Was macht die Familie : Von Häkchen und Schnörkeln

Ein "Füllerdiplom"? Unsere Redakteurin ist überrascht, wie ihre Tochter das Schreiben in der Schule lernt. Die Auswahl des Füllers hat fast Event-Charakter.

Ob die Kinder noch Schreibschrift lernen, variiert von Schule zu Schule. Das Füllerdiplom steht für die meisten in der 2.Klasse an. Dann heißt es: Mit Tinte schreiben lernen.
Ob die Kinder noch Schreibschrift lernen, variiert von Schule zu Schule. Das Füllerdiplom steht für die meisten in der 2.Klasse...Foto: Joachim B. Albers/ stock.adobe.com

Nach dem Ranzenführerschein nun also das Füllerdiplom. Die nächste Attraktion, der ich im Leben als Mutter einer Achtjährigen begegne. Mein Mädchen kündigte vor Monaten an, dass es aufgeregt sei. „Wenn ich meine Schreibschrift-Übungen fertig habe, darf ich einen Füller benutzen und kann das Füllerdiplom machen.“ Das habe die Lehrerin so versprochen. Den Ranzenführerschein, den sie durch Beantworten von absurd einfachen Fragen zum korrekten Tragen eines Schulranzens beim Kauf eines solchen in einem Taschenfachladen erworben hatte, fand ich schon etwas befremdlich. Was kommt als Nächstes? Es lag jetzt ja sprichwörtlich auf der Hand: das Loriot'sche „Jodeldiplom“. Daran dachte ich kurz und versuchte, meiner Tochter den Sketch zu erklären („Holleri du dödel di“). Das gelang mir nicht. Vielleicht ist sie als Zweitklässlerin auch noch zu jung.

Schreib- oder Druckschrift? Wie bei allen Erziehungsfragen schien es auch hier um Leben und Tod zu gehen

Es musste also bald ein Füller her. Vorher bearbeitete meine Kleine eifrig die Seiten im „Schreibschrift-Heft“, in dem die Kinder erst Buchstaben und dann ganze Sätze üben sollten – zunächst mit Bleistift. Auf einem Elternabend war mir klar geworden: Es ist heutzutage gar nicht mehr üblich, dass Grundschulkinder Schreibschrift lernen, sondern es variiert von Schule zu Schule. Ich tat das, was man, ebenso wie bei Krankheiten, möglichst nicht tun sollte: Ich schaute im Internet nach, um mir „einen Überblick“ zu verschaffen. Schreibschrift oder Druckschrift? Wie bei allen Bildungs- und Erziehungsfragen schien es auch hier um Leben und Tod zu gehen. Hinzu kam die neu eingeführte „Grundschrift“ – eine an die Druckschrift angelehnte Schreibtechnik. Die Befürworter der Häkchen und Schnörkel führen ins Feld, dass laut wissenschaftlicher Untersuchungen die Gedanken besser flössen, das Gehirn arbeite ertragreicher. Alles Quatsch!, erwidern die Gegner. Bewiesen sei das nicht. Die Schriften nahe der Druckschrift seien leserlicher, die Schüler*innen schrieben schneller. Eine neue Schrift nach der Druckschrift zu lernen, sei Zeitverschwendung und überfordere viele Kinder.

Meine Tochter genoss das Brimborium um den Füller-Kauf

Ach herrje! Ich ging lieber in Deckung. „Komm“, sagte ich, „wir kaufen deinen Füller.“ Wichtig bei der Wahl des ersten Schreibgeräts ist ja, dass das Kind dabei ist. So suchten wir gemeinsam einen Fachhandel mit einem Füllerfachverkäufer auf. Er legte zeremoniell anmutend vier verschiedene Schreibgeräte auf eine Unterlage. Es gebe „offene und geschlossene Griffzonen“, erklärte er uns. Aha! Wie habe ich nur meine Grundschulzeit ohne all die Finessen der Schreibwarenindustrie überstanden? „Wenn du diesen hier noch mal ausprobieren magst“, leitete der Füller-Experte sie an. Mein Kind machte Schwungübungen, fuhr mit der Feder vorgezeichnete Kreise nach und genoss das ganze Brimborium um diesen Tintenfüllerkauf. Einer der vier lag besonders gut in der Hand, glitt angenehm über das Papier, ja, der sollte es sein.

Am nächsten Tag bemerkte ich, wie meine Tochter mit ihrem neuen Füller plötzlich extrem unleserlich ihren Vor- und Nachnamen immer wieder auf ein Blatt Papier schrieb. „Was ist denn jetzt los?“ Sie übe ihre „persönliche Unterschrift“, sagte sie. Das habe sie von mir abgeschaut – wenn ich unsere Einkäufe mit der Karte zahle.

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