Stadtmuseum Berlin : Weihnachten wie zur Zeit des Biedermeiers

Das „Knoblauchhaus“ im Nikolaiviertel ruft festliche Bräuche von früher wach.

Biedermeier und die Kerzenleuchter. Der Historiker Jan Mende ist seit acht Jahren Kurator im Museum Knoblauchhaus in Mitte.
Biedermeier und die Kerzenleuchter. Der Historiker Jan Mende ist seit acht Jahren Kurator im Museum Knoblauchhaus in Mitte.Foto: Mike Wolff

Klick. Jan Mende schaltet die elektrische Beleuchtung aus. Zwei Kerzen flackern, die Augen gewöhnen sich ans Dämmerlicht. „Das war damals, für die Menschen ganz normal“, sagt der Mitfünfziger. Mehr als ein, zwei Kerzen oder Öllampen in der guten Stube konnten sich selbst wohlhabende Berliner in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum leisten. Licht war teuer – nur zu Weihnachten, am Tag der Bescherung und zum Festessen, da erstrahlte die gute Stube. Es gab noch keine echten Weihnachtsbäume, dafür standen leuchtende Pyramiden und aus Leisten kreuz und quer zusammengesteckte Holztannenbäumchen auf dem Gabentisch.

Erst wenn alle Dochte auf den Bäumchen und rundherum in Leuchtern flackerten, durften die Kinder ins Weihnachtszimmer. „Glanz überall, wie es E.T.A. Hoffmanns in seinem Märchen vom ,Nussknacker und Mausekönig‘ so herrlich beschreibt“, sagt Jan Mende. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Das war damals der Knüller für Klein und Groß.“

In den Räumen wohnte die Familie Knoblauch fast 170 Jahre

Der Historiker Jan Mende ist seit acht Jahren Kurator im „Museum Knoblauchhaus“ im Nikolaiviertel. Dunkelgrün gerahmte Doppelfenster, altrosa Verputz, ein breiter klassizistischer Rankenfries auf halber Höhe: Es ist ein Schmuckstück des Bürgertums aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, das hier an der Ecke zum Nikolaikirchplatz und zur Nikolaikirche steht. Man tritt durch die schmale Haustür hinein – und befindet sich mitten im Biedermeier. Denn dieses Haus ist kein übliches Museum mit Exponaten, zu denen man streng Distanz halten muss. In diesen Räumen wohnte die Berliner Familie Knoblauch fast 170 Jahre lang, von 1761 bis 1929. Aber die Zeit ist hier offenbar zwischen 1815 und 1848 stehengeblieben.

Sofas, Gemälde, Vitrinen, zierliche Stühle, überhaupt, das ganze Interieur stammt aus den Tagen des Seidenbandfabrikanten Carl Friedrich Wilhelm Knoblauch und seiner Frau Henriette. „Alles entspricht dem Geschmack ihrer Zeit“, sagt Jan Mende. Und jetzt, zum Advent, ist das ganze Haus sogar weihnachtlich herausgeputzt, wie es damals Brauch war. Bunte Papierbänder und Girlanden am Treppenlauf, Engel und Strohsterne im Fenster, Spielzeug auf den Holzdielen, an der Wand ein Bild vom Alt-Berliner Weihnachtsmarkt – Jan Mende, sein Team und eine engagierte Grundschulklasse der „Phorms Schule“ in Mitte haben ein Haus voller Weihnachtszauber geschaffen, wie es Carl Friedrich Wilhelm und seiner Henriette sicher gefallen hätte.

„Damals wurde es Mode, Gewächse im eigenen Heim zu pflegen.“

Vom Parterre bis zum dritten Stock spazieren nun die Gäste durch deren Heim oder folgen einer Führung. Und mancher blickt am Erker hinunter zur Straße. Wer weiß? Vielleicht sind ja die Knoblauchs nur mal kurz fortgegangen und stehen gleich wieder auf der Schwelle.

Die Stiftung Stadtmuseum, zu der das Knoblauchhaus gehört, nennt es in diesen Tagen ihr „Weihnachtshaus“. Im Parterre, gleich rechts, steht ein dunkelbrauner, mehr als 100 Jahre alter Bechsteinflügel. Hier wird gebastelt, musiziert oder Papiertheater gespielt, wenn das kleine Museum zu Veranstaltungen einlädt. Aber nun rasch die steile Treppe hinauf zu den Gesellschaftsräumen der Familie in der ersten Etage. Gleich rechts betritt man Carl Knoblauchs einstige Bibliothek. Originalbände aus seinem Besitz im Vitrinenschrank, am Fenster zur Poststraße blüht üppig ein Weihnachtskaktus. „Ach, übrigens, unsere heutige Freude an Zimmerpflanzen verdanken wir dem Biedermeier“, sagt Jan Mende. „Damals wurde es Mode, Gewächse im eigenen Heim zu pflegen.“

„Alles ist am Maß des Menschen orientiert.“

Was war überhaupt das Besondere am Biedermeier? Ein Blick rundherum reicht, um das Lebensgefühl der Knoblauchs zu erfassen. Die Räume hell und offen, nichts verstellt. Um die runden oder ovalen Tische versammelte sich die Familie im häuslichen Glück. Das Mobiliar hat Leichtigkeit, betont durch fein gemaserte Hölzer von Birke, Kirsche, Birnbaum. Die Sofas sind zartfarbig bezogen, dezent geblümt in grün oder blau. „Schönheit durch Schlichtheit“, erklärt der Museumschef. Nichts sei wuchtig wie in der späteren Gründerzeit. „Alles ist am Maß des Menschen orientiert.“ Und dann führt er den zierlichen Patentsekretär für die Dame im Salon vor. Ein klappbarer kombinierter Nähtisch, Schmuckkasten und Arbeitsplatz von 1815.

Ja, es war eine Zeit, in der man weit mehr als zuvor ins Innere, in die eigene Seele schaute und die Kinder ganz neu entdeckte. Noch im 18. Jahrhundert wurden sie eher als als kleine Erwachsene betrachtet, aber nun lag zumindest den guten, wohlsituierten Bürger daran, Bildung, Kunst, Musik und Literatur zu pflegen und auch den Nachwuchs dafür zu begeistern. Die Familie stieg im Wert – und dazu passte das Weihnachtsfest perfekt. „Dass es opulent im Verwandtschaftskreis gefeiert wird“, sagt Jan Mende, „ist eine Erfindung des Biedermeier“.

Für die Knoblauchs gab es erst am 25. Dezember Geschenke

Wie gestalteten damals die Knoblauchs die Festtage? Der Termin, auf den alle hinfieberten, war im Gegensatz zu heute der 25. Dezember. Erst in der Frühe, nach dem Heiligen Abend, wurden die Kinder beschert. Und am späten Nachmittag versammelte man sich zum Festessen. Die Bescherung zog sich durch drei Räume hin. Im Ersten wurden die Großeltern beschenkt, im Zweiten die Eltern – und erst an der dritten Station, im Salon, durften sich die Kinder, die vor Neugier schon platzten, auf den Gabentisch stürzen.

Was lag so alles darauf? Vielleicht die bunten Ausschneidebögen fürs Papiertheater, die obligatorische Puppenküche oder der Eilwagen der königlichen Post en miniature. Alles heute im Museum zu bewundern. Beim Auspacken schaute den Jüngsten ein Nußknacker zu. Der durfte in keinem bürgerlichen Haushalt fehlen. Und man darf vermuten, dass Carl Knoblauch zu alledem die Flötenuhr von 1797 in Gang setzte – eine bis heute voll funktionsfähige Miniorgel mit Holzpfeifen, Stiftwalze, Blasebalg und Aufziehwerk.

Nur die geschmückte Tanne fehlt noch im Weihnachtsambiente des Biedermeier, und das hat logistische Gründe. Erst als die preußische Dampfeisenbahn ab 1838 fuhr, konnte man die Bäume günstig in die große Stadt und die heimischen Wohnzimmer bringen.

Museum Knoblauchhaus, Poststr. 23, Mitte, Di. bis So., 10 – 18 Uhr, Familienprogramm am 3. Adventssonntag, 14 – 17 Uhr, Papiertheater „Rumpelstilzchen“ am 15. Dezember ab 14 und 16 Uhr. Anmeldung, Tel.: 24002-162. www. stadtmuseum.de/weihnachtshaus

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