Wechsel beim Berliner American Jewish Committee : Eine Kämpferin hört auf

Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Comittee (AJC), wird nach 20 Jahren per Videokonferenz verabschiedet - und hinterlässt ein beachtliches Erbe.

Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee Berlin Office.
Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee Berlin Office.Foto: Thilo Rückeis

Was nach Small Talk aussah, war oft sehr viel mehr. Wer Deidre Berger traf in den letzten 20 Jahren auf einem gesellschaftlichen Event, brauchte nicht zu fürchten, allzu lange an der Oberfläche zu verweilen. Mit ihrem freundlichen Auftreten und ihrer verbindlichen Umgangsart täuschte die Direktorin des American Jewish Committee Ramer Instituts Berlin (AJC) manchmal darüber hinweg, dass sie ernste Anliegen zu verfechten und oft erhebliche Widerstände zu überwinden hatte.

Vieles hat sie bewegt und zum Guten verändert, seit sie 1999, zwei Jahre nach der Eröffnung des ersten europäischen Büros der Organisation ausgerechnet in Berlin, ihr Amt antrat. Damals wurde AJC oft noch skeptisch beäugt.

Das war die erste Hürde, die sie elegant zu nehmen wusste. „Status war ihr nie wichtig“, erinnert sich ihr langjähriger Mitarbeiter Fabian Weißbarth. „Auf den Geist kam es an. Sie liebte es, sich mit jungen Kreativen zu umgeben, die Ideen und Visionen mitbrachten.“

So erklärt er es auch, dass sie sich nach einem kurzen Intermezzo als europäische Beraterin nun auch aus Altersgründen neu orientiert. Am 22. Juni wird sie in einer Videokonferenz im Rahmen des Board of Governors offiziell verabschiedet. Kaum jemand hat Zweifel, dass sie auf dem Feld weiterarbeitet, sei es durch Bücher oder durch ihre Arbeit in diversen Beiräten.

Aufklärung beginnt in der Schule

Die Themen Antisemitismus und Demokratieverständnis werden sie auch künftig nicht loslassen. Dabei ist das Erbe, das sie beim Abschied aus der offiziellen Funktion hinterlässt, schon jetzt beachtlich. Zu ihren wichtigsten Projekten gehörte ein Bildungsprojekt für Grundschulen und weiterführende Schulen. Die Idee dazu wurde geboren bei einem Besuch des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder beim AJC in New York.

Nach dem Vorbild eines erfolgreichen Projekts, aus Los Angeles, begann man Material zu entwickeln, anhand dessen wichtige Momente aus der Geschichte und der Gegenwart behandelt werden sollten. Der Ansatz war ganz persönlich, zum Beispiel dort, wo es um Schulen geht, die nach Rosa Parks oder Nelson Mandela benannt wurden: Was bedeutet das für mich? Und was für uns, die Gemeinschaft?

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An über 200 Schulen in Berlin und Brandenburg hat es seitdem entsprechende Fortbildungen gegeben. Auch die vielen Reisen nach Israel, die sie begleitet hat, waren ihr wichtig. Entscheidungsträger, Parlamentsmitglieder, Bundeswehrangehörige und Minderheitenvertreter waren darunter, und mancher sagte im Anschluss, dass ihm diese Reise erst die Augen geöffnet hätte.

Sie beteiligte sich am Kampf gegen Extremismus und Terrorismus und setzte sich gegen das Verbot der im jüdischen Kulturkreis tief verankerten männlichen Beschneidung ein. „Das wäre ein schwerer Schlag gegen jüdisches Leben hier gewesen“, sagt sie.

Viel bedeutet ihr im Nachhinein der Einsatz für das Gedenken der Massengräber voller Naziopfer. Dank ihrer Arbeit entstanden in der West-Ukraine die ersten fünf von inzwischen 20 Gedenkstätten, die an die 1,5 Millionen Holocaust-Opfer erinnern, die dort in fast 2000 Massengräbern liegen.

„In der dunkelsten Stunde des Völkermordes an den Jesiden war sie für uns da"

Ihr Horizont reichte aber noch weiter. Die Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal bezeichnet sie als Seelenschwester. „In der dunkelsten Stunde des Völkermordes an den Jesiden war sie für uns da." Sie habe Türen geöffnet in die Politik, zu den Entscheidern, damit das Thema auf die Agenda kam. Ihr Knowhow, was politische Arbeit betrifft, gab sie großzügig weiter an die weitgehend unbekannte, bedrängte Minderheit.

Nach Deutschland kam Deidre Berger 1984 für National Public Radio (NPR). Aufgewachsen in St. Louis, in einem traditionellen jüdischen Elternhaus, hatte sie davor zuletzt in Washington D.C. gelebt. 15 Jahre als Journalistin haben wohl Tugenden geschärft, die in ihrer AJC-Arbeit wichtig waren.

Die Fähigkeit zuhören zu können, stellt sie selbst an die erste Stelle. Aber auch das Talent, sich in andere hineinzuversetzen, und ihr Anliegen in eine konstruktive Verbindung zu bringen, gehört dazu. „Wenn man glaubt, alles schon zu wissen, kann man die Geschichte nicht schreiben“, hat sie gelernt. Geholfen hat sicher auch, dass sie den Austausch mit Menschen mag, gern und zügig zum Thema kommt und unterschiedlichste Interessen zusammenbringt.

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Sie hat während ihrer Tätigkeit in Berlin immer neue Wellen von Antisemitismus beobachtet, die sich aus verschiedenen Quellen speisten. Dazu gehören soziale Medien, dazu zählt aber auch Propaganda aus der arabischen Welt. Wichtig war es ihr immer, für einen ehrlichen Umgang mit dem Antisemitismus in Deutschland zu werben. Dazu gehöre eben auch, auf die tiefen Wurzeln zu blicken, die weit in die Geschichte zurück und über alle Gesellschaftsschichten reichen.

Das 1906 von Einwanderern überwiegend deutscher Herkunft gegründete AJC war die erste globale jüdische Organisation, die sich darum kümmerte, jüdisches Leben in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder neu zu verankern. So gab es schon vor der Eröffnung des Büros 1998 Austauschprogramme mit verschiedenen Stiftungen. Zum Abschied erscheint die von Deidre Berger geschriebene Broschüre „AJC and Germany: History in the Making 1945 - 2020."

Wieder und wieder habe die Arbeit des AJC in Deutschland gezeigt, welche Macht eine ausgestreckte Hand habe, schreibt sie darin. Als das AJC im März 2006 seinen 100. Geburtstag in Berlin feierte, rief der Geschäftsführer David Harris, ein Sohn von Holocaust-Überlebenden, die Gäste auf, sich vorzustellen, wie die Welt unmittelbar nach Kriegsende ausgesehen habe.

Vor diesem Hintergrund sei es atemberaubend, dass man nun mit deutschen Freunden mitten in Berlin sitzen könne. Das zeige auch, was möglich sei, „wenn Menschen sich trauen, Träume zu haben“. Er hat das Vorwort geschrieben zum Abschiedswerk.

Verheiratet mit einem deutschen Mann will die Mutter von zwei Töchtern in Berlin wohnen bleiben. Was exakt sie als nächstes macht, sagt sie noch nicht. Die neue Freiheit wird sie sicherlich nutzen. Schließlich bleibt viel zu tun, auf dem Feld, das sie schon so lange mitbestellt.

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