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© CKSA/Nöfer

Tagesspiegel Plus Update

Vorfahrt für Fahrräder: So soll Berlins Multi-Millionen-Viertel „Pankower Tor“ aussehen

Die Entscheidung, wer die Bahn-Brache am S-Bahnhof Pankow mit 2000 Wohnungen plant, ist gefallen. Am Ende gab es eine Überraschung – und Naturschützer klagen.

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Schon mehr als zehn Jahre haben Möbel-Gigant Kurt Krieger, Senat und Bezirk über den Umbau der Bahn-Brache am „Pankower Tor“ zu einem Quartier mit rund 2000 Wohnungen, Schule, Läden und Lokalen gestritten. Am Donnerstag stellten die zwei im Wettbewerb verbliebenen Planergemeinschaften ihre überarbeiteten Entwürfe der Jury vor. Der Sieger schien zuvor bereits festzustehen: Planer um das Büro eines Mitglieds vom Baukollegium der kürzlich in Ruhestand gegangenen Senatsbaudirektorin Regula Lüscher – 03Architekten.

Die Senatsverwaltung hatte auf Anfrage mitgeteilt: „Der Beitrag von 03Architekten München wurde von der Fachjury aufgrund seiner hohen städtebaulichen Qualität zum Siegerentwurf erklärt.“ Bei der öffentlichen Präsentation des Wettbewerbsergebnisses am Freitag gab es dann jedoch eine Überraschung: Zwei Tage nach der Festlegung aus dem Senat gegenüber dem Tagesspiegel und dem Erscheinen dieses Beitrags wurde eine andere Entscheidung der Jury in ihrer abschließenden Sitzung bekanntgegeben.

Statt der favorisierten 03Architekten, die auch der Tagesspiegel bereits als Sieger vermeldet hatte, kürte sie den Konkurrenten Nöfer Architekten zum Gewinner. Näheres dazu lesen Sie auch in diesem Artikel. Pankow soll nun unter anderem ein „Pedaleum“ bekommen, ein großes Fahrradkaufhaus mit Werkstätten nahe am Radschnellweg „Panke Trail“, dazu ein neues Stadthaus am S-Bahnhof Pankow, ein Hochhaus am östlichen Rand des Areals, das dieses neue Quartier weithin sichtbar ankündigt, sowie architektonisch vielfältige Häuser, die große grüne Höfe umschließen und die Mieter so vor dem Verkehrslärm schützen.

Neuer Stadtplatz für Pankow: Die Straßenbahn fährt unter der S-Bahn-Brücke zum Stadthaus.
Neuer Stadtplatz für Pankow: Die Straßenbahn fährt unter der S-Bahn-Brücke zum Stadthaus.

© CKSA/Nöfer

Das siegreiche Team der Endrunde besteht aus Nöfer-Architekten mit Christoph Kohl, Fugmann Janotta Landschaftsarchitekten und dem Ingenieurbüro Thorsten Terfort. Die Favoritenstellung von 03Architekten im Team mit „grabner huber lipp landschaftsarchitekten“, stadtplaner sowie Hoffmann-Leichter Ingenieure hatte zuvor Fragen aufgeworfen.

Die Chefin der Jury für den Wettbewerb zur Gestaltung des „Pankower Tors“ war bis 2017 ebenfalls Mitglied von Lüschers Baukollegium: Christa Reicher. Im Interview mit dem Tagesspiegel hatte die frühere Senatsbaudirektorin Lüscher erklärt, ihre Netzwerke seien „die Gremien und Preisgerichte. Aber die sind nicht auf der Auftragnehmerseite.“ Im Fall des „Pankower Tors“ wäre nun beinahe in Andreas Garkisch ein enger Mitarbeiter Lüschers im Baukollegium mit seinem Büro doch gleichzeitig außerdem designierter Auftragnehmer in einem der größten Stadterweiterungsvorhaben Berlins geworden.

Teilnehmer „im Konsens der Akteure“ ausgewählt

Dazu sagte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen: „Die Mitgliedschaft im Baukollegium schließt die Teilnahme an einem Wettbewerb, den die Senatsverwaltung ausschreibt, nicht aus.“ Den Wettbewerb um das „Pankower Tor“ verantworte aber die Firma Krieger „als privater Auftraggeber“. Die Teilnehmer seien „im Konsens der Akteure“ ausgewählt worden.

Dass nun ausgerechnet ein Mitglied des Baukollegiums kurz vor dem lukrativen Auftrag stand, hielt man in Pankow für unproblematisch. Es handle sich „nicht um eine öffentliche Ausschreibung (…), sondern um eine private Mehrfachbeauftragung der Firma Krieger“. Daher würden die Regelungen des Baukollegiums hier nicht gelten, sagte Bürgermeister Sören Benn (Linke).

Eine Visualisierung des Vorschlags von 03Architekten.
Eine Visualisierung des Vorschlags von 03Architekten.

© 03 Architekten

Garkisch bestätigte dies. „In meinem Baukollegiums-Vertrag steht, dass wir keine Direktaufträge in Berlin wahrnehmen dürfen.“ Bei Wettbewerben, in denen das Baukollegium nicht entscheidet, sehe das jedoch anders aus. „Im konkreten Fall wurden wir direkt eingeladen“, sagte Garkisch. Lüscher, Krieger und der Bezirk hätten die sechs teilnehmenden Teams selbst ausgewählt und kontaktiert. „Ich war darüber selbst etwas überrascht, da wir in der Vergangenheit seit meiner Berufung ins Baukollegium nicht in Berlin tätig waren und uns auch nicht auf Wettbewerbe beworben haben.“

Senatsbaudirektorin schied Ende Juli auch aus der Jury aus

Das Bezirksamt Pankow verwies darauf, dass Regula Lüscher nicht mehr Mitglied der Jury ist. Dort saß sie neben Christa Reicher, Krieger, Pankows Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) sowie den Architektinnen Angela Mensing-de Jong, Julia Tophof und Laura Vahl.

Mit dem Ende ihrer Tätigkeit als Senatsbaudirektorin schied Lüscher Ende Juli jedoch auch aus der Jury aus. An ihrer Stelle soll ein Abteilungsleiter aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Verkündung der Entscheidung begründen.

Bei den letzten Abstimmungen hatte sich dem Vernehmen nach eine deutliche Präferenz der Jury für den Entwurf von 03Architekten gezeigt. Garkisch wollte dies nicht bestätigen und erklärte dazu, die Entscheidung werde erst bei der letzten Jurysitzung am Donnerstag fallen – wo es dann letztlich anders kam.

Sechs Teams hatten seit Dezember an Entwürfen gearbeitet

Sechs interdisziplinäre Planungsteams aus Architektur-, Landschafts- und Stadtplanungsbüros hatten seit Dezember 2020 an städtebaulichen Entwürfen für das Wohnviertel auf dem ausgedienten Bahngelände gearbeitet. Die Brache gehört seit 2009 dem gebürtigen Pankower Kurt Krieger. Ursprünglich wollte er dort Möbelhäuser und einen großen Park errichten. Der Bezirk und das Land Berlin forderten den Bau eines Quartiers mit dringend benötigten Wohnungen.

Das Gelände in Pankow, auf dem das neue Stadtquartier entstehen soll.
Das Gelände in Pankow, auf dem das neue Stadtquartier entstehen soll.

© imago images/Dirk Sattler

Diese sollen am „Pankower Tor“ nun gebaut werden, das als „verkehrsarmes“ Viertel konzipiert ist. Der Radschnellweg „Panke Trail“ soll parallel zur Bahntrasse durch das Gebiet verlaufen. Zudem soll eine neue Tramlinie zwischen Pankow und Weißensee am neuen Quartier entlangführen. Von den Planern verlangte die Jury ferner einen „ganzheitlichen Ansatz“ mit Aussagen zum Umgang mit Energie, Wasser, eingesetzten Materialien sowie mit dem Abfall.

03Architekten: Auch Wohnhöfe, keine Hochhäuser

Der Entwurf von 03Architekten sah eine luftige Bebauung mit verschachtelten Wohnhöfen ohne Hochhäuser vor. Drei große Höfe sollten zusätzlich zur Wohnnutzung auch Einzelhandel, Bibliothek, Kindergärten oder betreutes Wohnen anbieten. Dazu sollten Gemeinschaftsgärten, Stadtplätze und entlang der Gleise ein großer Park entstehen.

Die Vision von 03Architekten im Modell.
Die Vision von 03Architekten im Modell.

© 03 Architekten

Laut Garkisch hatten sich durch Hinweise während der Bürgerbeteiligung „noch einmal sehr viele Details geändert“. So sei die Vernetzung mit den angrenzenden Pankower Vierteln und dem „Panke Trail“ besser geworden, „und die Bibliothek ist jetzt ein richtiges Stadtteilzentrum“. Sein finaler Entwurf sah außerdem zusätzlich zur Überführung auch eine Brücke über die Bahngleise nach Norden vor.

Beim Nöfer-Entwurf blieb am Ende ein Hochhaus

„Angsträume“ nannte Tobias Nöfer die Flächen an der Brücke und den Brachen am S-Bahnhof Pankow bei der Vorstellung seines Entwurfs. Diese verschwinden mit dem Bau des „Pankower Tors“: Ein Stadtplatz mit einem öffentlich genutzten Stadthaus wird das Gebiet eröffnen. Daneben entsteht an der Berliner Straße ein Nahversorgungszentrum mit einer Vielfalt von Läden und Lokalen. Das ist das Entree zum westlich anschließenden Wohngebiet. Grünanlagen trennen es von der Bahnschneise. Das „Pedaleum“ schließt an die Bauten am Rand des Stadtplatzes an - Räder haben Vorfahrt in dem autoarmen, aber nicht autofreien Quartier.

Im Osten des Gebietes entstehen eine Schule und eine Kita. An der Prenzlauer Promenade werden zwei Möbelmärkte mit 250 oberirdischen Parkplätzen entstehen. Auch ein Hochhaus ist geplant. Ursprünglich hatte Nöfer mehrere Türme in dem Gebiet vorgesehen. Die Jury überzeugte das nicht. Übrig blieb dieser eine und - wenn man so will - auch das Stadthaus, das bis zu 50 Meter hoch werden könnte. Aber sogar über diese beiden „Hochpunkte“ wird noch gestritten.

Bebauungsplan soll 2024 stehen, Nabu klagt

Die Aufstellung eines Bebauungsplans wird laut Pankows Baustadtrat Kuhn für das Jahr 2024 angestrebt: „Zum Baubeginn und zur Fertigstellung können noch keine verbindlichen Angaben gemacht werden“, sagte er. Das Investitionsvolumen dürfte mehr als eine halbe Milliarde Euro betragen.

Ein juristisches Nachspiel droht dem Planverfahren fürs „Pankower Tor“ auf jeden Fall. Der Naturschutzbund Berlin (Nabu) hat Klage gegen den Bescheid der Senatsumweltverwaltung eingereicht, der die Baupläne als „alternativlos“ einstuft. Dieser Bescheid sei „grob rechtswidrig“, heißt es vom Nabu, weil er dem artenschutzrechtlichen Verfahren vorgreife.

Auf dem Gelände befindet sich unter anderem eine Population der vom Aussterben bedrohten Kreuzkröte. Diese soll nach Brandenburg umgesiedelt werden, was der Nabu verhindern will. Er fordert stattdessen eine Neuplanung, die ein zehn Hektar großes Schutzgebiet für die Kreuzkröte beinhaltet – ein knappes Drittel der Fläche.

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