Streit um Neubauflächen in Berlin : Mehr Wohnungen? Ja – aber nicht hier

In Lichtenberg wird um die Bebauung von Innenhöfen zwischen Mietshäusern gerungen. Der Konflikt ist exemplarisch für die Suche nach Bauflächen in ganz Berlin.

Auf der grünen Wiese. Hier in Karlshorst sollten Neubauten mit 240 Wohnungen entstehen – eigentlich.
Auf der grünen Wiese. Hier in Karlshorst sollten Neubauten mit 240 Wohnungen entstehen – eigentlich.Foto: Robert Klages

Den Wiesen hat der heiße Sommer arg zugesetzt. Der Spielplatz? Na ja, etwas einfallslos. Drumherum verblühter Goldregen, Büsche, ein paar vom Herbst gebeutelte Bäume. Gewiss. Diese Innenhöfe zwischen den vier- bis fünfstöckigen Mietshäusern aus den 50er Jahren sind keine grünen Paradiese. Aber den Bewohnern des Ilse-Kiezes im Lichtenberger Ortsteil Karlshorst bieten sie Platz zum Durchatmen, für freie Sicht, für Sport und Ruhe. Doch um die Zukunft ihrer Oase, für deren Erhalt sich die Bürgerinitiative „Rettet den Ilse-Kiez“ seit gut zwei Jahren einsetzt, wird derzeit angesichts von Wohnungsnot und steigender Mieten in Berlin exemplarisch gerungen.

Die Howoge wollte ursprünglich 240 neue Wohnungen errichten

Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Howoge wollte in den Innenhöfen ursprünglich bis zu 240 Neubauwohnungen errichten, zumal ihr der Grund dort schon gehört. Ihr Zauberwort hieß: Nachverdichtung. Eigentlich ganz im Sinne der Senatsstrategie, auch kleinteilige Potenziale in der Stadt für Wohnungsbau zu nutzen, vor allem, wenn die Flächen schon im Besitz des Landes oder dessen Wohnungsgesellschaften sind. Doch die Proteste im Ilse-Kiez wirkten, die Kontrahenten trafen sich mit Bezirksvertretern am Runden Tisch. Als Ergebnis liegt laut Howoge zur Zeit ein Kompromiss vor: Die Zahl der Neubauwohnungen sei auf 187 reduziert „durch die Freihaltung eines Hofes und die Reduzierung von Geschossen“.

Die Anwohnerinitiative will einen "Karlshorster Wiesenpark"

Die Bürgerinitiative allerdings besteht weiter auf einer Null-Lösung. Motto: Bezahlbare Wohnungen Ja, aber nicht auf Kosten von Höfen. „Wir werden jede politische und demokratische Möglichkeit nutzen, die Bebauung zu verhindern“, sagt Sprecher Dietmar Stengel. Ein „Wiesenpark“ schwebt der Initiative vor, mit Urban Gardening, Platz zum Spielen. Der Bezirk will die abgespeckten Howoge- Pläne nun erneut prüfen. Das passt wiederum gut zu einem Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Lichtenberg, der jüngst von allen Fraktionen gefasst wurde, berlinweit ziemlich einmalig ist und wohl auch in anderen Bezirken Debatten auslösen und Nachahmer finden wird.

Der Beschluss unterstützt einen sogenannten Einwohnerantrag an die BVV. Danach soll der Bezirk nun ein Konzept zum Schutz der bestehenden „grünen“ Innenhöfe entwickeln und dabei den Erhalt von Natur und Umwelt sowie den erwarteten Einwohnerzuwachs berücksichtigen. Die Kiez-Initiative hatte für den Antrag mehr als 2000 Unterschriften gesammelt. Wie das Konzept konkret aussehen könnte, ist noch unklar. Norman Wolf von den Linken in der BVV erwartet, dass auf diese Weise der Wohnungsbau kontrolliert gestaltet wird.

Neubauten gelten als beste Mietpreis-Bremse

Der Konflikt in Karlshorst spiegelt 1:1 die Zerreißprobe auf dem Wohnungsmarkt wieder. Möglichst rasch soll jede Chance genutzt werden, um ein Wohnungsbau-Wunder für die vielen Neuberliner zu schaffen – zumal mehr Neubauwohnungen als beste Mietpreisbremse gelten. Innenhöfe kommen dafür zunehmend in Mode, Aufstockungen sind im Gespräch bis hin zu kurios anmutenden Ideen wie hölzernen Wohnmodulen auf dem Dach. Gewerbegebiete werden zugunsten von Wohnen infrage gestellt und große Freiflächen wie das Tempelhofer Feld oder Gebiete am Stadtrand wie die umstrittene Elisabeth-Aue in Pankow beharrlich in den Blick genommen.

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Aufstockungen halten die Bauplaner für unrealistisch

Die Initiative „Rettet den Ilse-Kiez“ hatte vorgeschlagen, die bestehenden Gebäude aufzustocken. Aber das blockten die Planer ab. Es sei unrealisierbar, hieß es. Über mangelnde Sympathie im Rathaus können sich die Kiez-Aktivisten hingegen nicht beklagen. Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) teilt ihre kritische Position zu den einstigen Howoge- Plänen. Er liegt hier auf einer Linie mit dem Berliner Mieterverein. Der hat schon 2016 vor neuen „dunklen Hinterhofanlagen wie in den Zwanziger Jahren“ gewarnt.

Die SPD-Baustadträtin will keine Gewerbegebiete preisgeben

Norman Wolf von der Linksfraktion plädiert für eine „behutsame Nachverdichtung“. Außerdem würde er gerne Gewerbegebiete für den Wohnungsbau öffnen. Doch Baustadträtin Birgit Monteiro (SPD) macht da nicht mit. Sie stellt sich schützend davor, will das Gewerbe erhalten.

"Die Lösung der Wohnungsnot wird weiter verschoben"

Und wie reagiert die Howoge? Der Senat habe die Gesellschaft verpflichtet, rund 15 000 „preisgedämpfte Wohnungen“ bis 2025 zu errichten, heißt es. Angesichts stetig steigender Grundstückspreise sei es notwendig, diese auf eigenen Grundstücken zu schaffen. Andernfalls werde die Lösung des Problems der wachsenden Stadt weiter verschoben. „Wenn an der Ilsestraße oder auf anderen Flächen in unserem Eigentum nicht genügend Wohnungen gebaut werden können, müssen wir an anderen Stellen bauen und dazu eventuell erst mal Land erwerben.“

Der Bund Deutscher Architekten rügt die Blockade

Auch der Vorsitzende des Bundes Deutscher Architekten, Andreas Becher, mahnt, es sei Zeit, „eine offene Diskussion darüber zu führen, wo Wohnungsbau stattfinden darf – wenn nicht auf stadteigenen Grundstücken mit genügend Freiflächen.“ In Karlshorst würden ja keine Luxuswohnungen von Spekulanten geplant. An ausreichende Abstandsflächen und Begrünung sei bei der Planung gedacht worden. Becher zum aktuellen Streit: „Man muss sich fragen, wie man das den Wohnungssuchenden erklären will.“ Und Roland Kuhn von der Vertreterversammlung der Berliner Architektenkammer sieht die Dinge ähnlich: „Bei Bauprojekten, die über den Bezirk hinaus Bedeutung haben, sollte der Senat ... gesamtstädtische Interessen vor Partikularinteressen setzen. Wenn die Qualität des Projektes stimmt.“

Im Ilse-Kiez sind die Partikularinteressen allerdings eine hohe Hürde. Die Initiative arbeitet professionell, alleine ihre Website ist perfekt gestaltet. Auch Tradition spielt dort eine Rolle. „Viele Bäume der Höfe“, heißt es,„wurden schon in den 50ern teils von Anwohnern gepflanzt.“

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