Speed-Dating bei "Meet a Muslim" : Ein Date der Kulturen

Betül Ulusoy wurde bekannt als Kopftuch-Juristin. Jetzt organisiert sie Treffen von Muslimen und Nicht-Muslimen – die Warteliste ist lang.

Julia Kopatzki
Speed-Dating der Kulturen. Bei „Meet a Muslim“ haben Muslime und Nicht-Muslime acht Minuten Zeit, sich kennenzulernen.
Speed-Dating der Kulturen. Bei „Meet a Muslim“ haben Muslime und Nicht-Muslime acht Minuten Zeit, sich kennenzulernen.Foto: Thilo Rückeis

Alles ging los mit der Suche nach einer Wohnung und einem Facebook-Post. Betül Ulusoy schrieb, dass sie eine Wohnung suche, bisher vergebens, und stellte die Frage, ob es daran liegen könnte, dass sie ein Kopftuch trägt – oder an der Berliner Wohnungsnot. „Ich habe zu wenig deutsch-deutsche Freunde, um das zu vergleichen.“ Karla Schönicke las den Post und erzählte Ulusoy von ihrer Schwester: „deutsch-deutsch“ und auch sie suche vergebens. Und: „Wenn du deutsch-deutsche Freunde suchst, dann lass uns doch mal einen Kaffee trinken gehen.“

Gesagt, getan. „Wir wussten nichts übereinander“, erzählt Ulusoy, „und trotzdem haben wir stundenlang geredet.“ Betül Ulusoy ist Muslima, Karla Schönicke Christin und im Gespräch stellten beide fest, dass sie kaum Menschen mit einem anderen Glauben als ihrem eigenen kennen.

Ulusoys Netzwerk ist groß - sie wurde als "Kopftuch-Juristin" bekannt

„Ich hatte von einer Veranstaltung aus Australien gehört, bei der sich Muslime und Nicht-Muslime kennenlernen können“, erzählt Schönicke, „wir haben dann beschlossen, dass wir das in Berlin machen wollen.“ Der Beginn von „Meet a Muslim“. Sie organisierten einen Raum, erzählten ihren Freunden von der Idee und teilten die Veranstaltung über Ulusoys Netzwerk.

Karla Schönicke (li.) und Betül Ulusoy haben "Meet a Muslim" initiiert.
Karla Schönicke (li.) und Betül Ulusoy haben "Meet a Muslim" initiiert.Foto: Thilo Rückeis

Ein ziemlich großes Netzwerk: 2015 wurde Betül Ulusoy als „Kopftuch-Juristin“ bekannt, bundesweit wurde über die junge Muslimin berichtet, die ihr juristisches Referendariat im Neuköllner Bezirksamt machen wollte und nicht durfte, weil sie ein Kopftuch trägt. Das Neutralitätsgesetz verbietet religiöse Symbole für Staatsbedienstete. Am Ende bekam Ulusoy recht, im Bezirksamt wollte sie trotzdem nicht mehr arbeiten. Stattdessen engagiert sie sich für die Rechte von Muslimen, will zur interreligiösen und kulturellen Verständigung beitragen.

"Ihr dürft alles fragen"

Das Prinzip von Meet a Muslim ist einfach: Es ist wie Speed-Dating – nur dass es nicht darum geht, die große Liebe kennenzulernen, sondern eine andere Religion, eine andere Kultur. Muslime treffen auf Nicht-Muslime, acht Minuten hat jedes Duo Zeit, um sich gegenseitig zu interviewen. „Ihr dürft alles fragen“, sagt Ulusoy, bevor es losgeht, „aber sagt auch, wenn ihr euch mit einer Frage unwohl fühlt“.

Von Unwohlsein ist bei den Teilnehmern nichts zu spüren, rund 20 Leute sind gekommen, die Teilnehmerzahl wird inzwischen begrenzt: „Sonst wird es zu anstrengend. Und wir wollen, dass jeder mit jedem spricht“, sagt Schönicke. An der langen Tafel sitzen auf der einen Seite die Muslime, ihnen gegenüber die Nicht-Muslime. Beide Seiten sind bunt gemischt: Unter den Nicht-Muslimen sitzen junge Studierende, Menschen mittleren Alters, eine Frau bietet ehrenamtlich Fahrradunterricht für geflüchtete Frauen an und findet die Veranstaltung spannend. Sie trinken Cola oder Bitter Lemon, ein Mann isst Pizza, er ist bereits zum zweiten Mal dabei.

"Es gibt nicht den einen Moslem"

Die Seite der Muslime zeigt, dass der Titel der Veranstaltung nicht ganz stimmt: „Eigentlich müsste es heißen Meet some Muslims“, sagt Ulusoy, „So wie es nicht den einen Christen gibt, gibt es auch nicht den einen Moslem.“ Die meisten sind in Deutschland geboren, die Familien kommen aus der Türkei oder dem Libanon, aus Marokko oder Indonesien. Auch eine Konvertitin ist dabei. „Ich habe mich lange in keiner Religion wirklich wiederfinden können, bis ich mich mit dem Islam auseinandergesetzt habe“, erzählt sie. Die anderen sind mit dem muslimischen Glauben aufgewachsen: „Klar stellt man das irgendwann infrage, das macht wahrscheinlich jeder Teenager, aber mir gibt mein Glaube sehr viel“, sagt ein junger Mann.

Nach acht Minuten ruft Betül Ulusoy zum Wechseln der Gesprächspartner auf, das muss sie mit Nachdruck tun, alle quatschen sich immer wieder fest. Dann werden die Plätze getauscht, Hände geschüttelt und die Gespräche gehen von vorne los. Die Themen sind so vielfältig wie die Menschen: „Was machst du beruflich?“, „und in der Freizeit?“, „Kommst du aus Berlin?“, aber es geht auch um Glaube und Nicht-Glaube, religiöse Regeln oder das Bild, das Nicht-Muslime von Muslimen haben, und andersherum.

Für jedes Treffen gibt es Wartelisten

Das Speed-Dating findet inzwischen zum fünften Mal statt, Ulusoy und Schönicke überlegen, die Veranstaltung zu vergrößern, denn die Resonanz ist riesig, für für jedes Treffen gibt es eine Warteliste.

Am Ende des Abends wabern die Stimmen nur noch leise und kratzig durch den Raum, alle sind heiser, die Gespräche waren anstrengend. Zum Abschied flüstern sie. „Vielen, vielen Dank, dass ihr das macht“, sagt eine Teilnehmerin zu den beiden Veranstalterinnen, „das war ein toller Abend.“ Alle gehen mit einem Lächeln.

Nächstes Speed-Dating am 9. Juli. Anmeldung unter meetamuslimberlin@gmail.com, der Veranstaltungsort wird kurz vor der Veranstaltung per Mail bekanntgegeben.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!