Treffen mit Knalleffekt : Wenn die Polizeigewerkschaft zum Presse-Schießen lädt

Viele Polizisten schießen gern - aber nur in ihrer Freizeit. Ein Besuch im Schießstand zeigt, wie ernst es im Alltag zugehen kann.

Eine Polizeischülerin trainiert auf einem Schießstand in Berlin.
Eine Polizeischülerin trainiert auf einem Schießstand in Berlin.Foto: Rainer Jensen/dpa

Der Ort ist etwas ab vom Schuss, aber der Anlass keineswegs: Die Deutsche Polizeigewerkschaft DPolG, nicht zu verwechseln mit ihrer mitgliederstärkeren Konkurrentin GdP, hatte für Dienstagabend zum „Presse-Schießen“ auf das Trainingsgelände im Wald zwischen Wannsee und Dreilinden geladen – „um weiterhin so professionell miteinander arbeiten zu können“. Die als persönlich deklarierten Einladungen waren so zahlreich in der Redaktion eingegangen, dass man kaum Nein sagen konnte. Zumal sich schon mancher journalistische Knalleffekt dadurch ergibt, dass man sich selbst einen Eindruck von den Dingen verschafft.

Ein Wall schluckt Projektile

Die Hinweisschilder „Betreten des Schießstandes auf eigene Gefahr“ sind als Empfehlung für Laien nur bedingt hilfreich. Die Schießstände wirken wie der Backstage-Bereich eines Raubtierzirkusses: schmal und lang, Sandboden zwischen kahlen Wänden, oben offen für Licht und Luft. Und hinten an der Stirnseite ein Wall, der die Projektile schluckt.

Da die DPolG nicht die Polizei und Presse-Schießen keine hoheitliche Aufgabe ist, haben die drei Schießtrainer ihre eigenen Waffen mitgebracht, die sie als Hobby-Sportschützen besitzen: diverse Pistolen in Silber und Schwarz, edel schimmernde Trommelrevolver und zur besonderen Freude der anwesenden Blaulicht-Reporter auch eine Pumpgun, von der ein Schießtrainer sagt, die durchschlage zwei Autos. Wer Genaueres wissen will, bekommt meist ein Hollywood-Produkt als Antwort genannt, etwa: „Das ist eine Beretta wie von Mel Gibson in ‚Lethal Weapon‘“ oder „eine 44er-Magnum, ‚Dirty Harry‘“. Und nebenan knallt gleich Lara Croft.

Die Pistole ist überraschend schwer

Günther, der sonst beim zentralen Verkehrsdienst Staatsbesuche sichert und Autofahrer auf Drogen kontrolliert, reicht für den Anfang eine P8, wie sie auch Bundeswehrsoldaten tragen. Die rechte Hand umschließt den Griff, der Zeigefinger liegt – NEIN!, noch nicht auf dem Abzug, sondern ausgestreckt unterhalb des Laufs. Die linke Hand stützt die rechte und erzeugt einen leichten Gegendruck, damit man die überraschend schwere Pistole ruhig hält. Gezielt wird mit Kimme (zwei Zähne hinten am Lauf) und Korn (ein Zahn vorne, der genau zwischen die beiden hinteren passt und idealerweise exakt zur Mitte der Zielscheibe weist).

Reporterglück: Der Autor mit dem Resultat seiner Premiere am Schießstand.
Reporterglück: Der Autor mit dem Resultat seiner Premiere am Schießstand.Foto: DPolG

Jetzt kommt der Finger an den Abzug, knickt laaangsam ein, spürt wachsenden Widerstand – und löst endlich einen Schuss, der ebenso erwartet wie erschreckend kommt. Das Wölkchen danach riecht exakt wie Silvester, und in der Zielscheibe klafft links oben ein Loch mit neun Millimeter Durchmesser. Die nächsten Treffer gehen sogar ins Schwarze, und der Trommelrevolver mit seinem deutlich sensibleren Abzug erweist sich als noch erfolgreicher. Wobei der ausgestreckte Arm nach zwei Mal fünf Schuss nicht etwa ruhiger wird, sondern nur schwerer. Zeit, ein wenig zu fachsimpeln.

Viele Polizisten schießen gern - in ihrer Freizeit

„Keiner will schießen, aber jeder muss es können“, sagt Günther, und sein Nachbar fügt hinzu: „Ich kriege ja nicht einen Cent dafür, wenn ich mein Gegenüber umflamme.“ Es handelt sich bei diesem Satz um ein Plädoyer für den Taser, dessen elektrische Pfeile im Unterschied zu einem Projektil nur ganz vielleicht tödlich sind. Außerdem habe der Taser Kamera und Mikro zur Beweissicherung für das womöglich fällige Gerichtsverfahren.

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Eine junge Beamtin vom Abschnitt 34 berichtet, dass sie in ihrem ersten Dienstjahr dreimal die Waffe gezogen hat. Abdrücken musste sie bisher nicht. Günther merkt an, dass man sich jetzt bitte das realistische Szenario vorstellen möge, das nicht im Sandkastenschießstand spielt, sondern eher im Angesicht eines bewaffneten Angreifers, dem man vielleicht schon ein Stück hinterhergerannt ist, und dann holt er plötzlich mit dem Messer aus und man soll trotz knapper Puste bitteschön nur seine Beine treffen. Deshalb schießen viele Polizisten gern – aber nur in ihrer Freizeit.

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