• Spezialklinik noch nicht fertig: Berliner Covid-19-Klinik trotz fehlender Betriebsabnahme eröffnet
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Spezialklinik noch nicht fertig : Berliner Covid-19-Klinik trotz fehlender Betriebsabnahme eröffnet

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci hat am Montag das Corona-Behandlungszentrum eröffnet. Es sei betriebsbereit. Die zuständige Behörde widerspricht.

Mitarbeiter gehen durch das Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße (CBZJ) auf dem Berliner Messegelände. Das Corona-Notfallkrankenhaus zur wurde offiziell eröffnet - fertig soll es noch nicht sein.
Mitarbeiter gehen durch das Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße (CBZJ) auf dem Berliner Messegelände. Das...Foto: dpa/Kay Nietfeld

Das Berliner Covid-19-Behandlungszentrum soll - trotz feierlicher Eröffnung - noch gar nicht fertig sein. Zwei Tage nach der offiziellen Eröffnung und „Betriebsabnahme“ durch Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) ergeben Recherchen des Tagesspiegel: Es soll bislang noch keine Betriebsabnahme der zuständigen bezirklichen Gesundheitsbehörde vorliegen.

Auf dem Berliner Messegelände ist innerhalb weniger Wochen ein Corona-Reservekrankenhaus entstanden. Zunächst rund 500 Infizierte und Covid-19-Patienten könnten hier isoliert und behandelt werden. Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf wäre für die Abnahme des Behandlungszentrums zuständig.

Gesundheitsstadtrat Detlef Wagner (CDU), dessen Behörde für die Betriebsabnahme zuständig wäre, bestätigte dem Tagesspiegel, dass diese erst in der kommenden Woche bevorstehe. „Erst dann wird unsere Amtsärztin gemeinsam mit dem Landesamt für Gesundheit und Soziales das vielleicht fertige Behandlungszentrum begehen und wenn alle in den vergangenen Wochen gegebenen Hinweise befolgt worden sind, würde es eine positive Stellungnahme geben.“

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Bestimmte Fragen seien noch nicht geklärt. Seine Amtsärztin werde besonders darauf achten, dass die bis zu 1000 Mitarbeiter, die dort im Notfall Patienten versorgen werden, infektionssicher arbeiten können. In den vergangenen Wochen hatte es noch Nachbesserungsbedarf gegeben, weil reine und unreine Bereiche nicht ganz klar voneinander abgetrennt waren.

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci hatte dagegen am Montag verkündet: „In kurzer Bauzeit von nur 4 Wochen haben wir das Corona-Behandlungszentrum gebaut.“ Sie bedankte sich bei Albrecht Brömme, dem Koordinator des Baus, für „die erfolgreiche Koordination des Projektes“. In einer Mitteilung hieß es, das Corona-Behandlungszentrum sei „betriebsbereit“.

Bau sei eine „Wahnsinnsarbeit“ gewesen

Gesundheitsstadtrat Wagner kann nicht nachvollziehen, warum Kalayci nicht mit der Eröffnung warten wollte, bis das Behandlungszentrum tatsächlich betriebsbereit und abgenommen sei. „Es ist komisch, dass Frau Kalayci ohne Not so tut, als sei das Behandlungszentrum fertig.“

Er habe das ungute Gefühl, man habe „unbedingt innerhalb eines Monats fertig werden wollen“. Wagner, der den Bau mit seinem Amt intensiv begleitet hat, will das explizit nicht als Kritik am Projekt selbst verstanden wissen. Dort sei eine „Wahnsinnsarbeit“ in sehr kurzer Zeit geleistet worden. „Es war eine Herkulesaufgabe. Der BER hätte sich über eine Verzögerung von nur ein oder zwei Wochen gefreut.“

Die Senatsverwaltung für Gesundheit bleibt am Mittwoch bei ihrer Darstellung, das Behandlungszentrum sei betriebsbereit - und widerspricht der für die Betriebsabnahme zuständige Behörde. „Die Bauabnahme ist erfolgt, das Ding ist betriebsbereit“, sagte Kalaycis Sprecher, Moritz Quiske, dem Tagesspiegel am Abend.

Das zuständige Gesundheitsamt von Charlottenburg-Wilmersdorf blieb am Abend auf erneute Anfrage bei seiner Darstellung.

Eröffnung sei eine Art „potemkinsches Dorf“ gewesen

Scharfe Kritik kommt von Reinickendorfs Amtsarzt Patrick Larscheid, der sich zuvor schon häufiger gegen die Politik von Kalayci positioniert hatte. Er erklärte, den Pressevertretern sei bei der Eröffnung der Covid-19-Klinik am Montag ein „potemkinsches Dorf“ aufgebaut worden. Hinter verschiedenen Trennwänden sei noch „überhaupt nichts“ fertig gewesen, so Larscheid

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Nach Tagesspiegel-Informationen stehen beispielsweise erst zwei der 111 geplanten Intensivbetten mit Beatmungsgerät zur Verfügung. Allerdings wird das Behandlungszentrum momentan auch noch nicht gebraucht - es würde erst dann zum Einsatz kommen, wenn die Kapazitäten der Berliner Krankenhäuser erschöpft sind. Es gilt als eine Art Lebensversicherung für das Berliner Gesundheitssystem.

Die womöglich teilweise inszenierte Eröffnung könnte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte, und zu einem Brandbrief der Amtsärzte geführt hatte, in dem Kalayci hart angegangen wurde. Ihre Kritik: Die Senatorin übergehe sie und entscheide teils ohne fachliche Grundlage. Am Donnerstag wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im neuen Behandlungszentrum auf dem Messegelände erwartet.

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