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Lebensraum Flughafen: Wie die Tiere das Flugfeld Tegel besiedelten

Wenn Tegel geschlossen wird, erobert sich die Natur große Teile des Terrains zurück. Dann wäre Platz für Rinder, einen Bauernhof – nur die Lerchen stört die Stille.

Hunde können sie nicht ausstehen. Der Flughafen Tegel als Hundeauslaufgebiet wäre ihr Untergang. Und Menschen? Die mögen sie auch nicht wirklich. Flugzeuge hingegen dürfen als ihre Freunde gelten. Die Tegeler Feldlerchen sind entschlossene Airportfans. 60 Pärchen brüten jedes Jahr neben den Rollbahnen, unbeeindruckt vom Dröhnen der Turbinen und deren übelriechenden Abgasen.

In einem halben Jahr wird der Flughafen Tegel nach 63 Betriebsjahren geschlossen. 460 Hektar Beton, Wiesen und Haine haben dann über Nacht ihren Daseinszweck eingebüßt. Die Natur hatte sich gut mit dem Flugbetrieb arrangiert. Das Gebiet zwischen Flughafensee und Hauptterminal gilt als eines der ökologisch wertvollsten Rückzugsgebiete für seltene Arten, ein „Hotspot der Biodiversität“, sagt Frank Sieste vom Naturschutzbund (Nabu), der das Terrain seit Jahrzehnten kennt.

Ohne den Flugbetrieb ist dieser Hotspot in Gefahr. Werden die Wiesen nicht mehr gemäht, siedeln sich Bäume an. Wird der Zaun abgerissen, kommen die Hunde (Wildschweine und Füchse sind schon da, die graben sich untendurch). Beides will der Nabu unbedingt verhindern. Auf dem westlichen Rollfeld soll ein Reservat mit Rindern, Schafen oder Wildpferden entstehen. Ein Bauernhof ist geplant, zur Bewirtschaftung der Herde. Künftig könnte dann Biofleisch vom Tegeler Flugfeld verkauft werden.

Ob es so kommt, wird unter Fachleuten noch diskutiert. Fest steht nur, dass 220 Hektar, also rund die Hälfte des Areals, grün bleiben sollen. Kleinere Randzonen sind als Waldfläche ausgewiesen, doch überwiegend soll eine offene Heide entstehen, auf der Naturschutz und Freizeitnutzung in guter Nachbarschaft koexistieren sollen.

Der Tempelhofer Park kann dabei als Vorbild dienen – und auch wieder nicht. Die Tempelhofer Feldlerchen fühlen sich von den vielen Lenkdrachen schon ein wenig bedroht, erzählt Naturschützer Sieste.

Revierförster Matthias Eggert, zuständig für die Jungfernheide, möchte auch Natur, aber vor allem Bäume. Dem Stadtmagazin „Zitty“ sagte er, was mal Wald war, sollte auch wieder Wald werden. Für den Flughafenbau sei die Jungfernheide einst abgeholzt worden, nun sollte man das Gebiet der Natur möglichst komplett rückübertragen. Von seinem Dienstherrn, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, bekam Eggert daraufhin einen Maulkorb verpasst.

Hardy Schmitz hat derzeit ganz andere Sorgen. Seit September ist der erfolgreiche Wirtschaftsförderer damit betraut, das Wunder von Adlershof in Tegel zu wiederholen. Die Vernetzung von Wissenschaft, technologischer Forschung und Produktion, mit diesem Konzept hat Schmitz die Wissenschaftsstadt Adlershof groß gemacht. Doch die Fördergelder fließen anno 2011 nicht mehr so üppig wie Anfang der 90er Jahre. Und was hat der Flughafen Tegel, was andere Standorte nicht haben?

Die Alternative Abriss

„Urban Technologies“ sollen in Tegel erforscht und produziert werden, das ist die Vision. Doch bisher gibt es kaum Resonanz bei großen Firmen wie Siemens, IBM oder Cisco, die sich mit intelligenten Lösungen für die emissionsarme Stadt der Zukunft beschäftigen. Schmitz braucht dringend einen passenden Ankermieter. Die Beuth-Hochschule aus Wedding würde gerne mit Laboren, Hörsälen und einem Gründerzentrum ins Flughafengebäude ziehen, der Senat will das auch, aber letztlich hängt wieder alles am Geld. Das Planungsbüro Drees & Sommer arbeitet an einer Machbarkeits- und Kostenstudie. „Vielleicht noch vor Weihnachten“ könne er belastbare Zahlen auf dem Tisch haben, sagt Schmitz. Es sei schließlich nicht ausgemacht, ob ein Umbau des Gebäudes sich überhaupt rechne.

Die Alternative Abriss wäre dagegen ein Sakrileg. Das sogenannte Hexagon gilt weltweit als ein Meilenstein der Flughafenarchitektur. Der global aktive Großarchitekt Meinhard von Gerkan würde Zeter und Mordio rufen, sollte das Terminal, das ihn einst berühmt machte, von der Bildfläche verschwinden.

Im Januar soll der Bebauungsplan vorliegen, zunächst für die Flächen rund um das Terminal, im Juni werde das Marketingkonzept vorgestellt, kündigt Schmitz an. Investoren- und Standortkonferenzen sind geplant. Viel Kommunikation also, damit soll die Leere des Raumes erst mal gefüllt werden. Denn nichts wäre schlimmer, weiß Kommunikator Schmitz, als ein Abriss des Gesprächsfadens vor der ersten Vertragsunterzeichnung. Investoren müssen herbeigeredet werden, von alleine kommt keiner.

Schmitz fordert einen „Fonds für Urban Technologies“, der Pilotprojekte von Unternehmen fördert, aufgelegt von der Investitionsbank des Landes. Berlin biete für solche Projekte einen interessanten Markt. Schmitz wirbt mit bewährten Hausmarken wie BVG, BSR und BBB – „Europas größtem Bäderbetrieb“. Auch mit „Europas größtem Rettungsdienst“, der Berliner Feuerwehr, könne die Stadt punkten. Solche Superlative würden viel zu selten herausgestellt, findet Schmitz. Also überall weitererzählen, was es für tolle Schwimmhallen in Berlin gibt. Und die Feldlerchen nicht vergessen. Dann klappt das schon mit der Nachnutzung in Tegel.

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