So kreativ sind Berlins Restaurants : Da köchelt sich was zusammen

Die Gastronomie muss derzeit neue Wege gehen. Manche davon könnten auch nach der Krise bleiben.

Bini Lee und José Miranda Morillo aus dem „Kochu Karu“ in Prenzlauer Berg bieten ein wöchentliches Menü zum Mitnehmen an.
Bini Lee und José Miranda Morillo aus dem „Kochu Karu“ in Prenzlauer Berg bieten ein wöchentliches Menü zum Mitnehmen an.Foto: promo

Die Berliner Restaurants richten sich in der Krise ein. Auch, wenn mit Aktionen wie der Petition #restartgastro Druck aufgebaut werden soll, die Auflagen für die Gastronomie schnell für einen „achtsamen Neustart“ zu lockern, glaubt keiner an eine baldige Normalisierung des Betriebs. Die Angst ist groß, dass es noch lange dauern wird, bis Gäste wieder unbefangen essen gehen werden.

Und im eingeschränkten Betrieb mit Mindestabstand zwischen den Tischen wird es nicht möglich sein, den vollen Umsatz zu erwirtschaften und dazu noch die Löcher aus der Schließzeit zu kompensieren. Mietenzahlungen wurden in der Regel nur gestundet, Mitarbeiter weiter bezahlt – da wird auch die in Aussicht gestellte Senkung der Mehrwertsteuer nur ein wenig helfen. Aber die Szene hat erkannt, dass man in bewegten Zeiten selbst in Bewegung bleiben muss.

Viele Restaurants haben sehr schnell reagiert und selbst attraktive Lieferdienste und Take-away-Angebote organisiert. Die Auswahl reicht über alle Bezirke vom Nachbarschaftsgriechen bis zum doppelt besternten Restaurant. Aber es gibt auch Angebote, die es vor der Krise nicht gab und die Chancen haben, danach bestehen zu bleiben.

Pick-up-Menüs

Eigentlich war es als Osterspezial geplant: ein koreanisch-inspiriertes Menü in drei Gängen für 35 Euro in der Kochbox zum Zu-Hause-selbst-Fertigstellen. Die Nachfrage war so groß, dass Bini Lee und José Miranda Morillo aus dem „Kochu Karu“ in Prenzlauer Berg beschlossen, weiterhin ein wöchentliches „Nimm Mahl“-Menü für 35 Euro anzubieten, das ihr normales Take-away-Angebot aus kleinen Speisen ergänzt.

Das Besondere daran: Man kann das am Vortag bestellte Menü bei verschiedenen, quer über die Stadt verteilten Weinhändlern abholen. Statt eine Gebühr zu verlangen, nutzen diese die Gelegenheit und helfen, einen passenden Wein zum Menü zu finden. So kommen auch Wilmersdorfer und Charlottenburger in den Genuss der ausgefeilten Küche vom anderen Ende der Stadt.
Kochu Karu, Eberswalder Str. 35, Prenzlauer Berg, Tel. 80 93 81 91, kochukaru.de.

Lunchservice

Unter dem Motto „Hilf mit – iss mit“ unterstützt die ehrenamtliche Initiative „kiezessen.de“ Restaurants im Lichtenberger Kaskelkiez mit der Organisation eines „Crowd-Mittagessens“: Jeden Wochentag kocht ein anderes Restaurant aus der Nachbarschaft zwei Mittagessen zum Selbstabholen, eins mit Fisch oder Fleisch und ein vegetarisches, donnerstags gibt es frisches Brot vom Bäcker.

Der Speiseplan reicht von indischem Chicken Channa über vietnamesische Wan-TanSuppe bis zu Wirtshausklassikern wie Gulasch und Schnitzel mit Bratkartoffeln, alles zu bodenständigen Preisen. Das Angebot wird bereits gut angenommen, Kiezwirte lernen ihre solidarische Nachbarschaft kennen und schätzen.

Gourmetmenüs zum Selbstfertigstellen

Vor gar nicht allzu lange Zeit versuchte sich schon das Start-up „eating with the chefs“ an dieser Idee: Penibel bis ins Detail vorbereitete Menüs von Spitzenköchen werden zu Hause durch einfaches Erwärmen fertiggestellt. Das Start-up war seiner Zeit voraus und scheiterte. Die Idee aber wird jetzt von einigen Köchen wieder aufgegriffen, darunter auch Starkoch Tim Raue.

Sein „Fuh Kin Great Dinner Spezial“ (278 Euro/2 Pers. inklusive Champagner, Rotweine und Gläser, gutscheinshop.online/fuh-kin-great/) belegt preislich die Spitzenposition. Und mit dem Dessert-Restaurant „Coda“ hat jetzt ein weiterer Zweisterner die Take-away-Bühne betreten: Für 15 Euro pro Portion erhält man einen Mix aus vorbereiteten Elementen und Zutaten zum Backen oder Kochen – was sicher gelingt, gibt es doch zu allen Speisen eine Videoanleitung von Spitzenpatissier René Frank persönlich (Coda-berlin.com). Weitere Gourmetrestaurants mit Kochbox-Menü-Angebot: 893 Ryotei, Bandol sur mer, Cell, Cordo, Cookies Cream/Crackers.

Shop im Restaurant

Eine Idee, die schon vor der Krise umgesetzt wurde und nun ausgebaut wird: Warum nicht die ganz besonderen Produkte, die ein Restaurant auszeichnen, auch für den Heimgebrauch zur Verfügung stellen? Johann Lafer und Eckart Witzigmann haben es mit ihren Produktlinien vorgemacht.

Vadim Otto Ursus backt kleinere Brötchen, genauer gesagt fermentiert er Fischabschnitte zu Saiblingsgarum, impft Butter mit Koji-Pilzkulturen und kocht einen großartigen Linseneintopf. Das alles gibt es jetzt in seinem Restaurant „Otto“ in einem improvisierten Aus-dem-Fenster-Verkauf zum Mitnehmen.
Oderberger Str. 56, Prenzlauer Berg, otto-pantry.net

Gleiche Idee, andere Produkte: Das Hotel „Michelberger“ verkauft an der Warschauer Brücke durch sein Fenster Kefir, kleine Speisen wie Hummus, Milchreis, eingelegtes Gemüse, Weine und eine große Auswahl Obst und Gemüse von befreundeten Bauern aus dem Umland.
Warschauer Str. 39–40, Friedrichshain, michelbergerhotel.com

Weniger Auswahl, aber nicht minder empfehlenswert ist die Bäckerei-im-Restaurant von „Lode & Stijn“, bei der man am Wochenende Teilchen und das legendäre Brot, das sonst nur im gesetzten Menü zu haben ist, für zu Hause mitnehmen kann.
LausitzerStr. 25, Kreuzberg, lode-stijn.de

Kooperationen

Der eine kann kochen, hat aber keine Gäste und ein Lieferdienst würde sich für ihn nicht lohnen. Der andere hat Produkte, die er jetzt nicht loswird, weil zu wenig Köche sie abnehmen. Die Lösung: „Havelland Express“, ein Berliner Unternehmen, das sowohl die Gastronomie als auch Endverbraucher beliefert, stellt Produkte und Logistik zur Verfügung.

Der Großcaterer „Optimahl“ hilft, alles sinnvoll zu verpacken, und verschiedene Spitzenköche zeigen im Video, wie das von ihnen kreierte Menü zubereitet wird. Aktuell sind Kochboxen von unter anderem Daniel Schmidthaler („Alte Schule Fürstenhagen“, 1 Stern) und Tony Hohlfeld („Jante“, 2 Sterne) sowie Themenboxen zu Beelitzer Spargel, Veggi und Grillen im Angebot. Dieses Prinzip Kochbox holt man sich auch nach der Krise gerne ins Haus. Bestellt wird über kochdochzuhause.de.

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