Blumentöpfe sind gefährlicher als Tauben

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Tauben in der Stadt : Sie wollen nur turteln
Besser als ihr Ruf: Die Taube.
Besser als ihr Ruf: Die Taube.

Es heißt: Tauben sind gefährlich, weil sie Krankheiten übertragen. Auch das ist ein Mythos. Bereits vor 30 Jahren hat das Bundesgesundheitsamt bestätigt, dass lediglich Taubenhalter ein erhöhtes Infektionsrisiko haben – für den normalen Stadtbewohner ist der Vogel nicht gefährlicher als Amsel, Drossel, Fink oder Star. Beziehungsweise jeder andere Wild- oder Ziervogel oder, so hat es das Gesundheitsamt ausgedrückt, überhaupt jedes „Nutz- oder Liebhabertier“.

Das Bundesministerium für Gesundheit teilt diese Ansicht. Bloß in der Bevölkerung ist das nicht angekommen, und daran sind leider vor allem die Medien schuld, die unbeirrt am Schmähbegriff „Ratten der Lüfte“ festhalten. Der Essener Tierarzt Ludger Kamphausen, einer der versiertesten Taubenexperten des Landes, hält die Warnungen für maßlos überzogen. Wesentlich größer sei die Gefahr, sich etwa durch das Berühren eines Blumentopfs mit Pilzen zu infizieren.

Es heißt, der Kot der Tauben verdrecke die Stadt und zerstöre sogar Gebäude. Richtig ist: Berlins Tauben hinterlassen 27 Tonnen Trockenkot pro Jahr. Klingt nach viel, aber Berlins Hunde produzieren 55 Tonnen Kot – und zwar jeden einzelnen Tag. Das macht pro Jahr mehr als 20000 Tonnen.

Die Technische Universität Darmstadt hat bereits vor acht Jahren die Wirkung des Taubenkots auf unterschiedliche Materialien zum Hausbau getestet. Sie fand heraus, dass die Ausscheidungen keinerlei Schäden anrichten, weder bei Buntsandstein, Granit oder Zementmörtel noch bei Vollklinker, Vollziegel oder unbehandeltem lasierten Nadelholz. Lediglich bestimmte Bleche können, wird der Kot nicht binnen wenigen Wochen entfernt, zeitiger rosten. Dies gilt allerdings auch für jeden anderen Vogelkot. Bis heute gibt es keinen ernst zu nehmenden Wissenschaftler, der das Ergebnis der Uni Darmstadt anzweifeln würde. Tatsächlich werden inzwischen vor allem Industrie- und Autoabgase für Schäden an der Gebäudesubstanz verantwortlich gemacht. Ironischerweise weist allerdings das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege darauf hin, dass Taubenansammlungen indirekt sehr wohl zu Gesteinsschäden führen können – wenn Menschen Löcher ins Mauerwerk bohren, um Netze zur Taubenabwehr anzubringen.

Unbestreitbar bleibt das ästhetische Problem. Der weiße, schlierenförmige Kot der Stadttauben ist eklig anzusehen. Dabei handelt es sich jedoch um den Kot solcher Tiere, die kein artgerechtes Futter, sondern überwiegend Müllreste von Imbissbuden fressen oder eben alles, was auf der Straße liegt, von Dönerresten bis Süßigkeiten. Eigentlich sind Tauben Vegetarier, bevorzugen Körner. Die Ausscheidungen gesunder Tauben sind fest und dunkel. Wer einmal einen betreuten Schlag besucht hat, in dem die Vögel Zugang zu Körnerfutter erhalten, wird den Unterschied leicht erkennen.

Ein weiteres Vorurteil lautet: Wer Tauben füttert, bewirkt automatisch, dass die Vögel verstärkt brüten. Ein solcher Zusammenhang wurde tatsächlich bei verschiedenen Wildtieren beobachtet. Haben sie Nahrung, vermehren sie sich stark, in Hungerzeiten passen sie sich an und drosseln die Reproduktion. Das Problem besteht aber darin, dass Stadttauben keine Wildtiere sind, sondern ausgesetzte oder entflohene und dann verwilderte Haus- oder Brieftauben –beziehungsweise deren Nachkommen.

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