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Hochhäuser und Mehrfamilienwohnhäuser im Berliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorf

© IMAGO/Jochen Eckel

„Stromzufuhr mit Zeitzünder versehen“ : Eine Vulkangruppe droht mit neuem Anschlag in Berlin – Polizei findet nichts

Eine der sogenannten Vulkangruppen hat einen erneuten Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin angekündigt. Diesmal in Marzahn-Hellersdorf. Ob das Schreiben authentisch ist, blieb zunächst unklar.

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Eine der „Vulkangruppen“ hat einen erneuten Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin angekündigt. Ob das Schreiben authentisch ist, blieb zunächst unklar. Es wurde am Donnerstag kurz nach Mitternacht auf dem linksextremistischen Portal „Indymedia“ veröffentlicht, später aber wieder gelöscht.

Sie hätten „die Stromzufuhr zum Bezirk Marzahn-Hellersdorf mit einem Zeitzünder versehen“, heißt es in dem Schreiben. Unterzeichnet ist es mit „Viva la Vulkangruppen“. Ob die Drohung ernst zu nehmen ist, wurde von den Behörden geprüft. Denn es ist unüblich, dass bei Indymedia konkrete Anschläge angekündigt werden. Vielmehr werden dort vorwiegend Bekennerschreiben und Berichte zu Aktionen veröffentlicht. Auch deshalb dürfte das Drohschreiben wieder gelöscht worden sein.

Die Polizei überprüfte am Donnerstag mit dem Betreiber Stromnetz „alle wichtigen, infrage kommenden Bereiche vorsichtshalber“ in Marzahn-Hellersdorf, sagte ein Sprecher am Abend. „Dabei ist nichts festgestellt worden.“ Die Polizei überprüfte konkret elf Stellen.

Anlass des Schreibens ist eine Erklärung einer Vulkangruppe, die die ersten Anschläge 2011 auf Kabelschächte im Berliner Raum verübt hatte und sich vom neuerlichen Brandanschlag auf die Stromversorgung im Berliner Südwesten distanziert.

Bezüge zum Unabomber in den USA

Davon wiederum distanziert sich nun eine andere Vulkangruppe in dem Drohschreiben. Der Begriff Vulkangruppe sei ähnlich zu begreifen wie der Begriff Antifa, schreiben die Verfasser des neuen Drohschreibens. Es gebe ebenso wenig „die Vulkangruppe“, wie es „die Antifa“ gebe. „Es ist mittlerweile eine Bewegung“, heißt es in dem Schreiben.

Der Brandanschlag vom 3. Januar sei keine von Russland gesteuerte False-Flag-Aktion, wie spekuliert, aber von den Sicherheitsbehörden bereits dementiert wurde, ebenso wenig „wie der Angriff der RAF auf die Springerpresse“.

Bezug genommen wird auch auf den sogenannten Unabomber. Gemeint ist der US-amerikanische Anarchist Ted Kaczynski, der zwischen 1978 und 1995 mit Paketbomben 16 Anschläge verübt hatte, bei denen drei Menschen getötet worden waren.

Bereits 2019 hatte das Bundeskriminalamt gewarnt, mit seinem radikal-ökologischen Manifest gegen das „industrielle System“ könnte er vor dem Hintergrund der Klimakrise in Deutschland wieder neue gewaltbereite Anhänger finden.

Tatsächlich warnt auch das Berliner Landeskriminalamt nun davor, dass die Täter vor nichts mehr zurückschrecken.

In einer internen Auswertung des Staatsschutzes, wo die Soko „Spannung“ mit den Ermittlungen zum Brandanschlag betraut ist, heißt es, dass im ersten Bekennerschreiben zum Anschlag von Sonnabend impliziert werde, dass die Täter bei folgenden Taten alle Mittel in Erwägung ziehen.

Vulkangruppe nimmt auf Ursprungsgruppe Bezug

Demnach sei es das vorrangige Ziel des Anschlags gewesen, die Versorgungsleistung des Kraftwerks zu unterbrechen, damit die Stromnetz Berlin Strom dazukaufen muss. Dadurch sollte ein finanzieller Schaden verursacht werden.

Im Bekennerschreiben würden weitere Gegner und Vorhaben benannt, die als mögliche weitere Angriffsziele genutzt werden könnten. Dazu zählten künstliche Intelligenz, Rechen- und Serverzentren, Tech-Konzerne, Parteien wie Grüne, Linke, fossile Kraftwerke, Flughäfen, Polizeizentralen, Eigentum reicher Personen sowie die Chip-, Rüstungs- und Automobilwirtschaft.

Außerdem werde dazu aufgerufen, kritische Infrastrukturen zu sabotieren und international aktiv zu werden. Im Schreiben rufen die Verfasser tatsächlich dazu auf, „alles in Reichweite unserer Möglichkeiten zu versuchen, dieser imperialen Lebensweise ein Ende zu setzen“. Das könne „nicht falsch sein“.

Dutzende Anschläge auf Stromversorgung seit 2011

Die Polizei rechnet etwa ein Dutzend Anschläge auf Kabelschächte und die Stromversorgung seit 2011 den Vulkangruppen zu, darunter auf das Tesla-Werk in Grünheide 2024 und die Stromversorgung in Treptow-Köpenick im September. Fest steht: Alle Gruppen und auch die Verursacher des Brandanschlags in Lichterfelde werden als linksextremistisch eingestuft. Doch die Szene ist sehr heterogen.

Im neuen Drohschreiben verhalten sich die Verfasser auch dazu, dass sich die Ursprungsgruppe von 2011, die mit Russlands Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 ihre Anschläge eingestellt haben will, vom Anschlag im Berliner Südwesten distanzierte.

So heißt es im Drohschreiben: „Uns fehlt die Differenzierung der Öffentlich Rechtlichen so wie der ,linken‘ Presse, da immer nur die Rede von der ‚einen‘ Vulkangruppe ist, statt zu erkennen, dass es mehrere Gruppen unter gleichen Namen gibt.“

Selbst die sprachlichen Bezüge auf die russische Sprache im Bekennerschreiben vom Wochenende sprächen nicht dafür, „dass die Sabotage von der AfD oder Russland organisiert wurde“. Es gebe „russischsprachige Menschen, welche nichts mit dem Terrorregime Russland zu tun haben“. Zudem seien Aktionen nicht weniger links, nur weil man ihnen nicht zustimme.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sieht in den Vulkangruppen nicht eine Gruppierung mit einer einheitlichen Führung. Vielmehr geht der Nachrichtendienst von verschiedenen Gruppen aus dem Bereich des militanten Anarchismus aus, die das Label gemeinsam nutzen. Ziel der Vulkangruppen sei es, „die alltäglichen Funktionsabläufe zu stören, um dem verhassten kapitalistischen System Schaden zuzufügen“.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnte vor den Folgen solcher Drohschreiben. „Extremisten wollen unsere demokratische Gesellschaft spalten. Dazu gehören neben Terroranschlägen auch der psychische Druck, jederzeit wieder zuschlagen zu können, und das gezielte Einkalkulieren von Nachahmungs- und Trittbrettfahrern“, sagte GdP-Landeschef Stephan Weh.

„Für die Polizei bedeutet das auch nach der immensen Einsatzlage in den vergangenen Tagen, dass man derartige Ankündigungen selbstverständlich ernst nehmen muss und sämtliche Maßnahmen hochfährt, um Gefahren für Leib und Leben abwenden zu können.“ Es wäre nach den Vorfällen wichtig, dass die Politik endlich Entscheidungen treffe, kritische Infrastruktur besser schütze und der Polizei Mittel an die Hand gebe, „damit wir als Rechtsstaat ins Handeln kommen“.

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