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Beliebter Filmstoff: Titanic: Untergang in Mitte

Ob in Schwarzweiß oder 3 D: Die Titanic ist schon oft fürs Kino gesunken, auch in Berlin. Bereits 1912 wurde das Drama in der Chausseestraße verfilmt.

So ein Schiffsuntergang ist harte Arbeit: „Sie waten über die nasse Leinwand, wälzen sich in den Kohlen, taumeln und fallen in den überschwemmten Maschinenraum, der Kapitän schreit und reißt mit verzweifelten Gebärden an einem Heizer herum, der im Wasser schwimmt. ,Kein Feuer mehr! Nur noch Dampf!Mehr Wellen!’ Die Hausknechte leeren neue Fässer. Eine der nackten Gestalten geht unter, man will ihn retten, nach oben schleppen ... schon ist er am Rande, der Sicherheit bringt ... Schluss! Nicht weiter kurbeln. Die Aufnahme ist fertig.“

Der hochdramatische Augenzeugenbericht stammt aus dem „Berliner Tageblatt“ vom 8. Juni 1912. Sein Thema: die Titanic-Katastrophe. Allerdings eine, die tags zuvor im Hinterhof der Chausseestraße 123, direkt neben dem späteren Brecht-Haus, vor laufender Kamera inszeniert wurde und bereits am 17. August in den Kinos besichtigt werden konnte – der älteste erhaltene Spielfilm über den legendären Untergang. Doch nicht der älteste überhaupt: Der hatte bereits am 14. Mai Premiere, exakt einen Monat nach dem Unglück im Eismeer – eine zehnminütige US-Produktion, in der Hauptrolle die Überlebende Dorothy Gibson, deren Kleider bei den Dreharbeiten wohl noch nicht mal richtig trocken waren.

Während aber „Saved from the Titanic“ im weiten Meer der Kinogeschichte spurlos verschwunden ist, kann der zweite, in Berlin gedrehte Film weiterhin besichtigt werden. Als der Tagesspiegel Anfang 1998, zum Kinostart von James Camerons Mammutwerk, über den alten Streifen aus der Chausseestraße berichtete, tauchten in Berlin überraschend gleich drei Kopien auf: zwei im Besitz von Sammlern, von denen der Tagesspiegel eine im Filmkunst 66 zeigte, eine weitere bei der Stiftung Deutsche Kinemathek, noch als feuergefährliche 35-Millimeter-Nitrokopie, dazu mit schwedischen Untertiteln, offenbar die Exportfassung. Mittlerweile ist sie auf Sicherheitsmaterial umkopiert, restauriert und viragiert, also mit den zeitgenössischen Farben versehen.

Es ist ein frühes Zeugnis der unentwegten Faszination, die vom Untergang der Titanic ausgeht – und wirft zugleich ein Schlaglicht auf die Produktionsbedingungen des frühen Films. Das Haus in der Chausseestraße, 1896 erbaut, hatte unterm Dach ein Atelier mit Glasdach, das zunächst ein Fotograf, später die Deutsche Bioskop nutzte. Sie drehte dort ihre ersten Filme mit Asta Nielsen, bevor sie Anfang 1912 in das neugebaute Studio nach Potsdam-Babelsberg umzog. In der Chausseestraße folgte die Continental Kunstfilm mit dem aus Rumänien stammenden Regisseur Mime Misu und seinem Titanic-Werk „In Nacht und Eis“, einem Hinterhof-Actionfilm mit hektisch gestikulierendem, die Augen rollendem Personal. Wild schaukelte die Bühne mit den aufgemalten Kulissen, sogar die Feuerwehr musste anrücken, um den Einsatz der Pyrotechnik zu überwachen: „Es knallt ganz wirklich, und meterhoch schlagen durch die bemalte Wand gelbe Flammen in die Höhe“, schrieb eher amüsiert als beeindruckt der „Tageblatt“-Reporter.

Die Filmcrew durfte sogar an der Waterkant einen echten Ozeanriesen ablichten, Ergänzung zu dem acht Meter langen Holzmodell, das man mit leeren Bierfässern schwimmfähig gemacht hatte. Der eigentliche Untergang wurde am Krüpelsee bei Königs Wusterhausen gedreht, der so flach war, dass man 50 Meter weit hineinlaufen musste, um das Ertrinken des Kapitäns halbwegs überzeugend darzustellen.

Im Archiv der Kinemathek gibt es noch drei alte Zensurkarten, die den Inhalt des „nach authentischen Berichten“ erstellten „Seedramas“ wiedergeben und auch verzeichnen, dass die Bordkapelle „Näher, mein Gott, zu Dir“ gespielt und der Kapitän seinen Leuten „Zeigt euch als Engländer!“ zugerufen habe. Ein großer Erfolg war dem Film in Deutschland allerdings nicht beschieden, schon bei der Pressevorführung soll sich der Saal vorzeitig geleert haben.

Der zweite Berliner Titanic-Film: Agitationsspektakel des Nazi-Regimes

Der zweite Berliner Film über die Katastrophe im Nordatlantik entstand 30 Jahre später und scheiterte unter ganz anderen Umständen. „Titanic“ war ein Lieblingsprojekt von Hitlers Propagandaminister Goebbels, angelegt als Agitationsspektakel: Letztlich nicht der Eisberg, sondern britische Profitsucht hat demnach das Schiff versenkt. Als Regisseur wurde Herbert Selpin bestimmt. Der Dreh begann im Frühjahr 1942 in Studios in Johannisthal, im Sommer folgten Außenaufnahmen in Gotenhafen, dem heutigen Gdynia. Dort kam es zum Streit zwischen Selpin und seinem Drehbuchautor Walter Zerlett-Olfenius um Marineoffiziere, die vom Propagandaministerium für die Dreharbeiten abgeordnet worden waren, sich aber mehr für die Berliner Filmmädels interessierten. Schließlich platzte Selpin der Kragen und er schrie: „Ach du! Mit deinen Scheißsoldaten, du Scheißleutnant, überhaupt mit deiner Scheißwehrmacht!“ Der Autor reiste nach Berlin zurück und denunzierte seinen Regisseur, der zurückgerufen, von Goebbels zur Rede gestellt und inhaftiert wurde. Kurz darauf fand man ihn tot in seiner Zelle, durch die Hosenträger erdrosselt, doch mit Würgemalen am Hals. Über einen Mitarbeiter des Ministeriums will „Jud Süß“-Regisseur Veit Harlan von einem internen Bericht erfahren haben, wonach Selpin ermordet wurde.

Den Film stellte Werner Klingler fertig, er wurde als „staatspolitisch und künstlerisch wertvoll“ bewertet, nur traute man sich nicht mehr, ihn in Deutschland zu zeigen. Die allzu realistischen Panikszenen schienen angesichts der Bombennächte nicht länger opportun. Premiere war daher am 10. November 1943 in Paris, in Deutschland war der Film erstmals 1950 zu sehen, im Bundesgebiet wegen britischer Proteste zunächst nur für kurze Zeit.

Die „Cap Arcona“, die bei den Dreharbeiten in Gotenhafen die Titanic darstellen musste, ging später tatsächlich unter, am 3. Mai 1945 mit dem Frachter „Thielbek“ in der Lübecker Bucht von britischen Fliegern versenkt. Rund 8000 Menschen starben. Die Royal Air Force hatte die Schiffe für Truppentransporter gehalten und im Kriegstagebuch triumphiert, „dass viele Hunnen heute die Ostsee sehr kalt fanden“. Ein Irrtum: An Bord der beiden Schiffe hatte die SS Häftlinge aus dem KZ Neuengamme zusammengepfercht.

„In Nacht und Eis“ ist bei einer Titanic-Nacht am 14. April in der Urania zu sehen. Ebenfalls gezeigt wird der 1958 von Roy Ward Baker gedrehte Film „Die letzte Nacht der Titanic“, der Untergangsszenen aus dem Film von 1943 verwendete. Bakers Film war eine der Inspirationen für James Cameron. Komplett wird der NS-Film am 13. April von der ARD ausgestrahlt. Camerons „Titanic“ kommt am 5. April erneut ins Kino, nun aber in 3-D. Die Rezension des Films lesen Sie auf Seite 25.

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