Tempelhofer Feld : Warum der Architekt Paul Ingenbleek das Feld bebauen will

Ein Berliner Architekt hat mit seinem Entwurf zur Bebauung des ehemaligen Flughafens viel Empörung ausgelöst. Wer ist dieser Mann?

So stellt sich Paul Ingenbleek eine Bebauung des Tempelhofer Felds vor.
So stellt sich Paul Ingenbleek eine Bebauung des Tempelhofer Felds vor.Skizze: Paul Ingenbleek

Dieser Artikel ist ein Teil der Serie Field Trip zum Tempelhofer Feld. Noch mehr Geschichten von Menschen, deren Leben mit diesem Ort verbunden ist gibt es in Form von kurzen Dokumentarfilmen auf der Webseite fieldtrip.tagesspiegel.de.

Als Kind hat er Hütten im Wald gebaut, nahe dem Bauernhof der Familie im nordrheinischen Kleve. Das könnte der Impuls gewesen sein, Architekt zu werden. Aber Paul Ingenbleek schaut auch nach 58 Lebensjahren nicht so gerne zurück, lieber nach vorn aufs Tempelhofer Feld. Dort fordert er einen neuen Anlauf für eine Randbebauung, genau wie der Regierende Michael Müller (SPD), nur radikaler. Ingenbleek möchte einen Ring kompakter Gebäude um das Feld legen, so kompakt, dass nur fünf Prozent der Fläche bebaut und weitere fünf Prozent mit Straßen und Wegen gepflastert würden, das wären dann 30 Hektar. 10000 Wohnungen könnten so entstehen, sagt Ingenbleek. Normalerweise würde für so viele Wohnungen mindestens die doppelte Fläche benötigt.

 Loftwohnungen auf dem Bunker

Doch wer an seinen Visionen zweifelt, sollte sich vorher seinen Lebenslauf ansehen. Der strotzt vor Solidität. Als Ingenbleek ab 1988 Architektur an der Berliner TU studierte, hatte er schon einen Abschluss als Bauingenieur in der Tasche und eine Ausbildung zum Werkzeugmacher. Auch Betonfachingenieur und Schweißfachingenieur darf er sich nennen. Neun Jahre lang arbeitete er in verschiedenen Berliner Architekturbüros, erst dann gründete er sein eigenes.

Herausragende Projekte gehören auf seine Referenzliste: Der Fichtebunker in Kreuzberg mit Loftwohnungen auf dem Dach, der Umbau der großen Lagerhalle am Osthafen zum Modehaus Labels 1 und der Ausbau des Tauthauses am Engelbecken. Beim Fichtebunker hagelte es Kritik von Anwohnern, die in den Luxuswohnungen Vorboten für ihre Verdrängung aus dem Kiez sahen. Transparente hingen von den Balkonen: „Keene Klunker uffm Bunker“. Ingenbleek hielt dagegen: Viele Käufer kämen selbst aus der Nachbarschaft.

Mit Ingenbleek auf dem Tempelhofer Feld

Im Video erzählt der Architekt auf dem Tempelhofer Feld, warum es ihn stört, wie über das Tempelhofer Feld diskutiert wird. Und wie er sich die Bebauung vorstellen würde. Video: Field Trip, Produktion: ronjafilm.

Video
Der Architekt, der das Tempelhofer Feld bebauen will
Der Architekt, der das Tempelhofer Feld bebauen will

Auf dem Feld engagiert sich Ingenbleek selbst für bezahlbares Wohnen. Dort soll es keine echten Eigentümer geben, nur Erbpächter, die das Land vom Senat für 99 Jahre übernehmen. Das können kommunale Wohnungsunternehmen sein, aber auch Genossenschaften oder Privatleute. Der Senat würde mit der Vergabe der Grundstücke auch die Regeln bestimmen, zu welchen Preisen und Konditionen Wohnungen vermietet werden.

„Die Leute werden wieder an den Rand gedrängt“

In jedem Haus sollten Hartz-IV-Empfänger wohnen, Handwerker, Akademiker und andere soziale Gruppen, das bedeutet für Ingenbleek „Berliner Mischung“. Was der Senat mache, eine Quote von 30 Prozent Sozialwohnungen bei großen Bauvorhaben vorgeben, ändere nichts an der räumlichen Spaltung. „Die Leute werden wieder an den Rand gedrängt“, in Häuser an einer stark befahrenen Straße oder mit Blick auf triste Gewerbeflächen.

Ingenbleek ist vor Kurzem selbst nach Kreuzberg gezogen, er nutzt auch das Feld, spielt dort Tennis oder joggt. Ihm ist dabei aufgefallen, dass sich an den Rändern eigentlich kaum jemand aufhält, alle zieht es auf die Startbahnen oder die Taxiways dazwischen. Man nähme also niemandem etwas weg, wenn der Rand bebaut würde. Der Volksentscheid gegen die Randbebauung sei ein großer Irrtum gewesen, findet Ingenbleek, eine „Verkettung unfassbarer Missverständnisse“, ein Kommunikationsdesaster, „wie beim Brexit“.

Dies ist eine von zahlreichen Geschichten von Menschen, deren Leben mit dem Tempelhofer Feld verbunden sind. Das Dokumentarfilm-Projekt Field Trip von Ronjafilm sammelt diese Geschichten auf einer interaktiven Webseite, die wir zusammen mit Ronjafilm anlässlich des 70. Jahrestages des Endes der Berlin-Blockade veröffentlichen. Sie können dort alle bisher verfügbaren Geschichten als Filme erkunden: fieldtrip.tagesspiegel.de

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