Wie gefährlich ist Schmuck im Mund? : Auf den Zahn gefühlt

Piercings durch Zunge oder Lippen, Glassteinchen, Goldplättchen: Manche möchten ihr Gebiss noch schöner machen. Doch Dentisten warnen: Die Pretiosen schädigen immer auch den sensiblen Mundraum und den Zahnschmelz.

Floris Kiezebrink
Bling-bling. Kleine Goldfigürchen auf dem Zahn heißen Dazzlers.
Bling-bling. Kleine Goldfigürchen auf dem Zahn heißen Dazzlers.Foto: dpa

Strasssteinchen zwischen den Zähnen, Piercings in Zunge oder Lippe sind sicher Geschmackssache. Die einen finden solcherart Mundschmuck schön und interessant, die anderen eher unschön und abstoßend. Zahnärzte aber lassen sich auf solche Geschmacksfragen gar nicht erst ein. Für die meisten von ihnen sind Schmuckstücke im Mund schlicht: gefährlich. Wegen der mehr oder weniger kleinen Fremdkörper im Mund haben einige von ihnen schon mehrere Patienten behandeln müssen. Trotz aller Warnungen schmücken Jugendliche in den letzten Jahren immer häufiger ihre Münder mit Metallringen oder Glassteinchen aus. Sie lassen sich Piercings stechen, protzen mit winzigen Zahnornamenten oder bedecken die Schneidezähne sogar in ihrer Gesamtheit mit Silber-, Gold- oder Platinkappen.

Gesund für die Zähne aber ist das alles nicht: „Mundschmuck schädigt generell mehr oder weniger die Zähne und das Zahnfleisch“, so Andrea-Maria Schmidt- Westhausen. Sie ist Leiterin der Abteilung Oralmedizin, zahnärztliche Röntgenologie und Chirurgie an der Charité.

Das Piercing: Langfristig können die Ringe und Stäbe das Zahnfleisch verletzen

Das Piercing gehört zu den ältesten Formen des Körperschmucks und war oft ein Zeichen, an dem die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe erkennbar war. Auch heute noch sind viele Männer und vor allem Frauen gepierct, ohne dass sie dies mit dem Begriff verbinden. Denn auch das Loch im Ohrläppchen für Ohrringe ist genau genommen ein Piercing. „An dieser Stelle die Haut durchzustechen ist aber ziemlich ungefährlich und nicht vergleichbar mit einem Mundpiercing, da unser Mund ein ganz anderes Milieu darstellt“, sagt Schmidt-Westhausen. Im Mund wimmele es nämlich von Bakterien. Die meisten von den etwa 700 verschiedenen Mundbakterienarten sind harmlose Mitbewohner des menschlichen Körpers. Doch einige davon sind Krankheitserreger – wie zum Beispiel die Kariesbakterien, die sich am liebsten in der Mundhöhle und auf der Zunge einnisten. Wenn man sich dort verletzen lässt – so, wie es beim Piercen der Fall ist – können Schwellungen, Infektionen und Blutungen entstehen. Auch bilden sich manchmal Fremdkörpergranolomen – kleine durch Entzündungen hervorgerufene Knoten im Gewebe. Der Körper versucht so, das Piercing abzustoßen.

Auch langfristig wirke sich ein Piercing im Mundraum negativ aus. Denn die Metallringe oder -stäbchen können Zähne und Zahnfleisch reizen und verletzen. „Wenn das Stäbchen vom Zungenpiercing regelmäßig gegen die Zähne schlägt – und die Zunge ist ja ständig in Bewegung –, schädigt das den Zahnschmelz“, sagt Schmidt-Westhausen. Das könne auf Dauer sogar dazu führen, dass der Zahn abbricht. Wer ein Zungenpiercing hat, der spielt damit auch im Mund herum, oft unbewusst. Und so kann das vermeintlich schmückende Beiwerk selbst zum Problem für die Ästhetik werden, nämlich dann, wenn dadurch Zahnlücken entstehen.

Lippenpiercings sind nicht gar so beweglich und schlagkräftig. Deshalb bedrohen sie hauptsächlich die Gesundheit an einer Stelle im Mund und dort eher das Zahnfleisch als die Zähne. „Ein häufiges Problem ist eine Zahnfleischrezession“, sagt Expertin Schmidt-Westhausen. Das bedeutet, dass sich das Gewebe zurückzieht und die ungeschützten Zahnhälse freilegt. Dadurch werden diese schmerzempfindlich und anfälliger für Zahnhalskaries. Wer trotz aller Risiken für die Mundgesundheit nicht auf ein Piercing in Lippe oder Zunge verzichten möchte, sollte dafür am besten weichere Materialien als Metall wählen, also am besten Kunststoff, rät die Expertin. Das habe noch einen weiteren Vorteil, denn mit solchen Materialien vermeide man auch potenziell allergieauslösende nickelreiche Metalle.

Twinkles und Dazzlers: Man beschädigt immer den Zahnschmelz

Die aus Sicht der Zahnmedizin mildere Form des Mundschmucks ist der sogenannte Zahnschmuck. Die Pretiosen werden direkt auf den Zähnen befestigt. Die verbreitetste Form sind die sogenannten Skyce, kleine aus Kristallglas geschliffene Schmucksteinchen. Andere Formen von Zahnbrillianten sind Twinkles – oft echte Edelsteinchen – und Dazzlers, kleine aus Gold- oder Silberfolie gestanzte Figürchen für den Zahn. Viele Zahnarztpraxen bieten es an, solche Zahnbrillanten anzubringen. Sie nutzen dabei Klebematerialien und -techniken, die zum Beispiel auch beim Befestigen von Zahnspangen, von Kronen oder Kunststoff- und Keramikinlays angewandt werden. Zunächst wird die Zahnoberfläche an dem kleinen Punkt, an dem das Steinchen kleben soll, mittels einer Säureätztechnik oberflächlich angeraut. Der Skyce wird dann mit Klebstoff befestigt.

Zahnärzte, die den Schmuck anbringen, verlangen dafür um die 30 Euro. Und sie betonen, dass die Verzierungen, wenn sie fachmännisch verklebt werden, unschädlich für den Zahn seien und ebenso unschädlich wieder entfernt werden können. Ganz so unkritisch sieht die Universitäts-Zahnmedizinerin Schmidt-Westhausen das aber nicht. „Man beschädigt bei solchen Methoden immer den Zahnschmelz, auch wenn es nur minimal ist“, sagt sie. Denn für Zahnschmelz gilt: Was weg ist, ist weg.

Das gilt auch für die sogenannten Grills. Sie sind vor allem bekannt aus der Bling-Bling-Kultur des amerikanischen Hip-Hops. Goldene oder silberne Gitter liegen auf den gesamten Frontzähnen und sehen aus wie ein verzierter Mundschutz. Einen Grill befestigt man meistens mittels Drahtklammern und Plastikschienen. Das schädigt den Zahnhalteapparat sehr und ist aufgrund der Risiken sogar in einigen Schulen der USA nicht erlaubt. Wegen der Verletzungsgefahr sollte man zum Beispiel die Grills nicht tragen, wenn man isst, und auch nicht beim Sport.

Möchte man trotz aller Warnungen nicht auf Mundschmuck verzichten, sollte man auf jeden Fall in engen regelmäßigen Abständen zum Zahnarzt gehen, um mögliche Probleme frühzeitig zu erkennen.

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