• Sputendorfer Schranken-Streit: Was alles passieren kann, wenn in Brandenburg ein Radweg gebaut wird

Sputendorfer Schranken-Streit : Was alles passieren kann, wenn in Brandenburg ein Radweg gebaut wird

Eine Schranke sollte verhindern, dass Autofahrer eine Fahrradstraße als Abkürzung nutzen. Doch mit deren Gewalttätigkeit hatte die Gemeinde nicht gerettet.

Diese Schranke wurde jede Woche abgebrochen. Nun wird sie festgeschweißt, sagt der Bürgermeister.
Diese Schranke wurde jede Woche abgebrochen. Nun wird sie festgeschweißt, sagt der Bürgermeister.Foto: Jörn Hasselmann

Sputendorf – Vor gut einem Jahr interessierten sich sogar überregionale Zeitungen und das Fernsehen für den kleinen, eher unscheinbaren Radweg bei Ludwigsfelde.

Für 360.000 Euro war südlich von Berlin ein Feldweg zwischen Struveshof und Sputendorf auf 1,7 Kilometern asphaltiert worden. „Für guten Rollkomfort wurde eine feine Asphaltmischung mit glatter Oberflächenstruktur eingebaut“, lobte sich die Gemeinde zur Eröffnung im Dezember 2018.

Ein paar Wochen später stellte sich dann allerdings heraus, dass man leider vergessen hatte, die gewünschte Fahrradstraße mit Verkehrsschildern auch zur Fahrradstraße nach Straßenverkehrsordnung zu machen.

Die Folge: Auto- und LKW-Fahrer nutzten die Abkürzung und rollten mittenmang der Radler auf der 3,50 Meter breiten Strecke. Erlaubt sollte dies eigentlich nur landwirtschaftlichem Verkehr sein. Und da ja keine Verkehrsschilder aufgestellt waren, durften Autos Tempo 100 fahren, ist ja außerorts.

Radfahrer fanden das gar nicht lustig, der Bürgermeister auch nicht. Es wurde bekannt, dass sich die beiden beteiligten Gemeinden nicht abgesprochen hatten. Zuerst berichtete die Tagesspiegel-Schwesterzeitung „Potsdamer Neueste Nachrichten“ („Rennstrecke“), dann unter anderem die Berliner „B.Z.“ („Lebensgefahr“).

Erst kamen die Schilder, dann die eine Schranke

Monate gingen ins Brandenburger Land, erst kamen Schilder, dann eine Schranke. „Im März 2019 wurde dem motorisierten Ausweichverkehr auf dem Rad- und Wirtschaftsweg ein Ende gesetzt“, lautete die vollmundige Ankündigung aus dem Rathaus.

Mit der Schranke wurde aus der Lachnummer des anfänglichen Behördenpingpongs zwischen den Gemeinden ein Fall für die Polizei. Denn mit der Gewalttätigkeit – offenbar einheimischer – Autofahrer hatte die Gemeinde nicht gerechnet.

„Bedauerlicherweise kam es seitdem fast wöchentlich zu massiven mutwilligen Beschädigungen der Anlage durch Unbekannte“, teilten die Bürgermeister Andreas Igel (Ludwigsfelde) und Bernd Albers (Stahnsdorf) mit. Und weiter: „Mittlerweile belaufen sich die Reparaturkosten auf einen hohen vierstelligen Betrag.“

Ausgeschildert ist die neue Strecke nicht, man muss sie kennen.
Ausgeschildert ist die neue Strecke nicht, man muss sie kennen.Foto: Jörn Hasselmann

Nun der nächste Akt: Die Schranke soll verschweißt werden, zuvor konnten „Berechtigte“ sie mit einem Dreikantschlüssel öffnen. „Den Schlüssel hatten sich aber viele Autofahrer besorgt“, berichteten am Sonntagmorgen zwei Joggerinnen. Sie haben es selbst erlebt, wie Autofahrer „mit 60 oder 70 Sachen" durchfuhren. Die Schranke sei oft kaputt gewesen.

Weitere bauliche Schritte behalten sich die Gemeinden vor

„Da noch Behörden zu beteiligen sind, soll die Maßnahme planmäßig zum 1. September 2020 greifen“, kündigten die beiden Bürgermeister an. Doch sie ahnen wohl, dass auch eine Schweißnaht nicht halten wird. Denn: „Weiterführende Schritte baulicher Natur behalten sich Stahnsdorf und Ludwigsfelde ausdrücklich vor.“

Tatsächlich bietet die Fahrradstraße den Sputendorfern eine direkte Verbindung zum Bahnhof Ludwigsfelde-Struveshof und weiter in die „große“ Stadt Ludwigsfelde. Autofahrer müssen dazu regulär ein paar Kilometer Umweg fahren.

Dieses Beweisfoto veröffentlichte die Gemeinde.
Dieses Beweisfoto veröffentlichte die Gemeinde.Foto: Gemeinde Stahnsdorf

Die Fahrradstraße war im Jahr 2015 von den Sputendorfern bei der Beteiligung zum damaligen Stahnsdorfer Bürgerhaushalt der am drittstärksten votierte Vorschlag. Die „feine Asphaltmischung“ beginnt übrigens erst nach 100 Metern üblem Kopfsteinpflaster. Da es auch weiterhin so gut wie keine Ausschilderung gibt, ist der Weg bei Nicht-Sputendorfern weitgehend unbekannt – denn für Radfahrer ist er nur schwerlich als Radweg zu erkennen.

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Bislang hat die Fahrradstraße nur lokale Bedeutung, keine Netzwirkung: Es fehlen drei Kilometer Asphalt von Sputendorf nach Marggraffshof. Erst dann wäre eine durchgehende Verbindung von Stahnsdorf bis Ludwigsfelde geschaffen.

Vor wenigen Wochen wurde die Landesstraße „77n“ vom Stahnsdorfer Ortskern bis zur Autobahn ähnlich der ausgebauten Landesstraße 40 völlig neu durch Felder gebaut. Investiert wurden 12,5 Millionen Euro in diese Ortsumfahrung, Radfahrer profitieren immerhin von einem breiten Radweg.

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