• Singleleben in der Corona-Pandemie: Wie Dating-Apps gegen Einsamkeit in der Isolation helfen können

Singleleben in der Corona-Pandemie : Wie Dating-Apps gegen Einsamkeit in der Isolation helfen können

Die Kontaktsperre trifft auch Singles. Mit Dating-Apps kann man sich gefühlsmäßig näherkommen – in körperlicher Distanz. Ein Erfahrungsbericht.

Für viele dient das Handy in Zeiten der Isolation als letzter Draht zur Außenwelt. Aber reicht der virtuelle Kontakt?
Für viele dient das Handy in Zeiten der Isolation als letzter Draht zur Außenwelt. Aber reicht der virtuelle Kontakt?Foto: Johannes Schmitt-Tegge/dpa

Ich bin in die Großstadt gezogen, um der Isolation des Dorfes zu entkommen. Und nun sitze ich wütend auf meinem Bett und schreibe diesen Text. Allein. So isoliert wie nie zuvor. Der Grund dafür heißt Sars-CoV-2. Ein Virus, das derzeit alles bestimmt, und mit dem in Deutschland nach heutigem Stand über 32 000 Menschen infiziert sind. 140 Menschen sind bisher gestorben.

Wir sollen zu Hause bleiben, damit sich das Virus nicht noch schneller ausbreiten kann. Uns von anderen Menschen so gut es geht distanzieren. Kontaktsperre. Das trifft vor allem die Singles.

[Schon 200.000 Abos - und immer konkret: In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewsletter bündeln wir die Corona-Nachrichten und die Auswirkungen auf Ihren Kiez. Kostenlos, kompakt und in voller Länge hier: leute.tagesspiegel.de]

Ich bin einer von ihnen. Seit einem Jahr hatte ich keine Beziehung, wohne allein und habe in der letzten Woche versucht, mich so gut es geht zu isolieren, ohne den Verstand zu verlieren. Doch in mir drin sieht es mittlerweile aus, wie in den Supermarktregalen für Pasta und Pesto: ziemlich leer. Ich spüre eine schwere Last auf mir, die sich wie meine Jugend auf dem Dorf anfühlt. Als homosexueller Junge mit zerrissenen Hosen und bunten Haaren aus einer zerrütteten Familie galt ich als Außenseiter. Keiner wollte oder durfte mit mir spielen.

Der persönliche Kontakt fehlt zunehmend

Heute habe zwar ein stabiles soziales Umfeld. Nach mehreren Tagen in Selbstisolation fühle ich mich jedoch wieder wie damals: einsam. Ich telefoniere zwar mit Freunden, aber mir fehlt zunehmend der persönliche Kontakt von Angesicht zu Angesicht. Irgendwann reicht es mir: Ich sage einem Date zu.

15 Uhr, bei strahlendem Sonnenschein treffe ich einen Mann am Schloss Charlottenburg. Er ist Arzt an einem renommierten Krankenhaus. Ich fühle mich sicher, weil er das Virus und die Gefahr besser einschätzen kann als ich. Vor dem Treffen hatten wir das Thema angesprochen, überlegt, ob es zu riskant sei. Er fand, nein. Die Regeln: kein Körperkontakt, keine Körperflüssigkeiten austauschen, Abstand halten.

Die neuen Regeln nehmen den Druck

Die Corona-Pandemie hat auch etwas Gutes. Sie hat dem Date den Druck genommen. Küssen wir uns? Halten wir Händchen? Wie weit gehen wir? All diese Fragen stellen sich nicht. Schon eine flüchtige Umarmung zur Begrüßung, ohne Hautkontakt, fühlt sich wie eine Straftat an, weil wir unsere aufgestellten Regeln brechen.

Den Rest des Dates halten wir Abstand, gehen spazieren und trinken Club Mate. Nach dem Treffen fühle ich mich entspannter, leichter, nicht mehr so allein. Die Krise fühlt sich weniger bedrohlich an – zwischenmenschlicher Kontakt als Wohlfühldroge.

Hintergrund-Informationen zum Coronavirus:

Mit dem Wunsch nach Nähe bin ich nicht allein. 49 Prozent der Berliner leben in Singlehaushalten. Laut Statistiken nutzen 20 Prozent der Frauen und 22 Prozent der Männer in Deutschland Dating-Apps. In Zeiten von Isolation und Pandemie steigt die Nutzung bei den Anbietern sogar.

OkCupid gab bekannt, sieben Prozent mehr Konversationen unter den Nutzern festgestellt zu haben. Außerdem seien 88 Prozent der weltweiten Nutzer weiterhin bereit, auf Dates zu gehen. Andere Anbieter wie Grindr, Tinder und Scruff verschickten Hygiene-Hinweise an ihre Nutzer und rieten zur Distanz-Einhaltung.

Meine Freundin Hannah ist ebenfalls auf OkCupid angemeldet. Sie ist 34 Jahre alt, wohnt in Neukölln und ist Single. Auch sie merke einen Unterschied, bekomme mehr Likes auf ihrem Profil, sagt sie. Trotz des Coronavirus, oder auch gerade deswegen, sucht Hannah nach potenziellen Partnern im Netz.

Die Berliner Polizei erlaubt Tinder-Dates

„Es ist einfach, sich allein zu fühlen, wenn man zu Hause festsitzt. Die Idee ist da sehr verlockend, einen potenziellen Partner kennenzulernen.“ Obwohl Hannah zu Beginn der Pandemie noch offen für Dates war, würde sie mittlerweile nicht mehr das Haus verlassen: „Ein Date fühlt sich nicht nach ,notwendigem Kontakt’ an.“

Hannah respektiere, dass Politiker und Wissenschaftler raten, die Wohnung nicht zu verlassen. Allerdings: Laut der Berliner Polizei sind Tinder-Dates weiterhin erlaubt – so lange man sich nur zu zweit trifft und es dabei „nur ums Reden“ geht.

Während Hannah vor ihrem Handy sitzt und so versucht, dem Single-Blues zu entkommen, suchen andere nach „zwischenmenschlichem Kontakt“ auf dem PC. Genauer: auf Pornoseiten. Die Website Pornhub ist einer der aktuellen Gewinner, wenn man während einer Pandemie überhaupt davon sprechen kann.

Auch Pornoseiten boomen durch die Corona-Pandemie

Der Datenverkehr fällt dort je nach Tageszeit bis zu elf Prozent höher aus. In Deutschland ist er um 6,2 Prozent gestiegen. Seitdem das Virus ausgebrochen ist, wurden die Begriffe „Corona“ und „Covid-19“ über neun Millionen Mal auf Pornhub gesucht. Das reale Leben macht eben auch vor Sexfilmen keinen Halt.

Die steigenden Aufrufezahlen auf Datingapps und Pornoseiten zeigen, dass wir uns in Zeiten der Isolation nach körperlicher Zuneigung sehnen. Auch wenn sie nur virtuell ist. Die aktuellen Entwicklungen triggern Ängste: Geschäfte schließen, Einnahmen fallen aus, Existenzen sind bedroht, Menschen fühlen sich einsam. Umso größer der Wunsch, jemanden bei sich zu wissen. Menschen, die keine Familien haben, sind eben auf andere Kontakte angewiesen.

Und während sich im Supermarkt Menschen um Toilettenpapier streiten, sitze ich auf meinem Bett und frage mich, was Liebe in diesen Zeiten wert ist. Die Antwort ist, dass wir nichts Wertvolleres haben. Sie ist so wertvoll, dass ich neidisch auf meine Freunde bin, die feste Beziehungen haben. Von denen ich seit Tagen nichts gehört habe, trotz mehrerer Nachrichten meinerseits.

Ich stelle mir vor, wie sie zu Hause mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin im Bett liegen und die Isolation sogar genießen. Und ich bin traurig und wütend, weil für mich das Einzige, was in Corona-Zeiten knapper ist als Toilettenpapier, Zwischenmenschlichkeit ist.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!