• Thorsten Nagelschmidt über seinen Roman „Arbeit“: „Ich habe Nachtschichten im Hostel geschoben“

Thorsten Nagelschmidt über seinen Roman „Arbeit“ : „Ich habe Nachtschichten im Hostel geschoben“

Der Schriftsteller erzählt von denen, die Berlin am Laufen halten, sonst aber wenig Aufmerksamkeit bekommen: Taxifahrer, Sanitäter, Spätiverkäufer. Ein Interview.

Am Mittwoch präsentiert Nagelschmidt seinen neuen Roman "Arbeit" live aus dem Festsaal Kreuzberg.
Am Mittwoch präsentiert Nagelschmidt seinen neuen Roman "Arbeit" live aus dem Festsaal Kreuzberg.Foto: promo

Der Schriftsteller und Muff-Potter-Frontmann Thorsten Nagelschmidt veröffentlicht am Mittwoch seinen neuen Roman „Arbeit“ (S. Fischer, Frankfurt/M. 2020. 334 S., 22 €). Darin erzählt er in Episoden von einer Nacht in Berlin. Allerdings stehen nicht die Feiernden im Mittelpunkt, sondern diejenigen, an die man beim Wort „Ausgehen“ sonst eher nicht denkt – die aber essentiell für die wilden Berliner Nächte sind: Taxifahrer, Türsteher, Sanitäter, Spätiverkäufer oder Drogendealer.

Herr Nagelschmidt, Ihr Roman spielt, man muss es so sagen, zu einer anderen Zeit, einer Zeit vor Corona, als es in Berlin ein offenes Nachtleben und Touristen gab. Wie fühlt sich das für Sie an, dieses Buch jetzt zu veröffentlichen?
Zunächst bin ich froh, dass nun deutschlandweit die Buchläden wieder geöffnet haben, dass mein Buch also nicht in ein totales Loch hinein veröffentlich wird. Aber die aktuelle Situation verändert wahrscheinlich, wie das Buch gelesen wird. Teilweise wird darin mit dieser Laissez-faire-Party-Mentalität der Stadt abgerechnet. Und jetzt, wo die ganzen Bars, die Clubs zuhaben, vermisst man das vielleicht.

Auch meine eigene Sicht auf diese Dinge hat sich verändert: Ich hatte eine Zeit lang einen richtigen Berlin-Koller und konnte das alles kaum noch ertragen. Und jetzt merke ich ganz klar, was ich an dieser Stadt habe, wie sehr mir das alles fehlt, das Ausgehen, die Livemusik.

Türsteher gibt es vor Clubs gerade keine, dafür vor Supermärkten. Essenslieferanten und Kassierer werden mehr gebraucht als je zuvor, Krankenpflegern und -schwestern wird abends applaudiert. Solche Berufe gelten nun als systemrelevant. Bekommen diese Menschen endlich die Wertschätzung, die sie verdienen?
Ich glaube schon, dass vielen Leuten gerade bewusst wird, wie wichtig und wie schlecht bezahlt viele dieser Berufe sind. Unter welchen Bedingungen zum Beispiel Sanitäter arbeiten, die täglich Leben retten. Und gerade versucht man, dem mit irgendwelchen Bonuszahlungen zu begegnen, mit Gutscheinen, oder dass man sich dann für 200 Euro irgendwas aus dem Supermarkt mitnehmen darf. Das hat etwas von Charity. Dabei müsste es eigentlich darum gehen, dass man Arbeitsbedingungen und Lohnverhältnisse infrage stellt.

Wie lange haben Sie für ihr neues Buch recherchiert?
Ich habe dreieinhalb Jahre daran gearbeitet und zeitweise sehr intensiv recherchiert. Ich habe mit sehr vielen Menschen gesprochen, mit Sanitätern, Polizisten, mit allen möglichen Leuten. Viele habe ich mehrmals getroffen. Ich war aber auch bei vielen Tätigkeiten selbst dabei. Ich bin zum Beispiel mal mit der BSR mitgefahren. Manchmal habe ich mich auch nur danebengestellt und zugeschaut. Teilweise habe ich aber fast undercover gearbeitet, zum Beispiel habe ich einen Monat lang Nachtschichten in einem Hostel geschoben.

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Gab es bei den Menschen, die Sie getroffen haben, ein großes Bedürfnis, über sich und ihre Arbeit zu sprechen?
Manche waren zu Beginn eher skeptisch, dachten sich wohl, was dieser komische Typ jetzt von ihnen will. Aber in fast allen Gesprächen habe ich nach zehn, 15 Minuten gemerkt, wie das Eis gebrochen ist, sich mein Gegenüber entspannt und festgestellt hat, dass ich nicht einfach nur eine reißerische Reportage schreiben will, sondern mich wirklich für sie und ihre Tätigkeiten interessiere.

Und bei vielen hatte ich schon das Gefühl, dass sie sich darüber freuen – weil sie einfach sehr interessante Sachen zu erzählen haben, nach denen sonst selten jemand fragt. Mir ist das völlig unverständlich, warum die Figur der Sanitäterin oder des Sanitäters nicht öfter in der Gegenwartsliteratur auftaucht. Wenn man sich darüber informieren will, muss man halt RTL-2-Reportagen schauen.

Sie präsentieren Ihr Buch heute live aus dem Festsaal Kreuzberg. Was kann man erwarten?
So ganz genau kann ich das noch nicht sagen, wir sind gerade noch dabei, das alles zu organisieren. Ich möchte auf jeden Fall eine große Show machen. Ich glaube, dass sich viele Leute mittlerweile daran sattgesehen haben, dass jemand einfach vor der Kamera sitzt und etwas vorliest.

Die Moderation übernimmt Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag, den ich sehr schätze. Dadurch wird das Ganze auch lebendiger, wenn ich da einen Gesprächspartner habe. Außerdem gibt es Einspieler mit Leuten, die ich interviewt habe, und natürlich werde ich was lesen. Mir war auch wichtig, dass wir das live machen. Ich vermisse dieses Gefühl, die Interaktion. Am schönsten wäre es, wenn mich Zuschauer live anrufen können.

Was erwartet Sie in den kommenden Monaten?
Viele meiner Lesungen wurden abgesagt. Aber es gibt leichte Hoffnungsschimmer. Zum Beispiel habe ich Mitte Mai eine Veranstaltung im Brechthaus, im Literaturforum, und die soll wohl stattfinden. Das wird dann draußen stattfinden und nur mit 30 Leuten – aber überhaupt vor 30 Leuten zu lesen, klingt gerade traumhaft.

Livestream aus dem Festsaal Kreuzberg am Mittwoch, 29. April, ab 21 Uhr, Spendenbasis, ein Teil geht an Seawatch. Alle Infos zur Veranstaltung unter thorstennagelschmidt.de, festsaal-kreuzberg.de oder auf Facebook

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