Straße frei für Kinder : Friedrichshain-Kreuzberg eröffnet temporäre Spielstraßen

Der Berliner Bezirk sperrt Straßenabschnitte sonntags für den Autoverkehr – und öffnet sie zum Spielen. Das soll womöglich auch nach der Coronakrise so bleiben.

Mehr Platz zum Skaten: Kinder nutzen die neue Freiheit in der temporären Spielstraße in der Friedrichshainer Bänschstraße.
Mehr Platz zum Skaten: Kinder nutzen die neue Freiheit in der temporären Spielstraße in der Friedrichshainer Bänschstraße.Foto: Madlen Haarbach

Am Sonntag um kurz vor 12 Uhr macht die Bänschstraße im Friedrichshainer Samariterkiez einen eher verlassenen Eindruck, nur einzelne Spaziergänger sind zu sehen. Pünktlich zum Glockenschlag ändert sich das Bild: Menschen in gelben Warnwesten, sogenannte Kiezlotsen, schleppen weiß-rote Bauzäune vor die Einfahrten. Bis 18 Uhr gilt jetzt: Einfahrt für Autos gesperrt, Spielstraße für Kinder eröffnet.

Neben der Bänschstraße werden noch 17 weitere Straßenabschnitte in Friedrichshain-Kreuzberg zu temporären Spielstraßen, mit der Böckhstraße folgt eine weitere am Mittwoch. Insgesamt 30 sollen es in den kommenden Wochen werden – erstmal. „Und dann mal sehen, ob es noch mehr Bedarf gibt“, sagt Felix Weisbrich, Leiter des zuständigen Straßen- und Grünflächenamtes.

Und dass es einen großen Bedarf an Freiräumen gibt, daran hat Weisbrich keinen Zweifel. „Es geht hier um ein Grundbedürfnis von Bewegung und Spiel einiger der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft – und wer das als Partikularinteresse bezeichnet, ist zynisch“, sagt er.

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Das Bezirksamt stellt außerdem Wasserwägen bereit, damit die Anwohner die Straßenbäume wässern können.

Johanna (links) und Jule spielen an einer Kreuzung mit Seifenblasen.
Johanna (links) und Jule spielen an einer Kreuzung mit Seifenblasen.Foto: Madlen Haarbach

Der Bezirk setzt auf die Akzeptanz der Bevölkerung – und ihre Unterstützung. Innerhalb weniger Tage wurden die Spielstraßen geplant, angeordnet und nun gleich durchgeführt. Möglich wurde das vor allem durch engagierte Anwohner: Innerhalb von 31 Stunden hätten sich rund 280 Menschen gemeldet, sagt Weisbrich.

Als ehrenamtliche Kiezlotsen sollen sie nun dafür sorgen, dass in den abgesperrten Straßenabschnitten die Hygieneregelungen eingehalten werden. Auch lokale Initiativen wie „Verkehrsberuhigter Samariterkiez“, die sich seit drei Jahren für eine Verkehrsberuhigung einsetzt, unterstützen das Projekt. Sonntags gebe es eh wenig Verkehr, sagt Indre Zetzsche von der Initiative, daher sei die Akzeptanz hoch.


Katrin Andrzejewski steht in gelber Weste neben der Samariterkirche, sie ist eine der Kiezlotsinnen in Friedrichshain.
Katrin Andrzejewski steht in gelber Weste neben der Samariterkirche, sie ist eine der Kiezlotsinnen in Friedrichshain.Foto: Madlen Haarbach

Katrin Andrzejewski steht in gelber Weste neben der Samariterkirche, sie ist eine der Kiezlotsinnen. „Ich habe überlegt, wie ich in der Pandemie helfen kann“, sagt sie. Das Projekt habe sie sofort überzeugt.

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Begeistert sind vor allem die Kinder. Johanna, 8, und Jule, 9, pusten an einer Kreuzung Seifenblasen in die Luft. „Es ist toll, dass wir die Straße jetzt für uns haben“, sagen sie. Ihre Mütter erinnert die Aktion an ihre eigene Kindheit, als sie selbst noch auf der Straße spielten. „Das kann man ja heute kaum noch.“

Auf der Straße Fußballspielen - das ist sonst kaum möglich.
Auf der Straße Fußballspielen - das ist sonst kaum möglich.Foto: Madlen Haarbach

Wenige Meter weiter haben Eltern faltbare Tore aufgebaut, zwei Mädchen zeichnen das Hüpfspiel „Himmel und Hölle“ mit bunter Kreide auf den Boden. Ein weiteres übt Hula-Hoop. Helena, Penelope und Mascha nutzen den neuen Platz zum Inlineskaten. Noch schöner fänden sie die Straße ohne parkende Autos – dann gäbe es weniger störende Hindernisse.

„Wir sind der dichtbesiedelste Bezirk Berlins und eines der dichtbesiedelsten Gebiete Europas – gleichzeitig haben wir sehr wenig Grün- und Freiflächen“, sagt Umweltstadträtin Clara Herrmann (Grüne). Der Bedarf sei enorm. Die Coronakrise habe die Einrichtung jetzt enorm beschleunigt. Sollte das Engagement anhalten, könnten die Spielstraßen auch dauerhaft sonntags öffnen, sagt sie. Wer davon profitiere? „Alle“, sagt Felix Weisbrich.

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