Videospiel-Entwickler in Berlin : Stadt der Spiele

Kein anderes Bundesland hat mehr Computerspiel-Entwickler als Berlin. Doch die Branche stößt an ihre Grenzen.

Magdalena Thiele
Hauptstadt in digital. Wie im Spiel "Emergency 5" des Entwicklers Deep Silver ist Berlin bereits mehrfach Kulisse für Games gewesen.
Hauptstadt in digital. Wie im Spiel "Emergency 5" des Entwicklers Deep Silver ist Berlin bereits mehrfach Kulisse für Games...Screenshot: Koch Media

Das erste Spiel, das er in seinem Leben programmiert habe? Lang ist’s her, aber Jens Begemann erinnert sich noch: „Das funktionierte nach dem Ich-packe-meinen-Koffer-Prinzip“, sagt der Unternehmer. „Auf dem Bildschirm wurde eine Zahlenfolge angezeigt, die man sich merken musste. Und in jeder neuen Runde kamen weitere Zahlen dazu.“ Geschrieben hat er das Spiel damals auf einem Apple II, Programmiersprache: Basic. „Als ich zehn war, schenkte mir mein Vater meinen ersten PC und brachte mir das Programmieren bei“, erinnert sich der heute 41-Jährige.

Seit diesem ersten Game hat sich Begemann viele andere ausgedacht: erst als Produktmanager bei Jamba. Später dann mit seinem eigenen Unternehmen Wooga, das er 2009 mit seinem Geschäftspartner Philipp Möser gründete. Spezialisiert haben sich die beiden auf die Entwicklung von Spielen für Smartphones. Wooga zählt mittlerweile zu den wichtigsten Anbietern in diesem Bereich weltweit.

Glaubt man Begemann, ist diese Erfolgsgeschichte vor allem eine Berliner Geschichte. „Die Stadt ist als Standort für Start-ups unheimlich attraktiv für die Gamerszene“, sagt er. Die Zahlen geben ihm recht: Insgesamt 138 Unternehmen gibt es in der Hauptstadt, die entweder digitale Spiele entwickeln, vermarkten oder auf Games spezialisierte Dienstleistungen anbieten. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Hamburg Media School im Auftrag des Berliner Senats, die dem Tagesspiegel vorliegt. Rechnet man noch Anwälte, Steuerberater, Medienagenturen und Dienstleister hinzu, die solche Unternehmen als Kunden haben, liege die Zahl sogar bei 250 Unternehmen, sagen die Forscher. Berlin liegt damit noch vor den Flächenstaaten Nordrhein-Westfalen und Bayern (127 respektive 118 Unternehmen).

MEHR ALS NUR ZOCKEREI

Besuch bei Christian Rickerts, Berlins Staatssekretär für die Digitalisierung, der die Studie in Auftrag gegeben hat. Wann er das letzte Mal gezockt habe? „Weiß ich gar nicht mehr“, sagt der 42-Jährige und lacht, „dafür fehlte mir zuletzt leider die Zeit.“ Begeistern kann er sich für die Branche dennoch. Man dürfe die Spieleentwickler nicht einfach als Daddel-Branche abtun, warnt Rickerts: „Die Spieleindustrie hat die technische Entwicklung auch in vielen anderen Branchen vorangebracht.“

Beispiele für einen gelungenen Wissenstransfer gibt es viele, auch in Berlin. So arbeitet derzeit Volkswagen mit dem Berliner Spieleentwickler daran, mithilfe von Virtual-Reality-Tools Arbeitsprozesse einzusparen. Programmierer beider Unternehmen haben ein Programm entwickelt, das ab 2018 in den VW-Entwicklungsprozess integriert wird. Mit dem Tool können die Designer dreidimensionale Autos skizzieren, die Formen des Fahrzeugs definieren, gestalten und ändern. Teure Tonmodelle, wie sie bislang üblich waren, werden damit überflüssig.

„In Computerspielen steckt innovative Technik und eine Menge Kreativität“, sagt Rickerts. Sein Wunsch: mehr Firmen der Branche in die Stadt zu locken. Die Studie führe vor Augen, dass die Spieleindustrie zu einem immer wichtigeren Wirtschaftsfaktor für die Stadt werde, sagt der Staatssekretär. „Berlin ist es gelungen, sich innerhalb kürzester Zeit zu einem der Top-Standorte der Branche zu entwickeln“, sagt Rickerts. „Wenn es nach mir geht, kann das so weitergehen. Wir stehen bereit und unterstützen die Unternehmen gerne bei der Ansiedlung, Vernetzung und Entwicklung.“

Tatsächlich liegt das Durchschnittsalter der Berliner Firmen laut Studie bei vier Jahren, während es in NRW und Bayern acht Jahre und in Hessen sogar zehn Jahre sind. Diese Jugendlichkeit der Berliner Firmen schlägt sich in den Geschäftszahlen nieder: Die Branche in der Hauptstadt ist gekennzeichnet dadurch, dass es zwar viele kleine und einige mittelgroße Entwickler gibt, aber – abgesehen von Wooga – keine großen. Im Jahr 2015 belief sich laut Studie der Umsatz der Spieleindustrie auf rund 255 Millionen Euro in Berlin.

Zum Vergleich: Hessen liegt mit Branchenumsätzen von mehr als 750 Millionen Euro klar vorn – gefolgt von Hamburg, Bayern, Nordrhein-Westfalen. Erst an fünfter Stelle folgt dann Berlin. Der Grund für die hohen Umsätze in Hessen sind vor allem große Games-Publisher wie Nintendo of Europe (mit den über Deutschland abgewickelten gesamteuropäischen Umsätzen mit Spielen und Konsolen) und einige wenige, aber sehr erfolgreiche Games-Developer wie Crytec.

ZAHL DER BESCHÄFTIGTEN STEIGT

Was Berlin hingegen bislang fehle, seien „Anker“-Unternehmen. Branchengrößen also, die mit vielen Mitarbeitern einen Standort in der Wahrnehmung von Games-Mitarbeitern attraktiv machen und Investoren anziehen. Genau das seien die Standortvorteile von internationalen Spielezentren in den USA oder Kanada: So wurden die großen kalifornischen Unternehmen zum Teil schon in den 80er Jahren gegründet. Um diese Unternehmen herum ist in den vergangenen 30 Jahren ein dichtes Netz von gut ausgebildeten und erfahrenen Spieleentwicklern entstanden. Im Großraum San Francisco waren 2015 mehr als 16000 Menschen bei Games-Unternehmen tätig, im Großraum Los Angeles waren es ähnlich viele.

Der Videospielentwickler Jens Begemann.
Der Videospielentwickler Jens Begemann.Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Von solchen Beschäftigungszahlen ist die Berliner Spielebranche weit entfernt, aber auch hiesige Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren zu stattlichen Arbeitgebern entwickelt. Etwa Wooga: Insgesamt 200 Mitarbeiter arbeiten derzeit im Dachgeschoss der alten Backfabrik in Prenzlauer Berg daran, den Spielern immer etwas Neues bieten zu können. Die Bürosprache ist Englisch, da die Hälfte der Spieleentwickler aus dem Ausland nach Berlin gekommen ist. Unternehmenschef Begemann: „Junge Programmierer kommen gern nach Berlin – einerseits wegen des internationalen Flairs, andererseits wegen der noch bezahlbaren Kosten für den Lebensunterhalt.“

In der gesamten Stadt arbeiten mittlerweile etwa 2100 Beschäftigte im Sektor, rund 1900 davon in den Kernbereichen Development und Publishing, heißt es in der Studie. 73 Prozent der Beschäftigten befanden sich 2015 in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen. Und für beruflichen Nachwuchs ist gesorgt: Arbeiteten in der Branche lange Zeit vor allem Quereinsteiger, ist die Ausbildung mittlerweile professioneller geworden – und die Hauptstadt ist führend. Die Zahl der Studien- und Ausbildungsgänge im Bereich Game Design und Game-Programmierung in Berlin sei „beeindruckend hoch“, loben die Forscher in der Studie. Neben Universitäten mit Games-Studiengängen wie der HTW Berlin und der Filmuniversität Babelsberg sei vor allem die Games Academy zu nennen, die als erste Institution in Deutschland überhaupt gamesspezifisch ausbildete. Einen ebenfalls guten Ruf bei den Interviewpartnern genossen unter den Teilnehmern der Studie die Mediadesign Hochschule und die SG4 School for Games.

Alles bestens also? Leider nicht. Trotz aller Fortschritte kann Berlin international mit anderen Branchenstandorten nicht mithalten. Bei einer Umfrage der größten Games-Entwickler-Messe, der GDC, wurde Großbritannien als der europäische Standort gesehen, an dem „die besten Spiele gemacht und in den nächsten fünf Jahren gemacht werden“. Und selbst die Umsätze der Games-Unternehmen in den Großräumen Stockholm oder Helsinki liegen noch deutlich höher als in Berlin.

ES FEHLT: GELD UND WERTSCHÄTZUNG

Was also muss sich ändern, damit Berlin im internationalen Vergleich besser mithalten kann? Anruf bei Felix Falk, dem Geschäftsführer des Branchenverbands „Game“. „Die Entwickler haben im Ausland einen Kostenvorteil von bis zu 30 Prozent“, sagt er. „Nehmen sie etwa England: dort werden pro Jahr Fördermittel in Höhe von rund 60 Millionen Euro ausgegeben.“ Deutsche Unternehmen könnten da nicht mithalten. Doch damit entgehe nicht nur den Firmen, sondern auch dem Staat ein lohnendes Geschäft, gibt sich Falk überzeugt. Und belegt es mit einem weiteren Beispiel aus dem Ausland: „Pro investierten Euro fließen in Frankreich 1,80 Euro zurück in die Steuerkassen plus 8 Euro zusätzliche Investitionen.“

Berlin verfolgt dabei einen vergleichsweise großzügigen Kurs in der Förderpolitik. 2016 hatte das Medienboard die höchste Summe von allen Games-Förderinstitutionen in Deutschland vergeben. Darüber hinaus steht den Berliner Unternehmen Unterstützung aus den weiteren Förderprogrammen der Investitionsbank Berlin und der Senatsverwaltung für Wirtschaft offen. Auch im laufenden Jahr setzt der Senat seinen Förderkurs fort: In der vergangenen Woche kündigte das Medienboard an, in einer ersten Runde insgesamt acht Projekte mit 503000 Euro fördern zu wollen. Eingegangen waren 26 Anträge mit einer Antragssumme von insgesamt über 1,7 Millionen Euro. Die höchste Einzelsumme (100000 Euro) erhielt das neue Spiel des Entwicklerstudios Fizbin: „A Minute of Islands“.

Doch es ist nicht nur der schnöde Mammon, der es bislang verhindert hat, dass Deutschland zum Kreis der führenden Game-Nationen zählt. „Für mich ist das Spielen ein menschliches Grundbedürfnis, das in Deutschland leider noch zu wenig gesellschaftliche Wertschätzung erfährt“, sagt Entwickler Jens Begemann. Ganz ähnlich sieht es Verbandschef Felix Falk: „Im Vergleich zu anderen anderen Ländern taten sich in Deutschland manche lange Zeit schwer damit, die kulturelle Bedeutung anzuerkennen, die digitale Spiele besitzen.“ Da seien andere Nationen deutlich weiter.

Falk verweist auf die polnischen Nachbarn: Mit der dreiteiligen „The Witcher“-Serie ist dem Warschauer Entwicklungsstudio CD Projekt RED ein riesiger Erfolg gelungen. Das Rollenspiel basiert auf einer Romanvorlage des polnischen Schriftstellers Andrzej Sapkowski und hat sich weltweit millionenfach verkauft. „Das Spiel hat mehr Menschen außerhalb von Polen erreicht als jedes polnische Buch und jeder polnische Film“, sagt Falk.

Höchste Zeit also, umzudenken. Sonst heißt es für die deutsche Spieleindustrie irgendwann: Game over.

Dieser Artikel erschien auf der wöchentlichen Sonderseite "Berliner Wirtschaft". Folgen Sie uns auf Twitter für Updates: @BRLNRwirtschaft

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