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© Doris Spiekermann-Klaas

Tagesspiegel Plus

Von Liebe, Gemeinschaft und Verdrängung: In der Pandemie werden Berliner Hinterhöfe zur Oase der Großstadt

In kaum einer europäischen Großstadt gibt es so viele Hinterhöfe wie in Berlin. Was versteckt sich hinter den Fassaden? Drei Höfe, drei Geschichten.

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Es war auszuhalten. Als das Berliner Leben im März für einige Wochen fast komplett erstarrte, alle sich zurückzogen und Abstand zum neuen Anstand wurde, trennte die vier trotzdem nur dieser kleine Gartenzaun. Links saßen Matthias Helfrich und Margrit Nieswandt, rechts nahmen Heinz Milkereit oder Jovan Zobenica Platz. Über den Gartenzaun prosteten sich die Nachbarn zu.

Milkereit, 86, trank wie immer sein bayerisches Bier. Über ihren Köpfen rankten die Äste der mehr als Hundert Jahre alten Blutbuche über den Friedenauer Hinterhof. Die Treffen dort mussten ab und an sein, ein bisschen Austausch – sonst war ja wenig normal in diesen Tagen.

Hinter den beiden Stadtvillen aus dem 19. Jahrhundert, eine gehört der Kirche, die andere ist in Privatbesitz, treten Gäste in eine grüne Idylle. „Alles Natur hier“, sagt Milkereit, schmaler Oberlippenbart, Glatze, freundliches Lachen. Die Haselnusssträuche hätten die Eichhörnchen eigentlich von selbst gepflanzt, der Efeu rankt wild, die Weinreben haben die Vormieter mal in die Erde gebracht.

Über dem hölzernen Eingangstor surrt ein kleines, buntes Windrad. Das soll die Vögel vertreiben. Alles dreht sich hier um den grünen, kreisrunden Tisch, der in der Mitte des Hofes steht. Ein paar Plastikstühle drumherum, abends ein Pils, an warmen Tagen grillen sie gemeinsam.

Dass nach hinten raus noch Platz ist, gehört zum Berliner Stadtbild wie kaum sonst etwas

Wer an Berliner Hinterhöfe denkt, hat meist die ehemaligen Arbeiterquartiere etwa in Wedding und Prenzlauer Berg im Kopf. 19. Jahrhundert, Generalbebauungsplan, Mietskasernen, teils vier Hinterhöfe nacheinander. Touristen werden heute Touren durch angeblich „versteckte Hinterhöfe“ in der Spandauer Vorstadt angeboten, bunt besprüht, tausendfach auf Instagram hochgeladen.

Fashionmagazine werben für „Indoor Camping“ und Sterne-Restaurants in den Höfen der Hauptstadt. Ein Wohnprinzip, das einmal als Elendsquartier begonnen hatte, wird heute von Immobilienentwicklern vielfach zur Vermarktung luxuriöser Wohnlagen genutzt.

Dass nach hinten raus noch Platz ist, gehört zum Berliner Stadtbild wie kaum sonst etwas. Kaum eine europäische Stadt, heißt es oft, hat so viele Hinterhöfe. In einigen wird wild gefeiert, andere sind ungenutzte Brachen, in den nächsten wird nun „nachverdichtet“, wieder andere sind mehr oder weniger unauffällig zum Lebenselixier der Hausgemeinschaften geworden, die um sie herum wohnen. In der Corona-Zeit voller Regeln und Verbote machten sie ein kleines Stück Freiheit möglich und bewahrten: Normalität.

Anfang August sitzen die vier Nachbarn nun wieder gemeinsam – ohne Zaun, aber mit Abstand – um den kreisrunden grünen Gartentisch, ein tiefhängender Schirm schützt vor den Sonnenstrahlen. Die Hitze drückt. Sie sind der harte Kern, sagen sie. Oft setzen sich noch andere hinzu aus den Häusern ringsum. Jovan Zobenica hat die Kühltruhe für Getränke dabei, Chipstüten liegen auf dem Tisch.

Oase und Nachbarschaftstreffpunkt

Das hier in Friedenau ist baulich gesehen eigentlich gar nicht so ein richtig typischer Berliner Hinterhof. Klar, nach allen vier Seiten stehen Häuser und in der Mitte ist’s gemütlich und grün. Es fehlt vielleicht die Enge Kreuzbergs, der bröckelnde Putz des Wedding, die Streetart. Vielleicht erlebt man hier gerade deshalb, was das Berliner Hinterhofflair abseits touristischer Pfade ausmacht.

Ein Hoch auf die Hofgemeinschaft. Matthias Helfrich, Margrit Nieswandt, Heinz Milkereit, Jovan Zobenica (von links nach rechts) genießen den erfrischenden Schatten, ihre kühlen Getränke und die Geselligkeit. 
Ein Hoch auf die Hofgemeinschaft. Matthias Helfrich, Margrit Nieswandt, Heinz Milkereit, Jovan Zobenica (von links nach rechts) genießen den erfrischenden Schatten, ihre kühlen Getränke und die Geselligkeit. 

© Doris Spiekermann-Klaas TSP

„Die Bebauung macht den Ort hier zu einer herrlichen Friedenauer Oase und zum Nachbarschaftstreffpunkt“, sagt Matthias Helfrich, 54 Jahre alt. Der Finanzberater und seine Frau Magrit Nieswandt wohnen seit 2014 hier im Süd-Westen Berlins, vorher lange in Wiesbaden. Als sie sich das renovierte Häuschen 2013 anschauten, hatten sie sofort gewusst: Hier wollen wir hin.

Gleich am Anfang verteilten sie Zettel in der Nachbarschaft, luden in den Hof ein, zum Grillen. „Einige grüßen bis heute nicht, andere waren schon häufig bei uns zu Gast – wir wollen offen sein“, sagt Nieswandt. Schon nach wenigen Tagen trafen sie das erste Mal auf Heinz Milkereit. „Ich glaube, ich habe meine Hilfe bei der Reparatur der Abwasseranlage angeboten“, sagt der 86-Jährige, früher Stahlbauer, und muss lachen. „Ich habe dem Vormieter immer viel geholfen und das habe ich bei unseren neuen Nachbarn genauso machen wollen.“

Die Hauseingänge gehen alle zum Hof hinaus, man trifft sich, kennt sich, hilft. Helfrich sagt: „Wir sind super happy mit unseren Nachbarn.“

Einige grüßen bis heute nicht, andere waren schon häufig bei uns zu Gast – wir wollen offen sein.

Magrit Nieswandt

Heinz Milkereit wohnt seit mehr als 40 Jahren im Haus, gemeinsam mit seiner Frau. Er hat sich immer bemüht, dass sie hier eine Gemeinschaft sind, sagt er. Die Treffen am grünen Tisch, politische Diskussionen, die alten Anekdoten.

Wie er als kleiner Junge in der Hitlerjugend war, als erwachsener Mann aus der DDR ausreisen wollte, ausgebürgert wurde und schließlich nach West-Berlin kam. Wie ihn seine Kinder bei einer Geburtstagsparty im Hof mit dieser London-Reise überraschten, weil er jahrelang einen Albtraum hatte: Immer wieder ruderte er über den Ärmelkanal und kurz vor der Ankunft wachte er auf. Englischen Boden hatte er nie unter den Füßen. Milkereit ist einer dieser Menschen, die solche Geschichten erzählen können, dass man zuhören will, dass die Abende schnell vergehen, lang werden. Ein Berliner Hinterhoforiginal.

Helfrich und Nieswandt sind die Neuen in der Runde, denn auch Jovan Zobenica wohnt hier seit den 80er-Jahren, im vierten Stock, die Wohnung mit den vielen Geranien auf dem Balkon. Fast vierzig Jahre hat der gebürtige Kroate bei Siemens gearbeitet. Erst in Essen, später in Berlin. Seit drei Jahren sei er Privatier, sagt er. „Pilze sammeln, Fahrrad fahren, Bierchen trinken.“ Das „R“ rollt. Er grinst breit.

In der Corona-Zeit hat sich ihre Gemeinschaft wieder vertieft

Früher, sagt er, seien die Partys hier noch rauschender gewesen in Friedenau. Da hätten sie jedes Jahr Laubfeste gefeiert, und auch Lagerfeuer hätte es ab und an gegeben. „Damals waren die Regeln noch nicht so streng, das machen wir heute nicht mehr.“ Alle lachen. Sie sind etwas älter geworden. Aber dass die Nachbarn aus allen Ecken der Welt kommen, dass sei heute noch so. Erst neulich hatte Zobenica wieder ein paar Musikanten von der Straße in den Hof eingeladen. Er zeigt ein Handyvideo.

Blick in den Friedenauer Hinterhof.
Blick in den Friedenauer Hinterhof.

© Doris Spiekermann-Klaas

Ihre Gemeinschaft hat sich in der Corona-Zeit weiter vertieft. Im Hof haben sie einen Basketballkorb für die Enkel von Milkereit aufgestellt. Weil sonst alle Plätze geschlossen waren, spielten die Kinder so oft im Hof, dass sie den Rasen zu Brachland zertrampelten. Aber das haben sie mittlerweile wieder zusammen ausgebessert, sagt Helfrich. Sie reden jetzt noch mehr über Politik, den Rechtsruck, Klimawandel, Russland, die USA. „Die Themen sind ernsthafter geworden“, sagt Helfrich. An diesen grünen Tisch unter dem Sonnenschirm finden ihre Perspektiven auf die Welt zusammen – manchmal auch nicht, klar.

Das Coronavirus hat an vielen Gemeinschaften gezerrt. An Familien, Freundschaften, auch Arbeitsverhältnissen. In Krisen rücken wir näher zusammen, heißt es oft. Dass das nicht immer nur Gutes bedeutet, wissen alle, die monatelang im Home Office hockten.

Wie hilfreich Nachbarschaft sein kann, hat diese Krise vielen erst klargemacht

Nachbarn. Für viele Berliner sind das nur Schatten, andere leben mit ihnen nach dem Prinzip „Leben und Leben lassen“. Wie hilfreich diese hinreichend lose Gemeinschaft namens Nachbarschaft sein kann, wie segensreich ein gemeinsamer Treffpunkt, hat diese Krise vielen erst klargemacht.

Milkereit sagt: „Ohne unseren Hof, die Nachbarn, die Gespräche, weiß ich nicht, ob ich das alles so gut durchgestanden hätte.“ Es sei ja klar, wenn man immer in der Wohnung hocke, vielleicht noch sehr beengt, da könne man irgendwann durchdrehen. „Wir haben hier großes Glück.“

Aber ein kleines bisschen, das geben sie alle vier zu, waren sie auch froh – zumindest über eine Folge des Coronavirus. Ein Bauherr will einen brachliegenden Teil des Hofes bebauen, dazu einen bestehenden Häuserblock verlängern. Nachverdichtung. Für Helfrich und seinen Nachbarn würde das bedeuten, dass wohl künftig die Nachmittagssonne ausbleibt, ihr wilder Hinterhof ein gutes Stück kleiner wird, der Platz für die Enkel zum Spielen schrumpft.

Durch das Coronavirus wurden die Bauaktivitäten erstmal gestoppt, scheint ihnen. Ansonsten ruhen ihre Hoffnungen auf der alten, rostroten Blutbuche. Die Wurzeln des riesigen Baums reichen so weit, dass diese für Fundamentarbeiten wohl an einigen Stellen gekappt werden müssten. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg hatte dahingehend bereits Bedenken angemeldet. „Mein Arzt sagt, dieser Baum gibt Sauerstoff für zwölf Menschen“, weiß Milkereit. Ihr Hinterhof hat Matthias Helfrich, Magrit Nieswandt, Heinz Milkereit und Jovan Zobeniza zu Kämpfern fürs Stadtgrün gemacht.

Wenn das alles vorbei ist, wollen sie endlich miteinander in den Urlaub fahren. Helfrich und Zobenica wollen dessen Heimat in Kroatien besuchen. Mit Milkereit ist Helfrich für eine gemeinsame Cabriolet-Tour nach Brandenburg verabredet. Die Geschichten werden sie sich dann erzählen, hier, am grünen Tisch, unter der Blutbuche. Milkereit wird bayerisches Bier trinken. (Julius Betschka)

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Für Peggy: Bernd Skodzig hat seinem Hund einen Garten gebaut – und ein Paradies geschaffen

Peggys Hof. Weil seine Hündin die Treppe nicht mehr hinaufkam, hat ihr Bernd Skodzig einen Garten gebaut.
Peggys Hof. Weil seine Hündin die Treppe nicht mehr hinaufkam, hat ihr Bernd Skodzig einen Garten gebaut.

© Doris Spiekermann-Klaas

Die Eibe steht noch da, aber Peggy ist verschwunden. In diesem Hinterhof in Wilmersdorf, ganz in der Nähe des Ku’damms, liegt ihr Garten. Bernd Skodzig, 51 Jahre alt, mit weißem Hemd und dunklem Sakko, hat ihn für seine alte Hündin angelegt. Fast zwei Jahre ist Peggy jetzt tot.

Die Hitze liegt schwer in der Luft an diesem Tag Ende Juli, es ist schwül. Skodzig führt durch seinen Hof, zeigt Sommerflieder, Rhododendron und Rosen. Sie alle hätten bis vor Kurzem noch prächtig weiß geblüht, erzählt Skodzig. Jetzt sind die rund 40 Quadratmeter, die hinter der Eibe liegen, in ein sattes Grün getaucht.

Skodzig öffnet das Gartentor und zeigt auf die steinernen Statuen. Er erklärt genau, welche Blumen er vor die alte Brandmauer gepflanzt hat, die den Hof begrenzt: Eine violett blühende Wisteria, in der Mitte eine weiße Magnolie. „Früher war hier nur wüstes Land“, sagt er. Heute ist hier Peggys Hof.

Skodzig arbeitet als Bühnen- und Kostümbildner, hatte Aufträge in Mailand, Paris und Bayreuth und entwirft Kostüme für Produktionen der Choreografin Sasha Waltz. Seit zehn Jahren wohnt er hier in diesem typischen West-Berliner Gründerzeithaus, bis 2018 gemeinsam mit seiner irischen Wolfshündin Peggy.

Die Hündin mit dem grauen Fell begleitete ihn. Peggy sei eine ruhige Hündin gewesen, mit manchen Eigenheiten: „Wenn eine Tür angelehnt war und Peggy ins Zimmer wollte, hat sie die Tür nicht mit der Schnauze aufgestoßen, sondern gewartet, bis sie ihr jemand aufgemacht hat“, erzählt Skodzig.

Die Ärztin riet, Peggy einschläfern zu lassen

Wolfshunde gelten als die größten der Welt, werden normalerweise sechs, sieben Jahre alt. Peggy hat fast doppelt so lange gelebt. Mit zunehmendem Alter fiel es ihr schwer, die Treppen zu Bernd Skodzigs Wohnung hochzugehen. Als sie immer schwächer wurde, habe ihm die Tierärztin dringend dazu geraten, Peggy einschläfern zu lassen. „Das war die schlimmste Woche meines Lebens“, sagt er.

Grünes Kleinod hinter dem Haus. Wo früher nur eine sandige Brache war, blüht heute ein Garten, der die ganze Nachbarschaft zum Verweilen einlädt.
Grünes Kleinod hinter dem Haus. Wo früher nur eine sandige Brache war, blüht heute ein Garten, der die ganze Nachbarschaft zum Verweilen einlädt.

© Doris Spiekermann-Klaas

Schweren Herzens entschied er sich dafür, dem Rat der Ärztin zu folgen. Bei dem Termin aber sei Peggy so aufgebracht wie selten gewesen, habe gebellt – was sie sonst nie tat – und sich gegen die Behandlung gewehrt. Skodzig brach die Sache ab, und baute Peggy stattdessen einen Garten.

Er erinnerte sich, dass seine Hündin oft zur Brache hinter der Eibe lief, wenn er den Müll rausbrachte. Um ihr den mühevollen Auf- und Abstieg der Treppen zu ersparen, wollte er ihr im Hof einen Ort schaffen, an dem sie die letzten Monate ihres Lebens tagsüber verbringen konnte.

Skodzig sprach mit dem Hausbesitzer, pachtete den Teil des Hofs hinter dem großen Baum, informierte die Nachbarn, ließ einen neuen Wasseranschluss verlegen, brachte frische Erde, um den Hof urbar zu machen. Er ließ ein Fundament gießen, um ein Gartentor darauf zu stellen, bestellte alte Steinfiguren, zwei kleine Brunnen und pflanzte Unmengen von Blumen.

Nebenbei legte Skodzig auch einen guten Teil Berliner Geschichte frei

Peggy saß währenddessen in einer Ecke des Hinterhofs unter einem Sonnenschirm und schaute ihm zu. Damals gab es noch kein weiches Gras wie heute, nur sandigen Boden – Skodzig legte der Hündin einen alten Teppich aus. „Sie war eine Dame“, sagt er.

Nebenbei legte Skodzig auch einen guten Teil Berliner Geschichte frei. In der Brandmauer habe er in einem Loch kleine Flaconfläschchen entdeckt, erzählt Skodzig. Er schätzt, dass sie aus den 1910er Jahren stammen. Sie liegen noch immer dort. Beim Graben und Bepflanzen seien Bombensplitter, Keramik und Nachkriegsbautrümmer aufgetaucht, er habe sogar eine alte, fast gänzlich verrottete Muskete gefunden. Im Kaiserreich wohnten in den Wohnungen des Hauses Offiziere der kaiserlichen Armee.

Inspiriert wurde Skodzig durch berühmte Gärten und Friedhöfe in England

An Peggy erinnert heute ein kleines Schild am Gartentor. Es hängt dort umwuchert von Farn und Funkien, daneben stehen ein Apfel- und ein Feigenbaum. Schneeglöckchen, Narzissen, Passionsblumen, Pfingstrosen – alle blühen in Weiß. „Nach ihrem Tod wollte ich einen Gedenkort der Stille erschaffen“, sagt Skodzig. Durch die Farbe sollte sich das transportieren. Inspiriert wurde Skodzig durch berühmte Gärten und Friedhöfe in England, wo er lange gelebt hat, etwa der Highgate Cemetery in London oder der Garten von Sissinghurst Castle. Auch dort gibt es einen Teil, der komplett in Weiß gehalten ist.

Dann kam der Zauberer Bernd Skodzig und er vollbrachte ein Wunder.

Wilhelm Wiegreffe, Nachbar

Den Garten, den Skodzig aus persönlicher Trauer schuf, schätzt heute das ganze Haus. Die Nachbarn hätten von Anfang an positiv reagiert, erzählt Skodzig. Nachbar Wilhelm Wiegreffe lebt schon seit 40 Jahren im Haus. Jahrzehntelang habe es nur eine unwirtliche Sandfläche hinter den Mülltonnen gegeben, erzählt er. „Dann kam der Zauberer Bernd Skodzig und vollbrachte ein Wunder.“

Das Tor zur Peggys Garten in der Fasanenstraße.
Das Tor zur Peggys Garten in der Fasanenstraße.

© Doris Spiekermann-Klaas

Und Ilse Bezzenberger, die von ihrer Wohnung im Haus schräg gegenüber in den Hinterhof blickt, berichtet, dass sie fast jeden Abend hinunterschaue. Vor ein paar Wochen hat ein Paar aus dem Haus Skodzig gefragt, ob sie in den Garten könnten. Sie müssten etwas Wichtiges besprechen, hatten sie ihm gesagt, und sich ins Grüne zurückgezogen. Die Angestellten des italienischen Restaurants im Erdgeschoss machen hier Pause. Niemand würde an diesem Ort Partys feiern. Skodzig selbst frühstückt immer im Garten, wenn das Wetter es zulässt.

Peggy lebte noch vier Monate, nachdem der Termin mit der Tierärztin abgebrochen wurde. Die Tage verbrachte sie mit Skodzig im Garten hinter der Eibe. Dann schlief sie ein. (Anna Thewalt)

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Spatzen retten bislang diesen Hof: Die Hausgemeinschaft „Kolonie 10“ soll verdrängt werden

Zwischen Sonnenblumen und Stockrosen. Inmitten der Backsteinremisen aus dem 19. Jahrhundert im Hinterhof der Koloniestraße 10 in Wedding kommt Kiezgefühl auf.
Zwischen Sonnenblumen und Stockrosen. Inmitten der Backsteinremisen aus dem 19. Jahrhundert im Hinterhof der Koloniestraße 10 in Wedding kommt Kiezgefühl auf.

© Doris Spiekermann-Klaas

Wer den Hinterhof der Koloniestraße 10 in Wedding betritt, kann leicht glauben, sich in der Sommerresidenz eines Künstlers zu befinden: Am Eingang wacht eine große Holzskulptur, ein Mischwesen aus Mensch und Vogel. An einem Bauzaun sind bemalte Kunstleinwände befestigt: eine Sonnenblume, das chinesische Schriftzeichen für „Liebe“, bunte Blumen. Von einer Leine zwischen zwei Bäumen hängen lange Stoffreste wie von einer Girlande herab.

An diesem Tag Ende Juli fliegen Spatzen von einer efeubewachsenen Hauswand an Sonnenblumen, Stockrosen und einem Oleanderbaum vorbei, bevor sie aus dem Sichtfeld verschwinden.

Zwischen dieser ganzen Natur mitten in der Großstadt steht Marie Münch. Sie wohnt in der Remise aus dem 19. Jahrhundert, die den Hinterhof flankiert. „Für mich steht dieser Hinterhof für eine Stadt, in der ich leben möchte“, sagt die 30-Jährige. „Wo Nachbarn nicht anonym sind, ein gutes soziales Klima herrscht und ein Kiezgefühl aufkommt.“

Was Münch meint, wird schnell klar: Erst kommt ein Nachbar vorbei, bietet eine Schüssel Kirschen an. Zwei Jugendliche tragen kurz darauf einen Boxsack bis ans Ende des Hinterhofs. Münch, braunes Haar, tätowierte Arme, grüßt fast jeden, der vorbeigeht. „Ich habe bereits früher in Mitte gewohnt und bekam das Gefühl: Überall höre ich nur noch Rollkoffer über den Asphalt klackern.“

Die altbekannten Lädchen in ihrer Umgebung hätten nach und nach zu gemacht. „Da dachte ich: Ich will in einer Gemeinschaft wohnen.“ Und ist in der „Kolonie 10“ gelandet – so haben die Nachbarn die Hausgemeinschaft in Gesundbrunnen getauft.

Die Zukunft, die sich der Immobilienentwickler vorgestellt hat, sieht man gleich nebenan

Doch das Projekt ist in Gefahr, seit 2016 das Erlanger Unternehmen „CI Invest AG“ den Hof mit dem Grundstück erwarb. Die Hausgemeinschaft kämpft um eine Zukunft. Nach einem Jahr mussten die Tischler, Handwerker und Künstler im Erdgeschoss der Remise und in den Garagen gegenüber ausziehen – „gekündigt“, sagt Münch.

Die Zukunft, die sich der Münchner Immobilienentwickler für die Koloniestraße 10 vorgestellt hat, sieht man gleich nebenan. „Campus Viva Berlin II“ heißt dort das Haus des Investors, das 38 Apartments in den Größen 19 bis 56 Quadratmeter beherbergt – die Kaltmiete beträgt mindestens 495 Euro. Die Fassade ragt hoch über das flachen Dach der zweigeschossigen Remise hinaus.

Geht es nach dem Münchner Immobilienentwickler, soll die unter Milieuschutz stehende Kolonie 10 einer Erweiterung des mehrstöckigen Hauses mit Mikroapartments weichen. 
Geht es nach dem Münchner Immobilienentwickler, soll die unter Milieuschutz stehende Kolonie 10 einer Erweiterung des mehrstöckigen Hauses mit Mikroapartments weichen. 

© Doris Spiekermann-KLaas

Dabei schien alles perfekt. Als die Physiotherapeutin vor viereinhalb Jahren zur Wohnungsbesichtigung in der Kolonie 10 vorbeikam, konnte sie sich am Hof und der Remise mit der roten Backsteinfassade gar nicht satt sehen.

Zusammen mit ihrem Mann bezog sie eine der vier Wohnungen im Obergeschoss der Remise. „Damit haben sich alle meine Wünsche an eine lebenswerte Stadt erfüllt. Hier gibt es Platz für Menschen“, sagt sie. Die Gemeinschaft nutzt den Hof für Feste, Kinoabende und Podiumsdiskussionen und öffnet ihn so auch für Leute außerhalb des Hauses.

Der Blick auf das benachbarte Haus verrät: Hier würde wohl mehr Wohnraum entstehen

Geht es nach dem Münchner Immobilienentwickler, soll die unter Milieuschutz stehende Kolonie 10 einer Erweiterung des mehrstöckigen Hauses mit Mikroapartments weichen. „Statt lebendige und geschichtsträchtige Orte zu zerstören, sollte die Politik Wohnraum in leerstehenden Häusern schaffen“, kritisiert Münch. Doch allein der Blick auf die hohe Fassade des benachbarten „Campus Viva II“ verrät: Hier würde wohl mehr Wohnraum entstehen. Nur zu welchem Preis?

„Für mich steht dieser Hinterhof für eine Stadt, in der ich leben möchte“, sagt Anwohnerin Marie Münch.
„Für mich steht dieser Hinterhof für eine Stadt, in der ich leben möchte“, sagt Anwohnerin Marie Münch.

© Doris Spiekermann-Klaas

Marie Münch und die Mietergemeinschaft arbeiten deshalb längst an einem eigenen Konzept. Zusammen mit einem Friedrichshainer Architekturbüro, erzählt Münch, hätten sie einen Plan entwickelt, „die Kolonie 10 zu erhalten und mehr Wohnraum zu schaffen“. Dafür sollen über den Garagen weitere Wohnungen gebaut werden. Laut Münch würde das Bezirksamt Mitte sogar eine Baugenehmigung dafür erteilen. Auf diese Weise könnten zwölf bis 20 weitere Wohnungen entstehen, sagt sie.

Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe unterstützt die Kolonie 10, hält die bisherige Nutzung für erhaltenswert. Der SPD-Politiker wirbt für das Baukonzept, bei dem die Remise aus der Gründerzeit und der Hof überleben könnten. Zweimal sei der Geschäftsführer des Immobilienentwicklers im Bezirksamt zum Gespräch vorstellig gewesen, die Architektin stellte ihr Baukonzept dort vor. Die Runde ging ohne Ergebnis auseinander. „Der Investor aus München zeigt sich nicht kompromissbereit“, sagt Gothe.

Lesen Sie weitere Texte aus unserer Sommerserie „Urlaub ganz nah“

Die Zeit drängt: Nur noch bis Ende September dürfen die Münchener das Gebäudeensemble aus Remise und Hof nicht abreißen. Vögel und ihre Brutstätten konnten das Anrollen der Bagger zuletzt aufschieben – der Vogelschutz greift. Marie Münch und die anderen Anwohner hoffen nun, dass der Denkmalschutz sie rettet. Doch das Landesdenkmalamt entschied schon mehrfach dagegen.

Marie Münch steht vor ihrer Remise, Spatzen fliegen durch die Luft. „In so einer anonymen Großstadt sind offene Systeme wichtig, die Leute zusammenbringen.“ Sie und die anderen aus der Kolonie 10 glauben daran, dass ihre Gemeinschaft weiterleben kann. (Sinan Reçber)

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Und was sagen die Leser? Berichte aus Ferien im Hinterhof

Wir hören Gesangsübungen aus der ersten Etage, aus dem Erdgeschoss schallt ein Saxophon, aus dem Hof hört man Kinderstimmen. Es lebt sich famos.

Bernd Haselsteiner, Friedenau

Wir Nachbarn pflanzen bunte Blumen die hoffentlich alle erfreuen, wenn sie herunterschauen. In dieser Jahreszeit haben wir viel zu wässern.

Marianne Pousset, Charlottenburg

Unser Hinterhof wurde in den 80ern gemeinsam in vielen Stunden angelegt. Jetzt pflegt eine Mitbewohnerin diese wunderbare Idylle.

Lutz-Henning Stehr, Tempelhof

Als der alte Apfelbaum gefällt wurde, pflanzte ich Rosen. Die Hausgemeinschaft freut sich, dass sich jemand um den Hof kümmert. Alles blüht.

Gabriele Felsmann, Schöneberg

Wir sitzen im Hinterhof, plaudern, futtern, lachen. Die Kinder planschen, spielen mit Autos und sogar Fußball. 

Karina Denker, Moabit

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