei man nicht verpflichtet, sagte ein Berliner Bahnsprecher. Es gelte „der Grundsatz, dass Gleisanlagen nicht betreten werden dürfen“. Doch an diese schöne Theorie halten sich immer weniger Menschen – in Hamburg und in Berlin. Nahezu täglich twittert die Bahn solche Störungen: „Auf Grund einer behördliche Maßnahme (Person im Gleis) ist #Bornholmer Str. der Zugverkehr unterbrochen.“

Auf Anfrage des Tagesspiegels teilte die Bahn jetzt mit, es gebe in Berlin „kaum noch Stellen, an denen ein ungehinderter Zugang möglich ist“. Diskussionen über Zäune hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben, nach Unglücksfällen, aber auch nach politisch motivierten Anschlägen.

2011 hatte die Polizeigewerkschaft GdP ein umfassendes Sicherheitskonzept für die Eisenbahn gefordert. Damals hatten Linksextremisten mehrere Brandanschläge auf Signalkabel verübt. Nur Zäune würden Straftäter sicher wenig beeindrucken.

Aber gerade kleinere Kinder könnte ein Zaun abhalten: Im Jahr 2002 war ein Zehnjähriger westlich des Spandauer Bahnhofs von einem Personenzug getötet worden. Er hatte mit seiner kleineren Schwester an der für Tempo 160 zugelassenen Strecke gestanden und wollte dann vor einem herannahenden Zug über die Gleise laufen. Eine „Mutprobe“, wie die Bundespolizei damals einschätzte.

Ein Bahnsprecher hatte anschließend gesagt, dass „Zäune nur eine trügerische Sicherheit bieten. Wer eine Mutprobe macht, klettert auch über Zäune“.

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Tatsächlich sind viele Bahnanlagen mit geringer Energie frei zugänglich. 2004 war ein Vierjähriger aus einem Flüchtlingsheim in Zehlendorf auf ein nur selten befahrenes Gütergleis gelaufen. Dieses mündet in der Nähe in die Wannseebahn – und dort wurde der Junge von einer S-Bahn erfasst und getötet. Solche Stellen wie die Weiche zu dem Gütergleis, aber auch Bahnübergänge ließen sich gar nicht einzäunen, argumentiert die Bahn immer.

Das Recht hat die Bahn auf ihrer Seite: „Auch Kinder und Jugendliche können nicht beanspruchen, ganz allgemein vor den Gefahren waghalsiger Spiele geschützt zu werden“, heißt es in einer einschlägigen Gerichtsentscheidung: Straßen und Seen seien ja auch nicht eingezäunt.

„Wir versprechen uns durch die Zäune eine Senkung der Streckensperrungen durch Personen in den Gleisen“, teilten Hamburger S-Bahn und Verkehrsbehörde gemeinsam mit. Wieso Berlin nicht einmal einen derartigen Versuch unternehmen will, sagte der Berliner Bahnsprecher nicht.

Vor Monaten hatte der Berliner Bahnchef Alexander Kaczmarek gesagt, dass bereits ein Drittel aller Störungen externe Ursachen habe, also Polizei- und Feuerwehreinsätze, dazu gehören auch die „Personen im Gleis“. Die Bahn sei deshalb im Gespräch mit der Bundespolizei.

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