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Hauptstadt der Hirne. Toleranz lockt Talente nach Berlin – vielleicht auch diesen mutmaßlich außerirdischen Teilnehmer beim Karneval der Kulturen 2019.
© imago images / Christian Spicker

75 Visionen für Berlin – Folge 20: „Wer okay ist, darf mitmachen in Berlin“

Es gibt keine Mauern und keine Geheimzirkel, die diese Stadt regieren: Sie steht allen offen! Diese Toleranz wird uns aus der Krise helfen.

Die deutsche Hauptstadt im staatlich verordneten Corona-Heilschlaf, dazu der berüchtigte Berliner Novemberblues und alle Fluchtwege Richtung Sonne versperrt – diese Tage bieten nicht gerade die anregendste Atmosphäre für Visionen.
Trotzdem gibt es bei ruhigem Nachdenken über Berlin ohne die übliche Hektik des Großstadt-Alltags wenig Anlass für düstere Prognosen. Im Gegenteil, Berlin hat vermutlich das Beste noch vor sich, und die Welt traut uns mehr Gutes zu als wir uns selbst.

Der amerikanische Stadtsoziologe Richard Florida hat vor zehn Jahren drei Zutaten für den Erfolg moderner Städte benannt: Talent, Technologie und Toleranz.

Genau diese T's hat Berlin in den vergangenen Dekaden eingesammelt oder entwickelt.

Burkhard Kieker ist Geschäftsführer von visitBerlin. Die mehrheitlich städtische Public Private Partnership vermarktet Berlin weltweit als Kultur-, Tourismus- und Kongressstandort.
Burkhard Kieker ist Geschäftsführer von visitBerlin. Die mehrheitlich städtische Public Private Partnership vermarktet Berlin weltweit als Kultur-, Tourismus- und Kongressstandort.
© visit berlin/T. Kierok about.visitBerlin.de

Auch wenn die Fähigkeit zu Loben nicht gerade zu den Paradeeigeschaften von uns Berlinern zählt und der Diskurs mehr auf Selbstgeißelung spezialisiert ist, sind ein paar wesentliche Dinge mit Zukunftswirkung in Berlin bis heute gut gelaufen und eingefädelt:  Die Gesundheitsstadt Berlin ist einer der führenden Medizinforschungsstandorte weltweit, dazu der Siemens Innovationscampus in Spandau, nicht weit davon entsteht auf dem Flughafen Tegel eine Smart-City vom Reißbrett.

Die Erwähnung der erfreulichen Klumpenbildung in Sachen Start-ups ist da schon fast Folklore.

Berlin ist nicht nur Partyhauptstadt, sondern auch Stadt der Brains

Es sind diese Stärken, die es zu stärken gilt. Berlin ist nicht (nur) kulturelles und touristisches Flaggschiff oder Partyhauptstadt, sondern auch die Stadt der ausgeschlafenen Brains. Die Stadt, der in Textanalysen des Internets am häufigsten das Attribut „frei“ zugeschrieben wird. Der aus allen Nähten platzende Sehnsuchtsort für so viele junge, gut ausgebildete Menschen, für bildende Künstler, Musiker, Experimentierköche, Wissenschaftler oder einfach auch nur Familien aus Baden-Württemberg oder Tel Aviv, die glauben, gerade hier ihren sehr persönlichen Lebensentwurf verwirklichen zu können.

Unsere Serie: 75 Visionen für Berlin.
Unsere Serie: 75 Visionen für Berlin.
© Illustration: Kathrin Schuber/Tsp

Dazu kommt der Magnetismus auf Besucher und Kurzzeitberliner, die eintauchen wollten in das, was ihnen Andere über die besondere Atmosphäre, die Kultur und die Nächte dieser Stadt erzählt haben. Das Ganze wird nach Corona wieder ein täglich neu anreisendes Riesenkompliment an die Stadt und ihre Bewohner, gelegentlich bis an den Rand der Überforderung: was wollen die alle hier, was ist so interessant an uns?

Berlin ist immer noch in der Phase der Selbstfindung und Rollendefinition, Gott sei Dank. Die Gastgeber- und Schaufensterfunktion als Metropole und Hauptstadt jedenfalls funktioniert schon mal.

Unsere Stadt hat sich Offenheit für Andere und Anderes bewahrt

Toleranz ist das Rezept, das wir hüten und verteidigen müssen. Unsere Stadt hat sich bis heute eine ungewöhnliche Offenheit für Andere und Anderes bewahrt: wer neu kommt, okay ist und etwas will oder kann, der darf mitmachen in Berlin, ohne auf allzu viele unsichtbare Netzwerke, Mauern oder alles dominierende Familien zu treffen.

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Die kritische Masse an interessanten Menschen, die schnell ihre Umgebung mit Cafés, Restaurants und Galerien prägen, erzeugen eine spezielle Atmosphäre, ein Lebensgefühl, das wiederum neue Menschen anzieht, die genau dies erleben möchten – ein wunderbares, aber auch verletzliches Perpetuum Mobile.
Der wirtschaftliche Erfolg Berlins der letzten Jahre, vom Rest der Republik eher ungläubig zur Kenntnis genommen, beruht genau auf diesem unsichtbaren Magnetismus:
Viele kommen erst als Kulturtouristen, als Clubgänger, um dann als Teil der großen Comebackstory Berlin zu bleiben.

[Alle Folgen dieser Serie "75 Visionen für Berlin" können Sie hier nachlesen.]

Toleranz zieht Talent. Talent treibt Wirtschaft und Forschung. Angesichts unserer Geschichte, der maximalen Disruption, hat hier mit dieser Fahrt im Expressaufzug in die Spitze der beliebtesten Metropolen Europas niemand gerechnet.

Es scheint oft, als seien wir selbst so überrascht wie unsere Gäste. Dabei funktioniert der lässige Lebensstil Berlins nebenbei als Nussknacker für die Stereotypen über Deutschland und die Deutschen.

Nach dem Mauerfall hat sich die Stadt neu sortiert

Berlin hat sich selbst geheilt. Die sich nach dem Mauerfall neu sortierende Stadt, ihre Brachen, ihre Industrie- und Kaufhausruinen boten einen Ozean der Möglichkeiten. Ein charmanter, hochtourig drehender Kulturhub von unglaublicher Vielfalt und fröhlicher, permanenter kultureller Überwältigung entstand in Folge.

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Auch das ist das Herz unserer Stadt. Doch der Ozean schrumpft. Berlin macht Bekanntschaft mit Nutzungs- und Verwertungskonflikten, mit denen andere Metropolen schon länger kämpfen. Die Stichworte sind ungezügelte Gentrifzierung (siehe Manhattan), soziale Gleichförmigkeit durch Verdrängung mit toxischer Ghettobildung nicht nur an den Rändern (siehe Paris und andernorts) und – nicht weniger gefährlich – die Versuchung, das komplizierte Miteinander mit immer neuen Vorgaben zu zügeln und schließlich erstarren zu lassen.

Berlin und Brandenburg als Metropolregion, Zukunftsort und Entwicklungsgebiet

Zumindest sind die Herausforderungen in Berlin erkannt, Teilhabe und Gerechtigkeit für alle Berliner*innen sind die Leitlinie. Verschiedene Wege werden probiert, Ausgang ungewiss.

All das fordert übrigens dazu auf, dass Berlin und das wunderbare Brandenburg ihr Verhältnis neu definieren, als Metropolregion, als Zukunftsort und Entwicklungsgebiet.

Ländergrenzen und sich misstrauisch belauernde Behörden wirken heute wie Nachrichten aus einer längst versunkenen Welt.

Sie wirken als Bremsen einer natürlichen Entwicklung. Gerade tut sich eine weitere Chance auf, die zu unserer Berliner DNA passt. Weltweit machen Autokraten wie Putin, Erdogan und Chinas Xi Jinping die Räume eng für Diskurs und freien Meinungsaustausch. In den USA beginnen die Reparaturarbeiten an der von Trump schwer beschädigten kulturellen Softpower gerade erst.

Formate wie Re:publica oder Falling Walls Conference sind Vorreiter

Berlin kann sich etablieren als Drehscheibe des Wissens, des internationalen freien Dialogs, des Nachdenkens über Zukunftslösungen, als eine Art moderner Agora.

Mit Formaten wie zum Beispiel der Re:publica, der Falling Walls Conference, der Tech Open Air TOA, A Soul for Europe, dem neuen Greentech Festival und dem World Health Summit von Detlev Ganten haben die klugen Köpfe der Stadt schon mal vorgelegt. Im Juni 2021 wird die Q Berlin Questions Konferenz zum vierten Mal die Herausforderungen der Zukunft diskutieren. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller wird dazu seine Kollegen anderer Metropolen einladen.

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Und noch etwas: Gerade hat sich der Flughafen BER quasi unbemerkt in unseren Alltag geschlichen. Innerdeutscher Verkehr gehört auf die Schiene.
Doch nach dem absehbaren Ende der Pandemie wird der BER Berlin und Brandenburg einen deutlichen Schub an Internationalität geben.
Der Flughafen und visitBerlin werben gemeinsam mit der Wirtschaft, Politik und Gewerkschaften um neue Nonstop-Verbindungen im Interkontinentalverkehr, eine Art Grundvoraussetzung für die Teilhabe an der globalen Championsleague.
Genau dafür wurde der BER gebaut. 25 Prozent aller Businessclass-Passagiere nach Deutschland haben heute bereits das Endziel Berlin, übrigens auch ein Ausweis der gestiegenen Wirtschaftskraft.

Der BER hat die Chance ein Flughub neuer Art zu werden

Und diese Passagiere wollen zukünftig nicht mehr in Frankfurt oder Amsterdam zum Umsteigen gezwungen werden. Der BER hat die Chance ein Flughub neuer Art zu werden, der nicht von einer alles dominierenden Airline oder Allianz gesteuert wird. Auch wenn es in unserer momentanen Corona-Mattigkeit schwer vorstellbar erscheint: Wenn wir die Atmosphäre von Toleranz, Liberalität und unsere Versuche, Leuchtturm für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu werden über die Zeit der Pandemie retten, dann überwiegen für unseren exzellent aufgestellten Kultur-Hub und die Brain-City Berlin die Chancen, gut und gehäutet aus dieser wuchtigen Krise hervorzugehen.

Burkhard Kieker

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