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"Schwabenecken" liegen in der Auslage einer schwäbischen Bäckerei in Prenzlauer Berg.
© dpa

Debatte über Zugezogene: Wie Kreuzberger früher über Schwaben lästerten

Warum niemand Zuzügler mehr hasst als alte Zuzügler - und wie Kreuzberger früher über Schwaben lästerten: Zur aktuellen Debatte über Äußerungen von Wolfgang Thierse schildern zwei Tagesspiegel-Redakteure persönliche Erlebnisse.

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Das Schwabenlästern gab es in Berlin schon, als zu DDR-Zeiten Prenzlauer Berg und Friedrichshain noch garantiert schwabenfrei waren. Als im alten West-Berlin vor mehr als einem viertel Jahrhundert in Kreuzberg die Mai-Randale so richtig ausuferten, wurde das nicht nur am Stammtisch darauf zurückgeführt, dass Kreuzberg für Schwaben mit schwerem Kehrwochentrauma ein beliebter Fluchtpunkt war. Im wilden Kreuzberg konnten sie ausleben und austoben, was in der geordneten Heimat wohl nicht möglich war. Dass manche jungen Zuzügler aus dem Ländle die spießigen Rituale der alten Heimat als Autonome im schwarzen Block zu überwinden versuchten, galt als Allgemeinplatz. Dass dabei ein bisschen Spießertum mit anderer Ausprägung konserviert wurde, zeigte sich den preußischen Beobachtern auch in der alljährlich pünktlich zum 1. Mai wiederkehrenden Randale. Ob es ums Dreck machen oder Dreck wegmachen ging, schien egal.

Hauptsache, es findet alles pünktlich und wie gewohnt statt. Vielleicht hat diese Wahrnehmung den Kreuzberger Schwaben damals aber auch nur geholfen. Als Gentrifizierer galten sie jedenfalls nicht. Ob die im Ländle geborenen Veteranen jener wilden Zeiten beim Bäcker inzwischen nach Schrippen verlangen? Elisabeth Binder

Warum niemand Zuzügler mehr hasst als alte Zuzügler

Zuzügler und Gentrifizierer sind immer die anderen. Niemand hasst die Zuzügler mehr als die Zuzügler von gestern, die sich als Einheimische aufspielen. Das war schon im alten West-Berlin so. Acht Jahre lebte ich in Berlin, es waren die 80er Jahre, und trieb mich vor allem im Chamisso-Kiez herum, meiner damals neuen Heimat. Dann ließ ich mich dort ein Jahr lang nicht mehr blicken, weil ich eine Freundin in Wilmersdorf kennengelernt hatte. Das war damals politischer Hochverrat. In einem Anfall von Heimweh lief ich wieder mal am Chamissoplatz rum. Alle Gesichter waren neu, Publikum und Bedienung in Kneipen, Buch- und Weinläden komplett ausgewechselt. In einen Laden gehe ich schließlich hinein, hier hatte ich immer die guten Leute getroffen. Der Typ an der Kasse war neu, sein Gesicht hatte ich früher nie gesehen. Er musste irgendwann in den letzten zwölf Monaten hierher gezogen sein.

Mit der Pose des Einheimischen, der hier Platzhirsch ist und entscheidet, wer dazugehört und wer nicht, musterte er mich von oben bis unten kritisch. Irgendwie sah er mir wahrscheinlich an, dass ich seit einem Jahr eine Freundin in Wilmersdorf hatte. Herablassend fragte er mich, seit wann ich denn Kreuzberger sei. Wo er herkam, war deutlich zu hören. Er redete schwäbisch. Andreas Oswald

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