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Die Fachärztin für Allgemeinmedizin fordert eine Debatte über das Besuchsverbot.
© Marcel Kusch/dpa

„Die Alternative ist der einsame Tod“: Wie eine Berliner Ärztin das Besuchsverbot in Pflegeheimen erlebt

Veronika Rufer arbeitet in einer Corona-Schwerpunktpraxis. Ihre Eltern liegen in Pflegeheimen, in denen es Corona-Fälle gibt – deshalb darf sie nicht zu ihnen.

Frau Rufer, Ihre Eltern liegen in zwei verschiedenen Pflegeheimen - in beiden gibt es mittlerweile Corona-Fälle. Haben Sie die Ausbrüche in den Einrichtungen Ihrer Eltern kommen sehen?
Bei den anhaltend hohen Infektionszahlen war es ja nur eine Frage der Zeit, dass sich die Heime trotz mühsam von der Pflege organisierter Schutzmaßnahmen zu Hotspots entwickeln. Die hohe Infektions-Sterblichkeit des Coronavirus in dieser Altersgruppe ist furchtbar; zudem gibt es in nahezu allen betroffenen Häusern einen Mangel an Pflegepersonal, der durch den immensen Hygieneaufwand und die Quarantäne von Mitarbeitern noch einmal verschärft wird.

Als Allgemeinmedizinerin in einer Corona-Schwerpunktpraxis haben Sie jeden Tag mit dem Virus zu tun, jetzt rückt es auch privat immer näher. Was fehlt Ihnen in der öffentlichen Debatte?
Es wird gerade zu wenig darüber gesprochen, wie wir mit Sterbenden umgehen. Den Leuten ist gerade nicht klar, dass sie beispielsweise ihren Mann im Krankenhaus nicht besuchen dürfen, wenn er an Corona erkrankt ist oder daran stirbt. In den meisten Fällen wird das durch die Krankenhäuser und Heimleitungen untersagt.

Der Umgang mit den Erkrankten und Sterbenden im Heim und im Krankenhaus hätte meines Erachtens dringend schon im Frühjahr, während der ersten Welle, unter ethischen Gesichtspunkten diskutiert und juristisch geregelt werden müssen! Jede Woche, die das ungelöst vor sich hindümpelt, ist eine Schande.

Wann haben Sie Ihre Eltern zuletzt gesehen?
Vor zehn Tagen. Ich habe gefragt, ob ich mit tagesaktuellem und negativen Testergebnis und Schutzanzug in die Einrichtung darf - darf ich nicht. Dabei kann ich die Heimleitungen sogar verstehen: 40 Prozent der Über-80-Jährigen sterben an dem Virus, dazu kommt infiziertes Personal, das ausfällt. Dann noch Angehörige, die zu ihren sterbenden Eltern wollen - das ist natürlich alles sehr viel! Aber deswegen die Sterbenden alleine lassen? Ich finde das unerträglich. Die Alternative ist der einsame Tod.

Wie stehen Sie mit den Pflegeheimen Ihrer Eltern im Kontakt?
Ich erreiche die per Mail, das funktioniert gut und zuverlässig. Allerdings habe ich keine Info, wann ich meinen Vater wiedersehen darf. Ich sehe aber deren Schwierigkeiten: Natürlich gibt es immer Menschen, die sich nicht an die Regeln halten und dann im Zimmer doch plötzlich die Maske abziehen, aber in so einem sensiblen Bereich dürften die Regeln nicht nach ihnen gemacht werden.

Veronika Rufer in ihrer Praxis in Steglitz.
Veronika Rufer in ihrer Praxis in Steglitz.
© Privat

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Stattdessen können Studierende eingesetzt werden, die darauf achten, dass die Corona-Maßnahmen während einem Besuch von den Gästen eingehalten werden. Das wird auch in einigen Krankenhäusern so gehandhabt, dass die Studierenden die richtige Reihenfolge der Anlage von Schutzkleidung des Personals mit kontrollieren.

Sie sind als Ärztin vom Fach. Wie sicher ist denn die Schutzausrüstung?
Es gibt natürlich keine 100-prozentige-Sicherheit. Aber dieses Restrisiko gehe ich in meiner Praxis auch jeden Tag ein. Und wenn zum Beispiel jemand mit der Influenza infiziert ist, gibt es eine Besuchsmöglichkeit mit Schutzkleidung. Dabei bin ich die Letzte, die das Coronavirus unterschätzt. Es ist deutlich aggressiver als die Influenza.

Doch aus wissenschaftlicher Sicht macht diese Sonderbehandlung in Bezug auf das Besuchsverbot mit oben genannten Schutzmaßnahmen keinen Sinn. Es traumatisiert die Leute, die sterben, und es traumatisiert die Angehörigen, die nicht zu ihren Liebsten kommen.

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