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Viele vermeidbare Tote trotz teurer Versorgung : EU-Kommission kritisiert deutsches Gesundheitssystem

Kein Land in der EU gibt mehr Geld für Gesundheit aus als Deutschland. Aber es profitieren nicht alle gleich.

Chirurgische Instrumente liegen im Kreißsaal der Frauenklinik in Erlangen (Bayern) während einer Kaiserschnittentbindung auf einem Tisch.
Chirurgische Instrumente liegen im Kreißsaal der Frauenklinik in Erlangen (Bayern) während einer Kaiserschnittentbindung auf einem...Foto: Daniel Karmann / picture alliance / dpa

Die Zahl vermeidbarer Todesfälle ist in Deutschland höher als in vielen anderen westeuropäischen Ländern – und das, obwohl hier die Gesundheitsausgaben am höchsten in der EU sind. Das zeigt der Bericht „State of Health in the EU“, der heute von der EU-Kommission in Zusammenarbeit mit der OECD und dem Europäischen Observatorium für Gesundheitssysteme und Gesundheitspolitik in Brüssel vorgestellt wird. Er liegt Tagesspiegel Background vorab vor.

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Die Autoren kritisieren die übermäßige Inanspruchnahme teurer stationärer Behandlungen. So hat Deutschland mit acht Betten pro 1.000 Einwohner noch immer die höchste Bettenquote pro Einwohner in der EU. Auch bleiben Patienten mit 8,9 Tagen einen Tag länger im Krankenhaus als der EU-Durchschnitt.

Deutschland müsse die Zahl stationärer Behandlungen reduzieren und die ambulante Versorgung sowie Operationen in Tageskliniken ausbauen, um die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen, empfehlen die Studienautoren. Die fragmentierte Struktur des Systems mit einer Vielzahl an Kostenträgern und Leistungserbringern führt zudem zu vereinzelten Datenbanken, die eine umfassende Bewertung der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems erschweren, heißt es.

Dennoch: Die Patienten hierzulande profitieren von einem dichten Versorgungsnetz an Ärzten und Krankenhäusern. Allerdings leide die Qualität unter den vielen in kleinen und oft unzureichend ausgestatteten Krankenhäusern erbrachten Leistungen. Für die Mehrheit der Deutschen ist der nächste Hausarzt weniger als 1,5 Kilometer entfernt. In ländlichen Gebieten kann es allerdings einen Ärztemangel geben, der zu längeren Anfahrtswegen für Patienten führen kann. Dennoch haben Menschen in Deutschland die kürzesten Wartezeiten für Facharzttermine in der EU. Nur drei Prozent der Befragten warten zwei Monate oder länger.

Höchste Gesundheitsausgabe in der EU

2017 gab Deutschland mit 4.300 Euro pro Kopf für die Gesundheitsversorgung rund 1.400 Euro mehr als der EU-Durchschnitt aus, es ist damit Spitzenreiter unter den Mitgliedsstaaten. Der Anteil der Ausgaben für die Langzeitpflege ist seit 2000 deutlich gestiegen und werde aufgrund des erweiterten Leistungskatalogs und des wachsenden Durchschnittsalters der Bevölkerung weiter in die Höhe gehen, vermuten die Autoren. Durch die gesetzlichen sowie privaten Krankenversicherungen sind die Ausgaben privater Haushalte gering. Sie liegen unter dem EU-Durchschnitt (15,8) bei 12,5 Prozent.

Trotz hoher Ausgaben ist die durch öffentliche Gesundheitsmaßnahmen und Prävention vermeidbare Sterblichkeit in Deutschland seit 2011 lediglich stabil geblieben, während sie in vielen anderen EU-Ländern gesunken ist. Ähnlich wie im EU-Durchschnitt sind etwa vier von zehn Todesfällen in Deutschland auf verhaltensbedingte Risikofaktoren wie schlechte Ernährung, Rauchen, Alkoholkonsum und geringe körperliche Aktivität zurückzuführen.

Eine Pflegekraft (l) begleitet eine ältere Frau
Eine Pflegekraft (l) begleitet eine ältere FrauFoto: Oliver Berg/dpa

So trinkt ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland regelmäßig bis zum Rausch. Im Rest der EU liegt dieser Anteil nur bei 20 Prozent. Auch gibt es hierzulande mit 16 Prozent mehr fettleibige Menschen als in den meisten anderen Mitgliedsländern. Lediglich beim Rauchen bewegt sich Deutschland dicht am EU-Durchschnitt. Wobei solche verhaltensbezogenen Gesundheitsrisiken in ganz Europa häufiger bei Menschen mit niedrigeren sozialen Status vorkommen. Vergleicht man die Lebenserwartung zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Einkommen in Deutschland, so liegt die Differenz bei den Frauen bei 8,4 Jahren und bei den Männern bei 10,8 Jahren.

Lebenserwartung nur knapp über dem Durchschnitt

Menschen, die 2017 in Deutschland geboren wurden, leben voraussichtlich drei Jahre länger als im Jahr 2000 geborene Kinder. Die gestiegene Lebenserwartung ist vor allem auf die Verringerung von Risikofaktoren wie Rauchen und die Verbesserung der Qualität der Gesundheitsversorgung zurückzuführen, wie etwa der Einführung von spezialisierten Schlaganfallstationen in Krankenhäusern.

Insgesamt liegt die Lebenserwartung der Deutschen mit 81,1 Jahren nur knapp über dem EU-Durchschnitt von 80,9 Jahren. Menschen in Spanien und Italien leben etwa zwei Jahre länger als die in Deutschland. Zurückzuführen sei das vor allem auf eine gesündere mediterrane Ernährung, erklärt Wilm Quentin vom European Observatory on Health Systems and Policies, der an der TU Berlin unter anderem zu Gesundheitssystemen forscht.

Trotz sinkender Sterblichkeitsraten machen Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch immer 37 Prozent aller Todesfälle in Deutschland aus. Die ischämische Herzerkrankung ist mit zehn Prozent der Todesfälle nach wie vor die mit Abstand häufigste Todesursache. Lungenkrebs ist mit 20 Prozent die häufigste Todesursache durch Krebs. Während weniger Männer durch Lungenkrebs gestorben sind, ist die Zahl bei Frauen gestiegen, was auf Veränderungen der Rauchgewohnheiten unter den Geschlechtern hindeutet, schreiben die Autoren.

Bei der Masern-Impfquote stellt der Bericht Deutschland ein erstaunlich gutes Ergebnis aus. So erhielten 97 Prozent der Zweijährigen eine Masernimpfung, was über dem EU-Durchschnitt von 94 Prozent und dem von der WHO festgelegten Ziel von 95 Prozent lag. Dennoch wurde das Masernschutzgesetz Mitte November im Bundestag beschlossen. Die Durchimpfungsrate für Hepatitis B bei Zweijährigen liegt hingegen nur bei 87 Prozent und damit unter dem EU-Durchschnitt von 93 Prozent. Bei Erwachsenen ist etwa jeder Dritte ab 65 Jahren gegen die saisonale Grippe geimpft, was weit entfernt vom WHO-Ziel von 75 Prozent und einer EU-weiten Quote von 44 Prozent ist.

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