Steigende Mieten in Gropiusstadt : Wärmedämmung bedroht Neuköllner Mieter

Tausenden Anwohnern in Gropiusstadt droht eine saftige Mieterhöhung, weil ihr Vermieter seine Häuser modernisieren und sanieren will. Das Bezirksamt ist machtlos.

Caspar Schwietering
Gropiusstadt ist ein Ortsteil von Neukölln, entstanden von 1962 bis 1975 als Satellitensiedlung.
Gropiusstadt ist ein Ortsteil von Neukölln, entstanden von 1962 bis 1975 als Satellitensiedlung.Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa

Von Tür zu Tür gehen? Das ist ein hartes Geschäft. Das weiß jeder Vertreter. Auch Leo Betker und Oskar Stolz müssen das an diesem kalten Wintertag erfahren. „Ich habe schon unterschrieben“, sagt die Frau mit Kind auf dem Arm. „Wir sind schon dabei“, antwortet ein Paar zwei Türen weiter.

So ging das in den vergangenen Wochen ständig, fast alle hier haben den Protestbrief unterschrieben: Viele in der Gropiusstadt sind aufgebracht, weil die Sorge vor steigenden Mieten den eher armen Stadtrand erreicht hat. Es geht um einen Mietanstieg von über 40 Prozent.

Der Löwensteinring 23/25. Ein achtgeschossiger Riegel mit hundert Wohnungen mitten in der Gropiusstadt. Kurz vor Weihnachten erhielten die Bewohner einen Brief von ihrem Vermieter, der Gropiuswohnen. Das Haus solle saniert und modernisiert werden. Modernisierung - das meint vor allem Wärmedämmung. Und die müssen die Mieter mitbezahlen.

167 Euro Miete mehr im Monat

Für Leo Betker, der von Tür zu Tür rennt und um Unterschriften bittet, bedeutet diese Modernisierung: 167 Euro mehr im Monat. Bisher bezahlt er 384 Euro kalt für 77 Quadratmeter. Danach sollen es 551 Euro sein. Ein Anstieg von 43,5 Prozent. Die neue Warmmiete würde mehr als dreißig Prozent seines Netto-Einkommens auffressen. Deshalb hat Betker einen Härtefallantrag gestellt.

Doch der 50-Jährige würde gerne mehr erreichen. Mit einer Mieterinitiative will er die Modernisierung ganz stoppen. Betker soll danach laut seinem Vermieter sieben Euro weniger im Monat für die Heizung zahlen. „Viel kann diese Dämmung also nicht bringen“, sagt er.

Für die Gropiuswohnen dürfte die Modernisierung ein lohnendes Geschäft sein. Denn durch die gesetzlich festgelegte Modernisierungsumlage kann der Konzern die Mietpreisbremse umgehen und die Mieten deutlich erhöhen – weit über die in der Gropiusstadt erlaubten 5,20 Euro pro Quadratmeter hinaus.

Elf Prozent der Investitionssumme wird sich der Konzern jährlich von seinen Mietern zurückholen. In Zeiten niedriger Bauzinsen bekommt Gropiuswohnen die Baukosten so in zwanzig Jahren wieder rein. Und danach werden die Hausbewohner weiter höhere Mieten zahlen.

Ein exemplarischer Fall

Das Problem betrifft nicht nur die Anwohner des Löwensteinrings. 4200 ehemalige Sozialwohnungen besitzt Gropiuswohnen in der Gropiusstadt. Nach und nach werden die nun modernisiert. Das zeigt schon ein kleiner Spaziergang. Überall stehen frisch verputzte weiß-grüne Häuser mit dem Gropiuswohnen-Logo. Das Unternehmen wollte dazu – trotz mehrmaliger Nachfrage – keine Stellung beziehen.

Die Linke Neukölln unterstützt nun die Bewohner des Löwensteinrings. „Als wir erfahren haben, dass die Wohnungen hier bald saniert werden sollen, haben wir zusammen mit den Anwohnern eine Mieterinitiative gegründet", sagt Oskar Stolz, der das Projekt für die Partei koordiniert. Der Fall zeige exemplarisch, „wie Vermieter mit der energetischen Sanierung die Preise im ehemaligen sozialen Wohnungsbau massiv in die Höhe treiben“, sagt der 30-Jährige.

Die Mieterinitiative hat im Januar den Neuköllner Bezirksverordneten einen offenen Brief überreicht. Die Volksvertreter sollen den Vermieter drängen, „auf die Modernisierung ohne relevanten Energieeinsparungseffekt“ zu verzichten. Außerdem solle die BVV prüfen, ob man die Gropiusstadt zum Milieuschutzgebiet machen könne. Der Stadtrat für Stadtentwicklung, Jochen Biedermann (Grüne), wollte den Betroffenen kaum Hoffnung machen. Gegen die Modernisierungsmaßnahme habe das Bezirksamt keine Handhabe, sagte er.

Viel Zeit bleibt den Bewohnern des Löwensteinrings 23/25 nicht mehr, um die Sanierung zu verhindern. In den kommenden Tagen will Gropiuswohnen die Wohnungen besichtigen, ab dem 1. März soll gebaut werden.

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