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Mode-Experiment: Wie läufst du denn rum?

Der "Berliner Stil" wird weltweit gelobt – aber wie sieht er aus? Zum Start der Fashion Week hat unser Autor den Test gemacht: sechs Tage, sechs Outfits. Und ziemlich viel Selbsterkenntnis.

Erstes Problem: Wie beschreiben, was mir da gerade Unerhörtes um den Hals hängt? Dickes graues Gebinde, sieht aus wie ein Vogelnest oder Dornenkranz. Fühlt sich aber weich an. Der Kollege aus der Moderedaktion wird es später als „aus Stoffstreifen geflochtene Netzkapuze“ identifizieren, aber jetzt, zu Hause vorm Spiegel, bin ich bloß irritiert. Gucke mich länger an als gewöhnlich, gaffe regelrecht. Man fühlt sich nämlich gleich besonders in so einem Outfit. Wer ein Vogelnest um den Hals trägt, hat auch eine interessante Persönlichkeit, davon ist auszugehen. Lektion eins: Designerkleidung schmeichelt dem Ego.

Berlin ist Deutschlands Modehauptstadt, behaupten alle, die sich auskennen, außer die in Düsseldorf und München vielleicht, aber auch die werden es nicht ewig leugnen können. 800 Designer entwerfen hier ihre Kleider, der „Berliner Stil“ wird weltweit gelobt, und doch gibt es erstaunlich viele Menschen in dieser Stadt, denen Mode bislang fremd geblieben ist. Die nicht wissen, was das bringen soll: Geld ausgeben, Trends hinterherlaufen, hip sein wollen. Zum Start der Fashion Week bräuchten wir einen Ahnungslosen, der bereit ist, sich vorurteilsfrei auf Mode einzulassen, hat Kollege Jan gesagt. Einen, der wenig von Stoffen und Schnitten versteht, der für Hemden keine 20 Euro ausgibt und Socken trägt, auf denen die Wochentage gedruckt sind. „Einen wie dich“, hat Jan gesagt. Und dass so ein Test doch auch eine Chance sein könne. Sechs Tage, sechs Outfits. Und am Ende eine Antwort auf die Frage: Lohnt es, sich für Mode zu interessieren? Das Vogelnest bleibt vorerst im Schrank. Zu radikal. Hier fehlt noch das Grundvertrauen, nicht ausgelacht zu werden. Lektion zwei: Mode kann Überforderung sein.

Im H&M-Outfit.
Im H&M-Outfit.
© Mike Wolff

Stattdessen zu H&M in die Rosenthaler Straße, ein bisschen hin und her gesucht und dann eingesehen, dass Hilfe nötig ist. Eine Kundin, die recht modisch aussieht, wird um Rat gebeten. Sie soll mir etwas Schräges aussuchen, etwas, mit dem ich garantiert auffalle auf Berlins Straßen. Sie wählt eine knallrote, fies glänzende Winterjacke, die waagerecht abgesteppten Nähte sollen vortäuschen, dass Daunen drin stecken, tatsächlich ist innen 100 Prozent Polyester, außen 100 Prozent Polyamid. Dazu eine Stoffhose in scheußlichem Pastellblau, beides zusammen für 50 Euro. „Made in Bangladesh“ steht innen auf dem Etikett, und man kann sich gut vorstellen, wie da irgendwo am Golf von Bengalen unterbezahlte Fabrikarbeiter in ihrer Halle schuften und sich über die Westler wundern, die solche Hosen freiwillig anziehen.

„Ich bin nicht sicher, ob du wirklich der Typ dafür bist“, sagt meine Beraterin an der Kasse. Ich bin auch nicht sicher, aber egal. Vivienne Westwood hat einmal behauptet, Mode sei die Synthese aus Wissen und Ausprobieren. Also los. Ich spaziere in dem Outfit über den Hackeschen Markt, quer durch Mitte bis nach Kreuzberg. Drei Beobachtungen: Niemand starrt mich an! Ständig begegne ich Menschen, die noch weit schrägere, unpassendere Farbkombinationen tragen, die starre ich dann an! Außerdem ist Polyester-Polyamid die Hölle, nach zehn Minuten schwitzt man erbärmlich. Würde mich jetzt einer meiden, er täte es nicht wegen des Anblicks, sondern wegen des Geruchs. Jacke und Hose werden zurückgegeben. Lektion drei: Es kommt drauf an, wie man sich selbst darin fühlt.

Wie der gebrauchte Trenchcoat und der schräge Jumpsuit wirken, lesen Sie im zweiten Teil.

Im gebrauchten Trenchcoat.
Im gebrauchten Trenchcoat.
© Mike Wolff
Im Jumpsuit von OnePiece.
Im Jumpsuit von OnePiece.
© Mike Wolff

Es ist viel über Berliner Mode geschrieben worden in den vergangenen Jahren, auch im Ausland. Der britische „Guardian“ hat eine kluge Reporterin hergeschickt, die schnell erkannte, was den Reiz des hiesigen „Street Styles“ ausmacht: Der sei ziemlich genau wie die Berliner Architektur, schrieb sie – unzusammenhängend, genügsam, archaisch und avantgardistisch zugleich. Die Frau glaubte auch zu wissen, woher der Drang nach dem Mixen verschiedenster Stilrichtungen komme. Nach NS-Zeit und SED-Diktatur werde in Berlin alles vermieden, was irgendwie nach Uniform ausschaue.

Ich möchte auch mixen, und ich weiß, wo. Den Secondhandladen Colours findet man in der Bergmannstraße in Kreuzberg, Hinterhof rechts, hoch in den ersten Stock. Bereits an der Tür weht einem der Duft entgegen, der solche Geschäfte zwangsläufig einnebelt. Es ist der durchaus angenehme Geruch von Stoffen, die im Zweifel schon weit mehr erlebt haben als man selbst. Colours bietet ausrangierte Pelzmäntel, Trainingsjacken und Stoffhosen, die Preise werden nach Gewicht berechnet: An der Kasse kommt alles in einen Korb, das Kilo kostet 14,99 Euro. Ich brauche nicht lange, bis ich ihn gefunden habe: den Trenchcoat, den ich schon immer wollte und für den ich mich nie erwachsen genug fühlte. Er ist nicht so knittrig wie der von Columbo, aber er hat Stil. Ich trage ihn den ganzen Tag, dazu meine Adidas-Turnschuhe, klarer Stilbruch, die Frau vom „Guardian“ wäre stolz. Ich bewundere mich in Schaufenstern und Regenpfützen. Meine Freundin findet, er mache mich ernst, verleihe mir einen „klassischen Touch“. Auch einen stasimäßigen, sagt sie, das sei aber nicht schlimm. Am Abend wird die Schwester um ein Urteil gebeten. Sie fragt, ob sie wirklich sagen soll, was sie denkt, und dann sagt sie: „Man muss einen Trenchcoat auch ausfüllen können.“ Das meine sie gar nicht körperlich, eher charakterlich. Lektion vier: Wer sich modisch verändert, riskiert seelische Verletzungen.

Im Michalsky-Outfit.
Im Michalsky-Outfit.
© Mike Wolff

Schwer angesagt sind in der Modebranche derzeit Pop-up-Stores. Temporäre Läden, die plötzlich an einer unerwarteten Stelle öffnen, in alten Lagerhallen oder Bürogebäuden etwa, bloß für wenige Monate, manchmal nur für Wochen. Sie verkaufen Kollektionen einer einzigen Marke, dann verschwinden sie wieder. Manche verzichten auf Werbung, setzen auf Mundpropaganda, das suggeriert eine zusätzliche Guerilla-Attitüde. Wer hier einkauft, darf sich eingeweiht fühlen. Und kaufen wird er schnell und viel, denn der Shop könnte ja jederzeit schließen. Einen dieser trendigen Pop-ups findet man gerade am Litfaß-Platz nahe dem Hackeschen Markt. Underground im Schicki-Viertel, geht das überhaupt? Innen sind die Wände unverputzt, von der Decke hängen Kabel, aber das Spektakulärste sind die Kleidungsstücke: Die norwegische Firma „OnePiece“ verkauft hier ihre superbequemen, einteiligen „Jumpsuits“ aus Baumwolle. In die muss man nur reinspringen und einmal den Reißverschluss hochziehen. Justin Bieber trägt auch so einen. Verkäuferin Jana erklärt in hohem Tempo, wofür man den Jumpsuit verwenden kann: zum Joggen und Yoga, zum Partymachen und lässigen Abhängen. Ein Kindergärtner trage ihn, weil die Kleinen die Farben so liebten, und wenn sich eine Oma den Arm breche, könne sie auch in so ein Teil schlüpfen, sagt Jana. Außerdem natürlich zum Einkaufen ... Zum Einkaufen?

Dienstagabend in Kreuzberg, schon auf dem Weg zu Kaiser’s ist mir mulmig. Am Eingang kichert mir ein Paar entgegen, und es lässt keinen Zweifel daran, weswegen gekichert wird. Bis zur Pasta im zweiten Gang habe ich schon drei Glotzer gezählt. Vielleicht ist es der weiße Reißverschlussbenzel, der auffällig in Schritthöhe baumelt, vielleicht die konturlose Gesamterscheinung. Ich wünschte, ich hätte meinen Trenchcoat an. Der Einkauf wird abgebrochen, der Programmpunkt „Redaktionskonferenz im Jumpsuit“ am Folgetag gestrichen. Ich fürchte, ein derartiges Kleidungsstück erfordert eine deutlich lässigere Grundeinstellung. Lektion fünf: Wer kein Selbstdarsteller ist, sollte sich nicht wie einer benehmen.

Ob Michalsky und Woolrich-Parka funktionieren, lesen Sie im dritten Teil.

Der Normalzustand. Unser Autor hat wenig Ahnung von Textilien und Schnitten.
Der Normalzustand. Unser Autor hat wenig Ahnung von Textilien und Schnitten.
© Mike Wolff

Der erfolgreichste, ganz sicher der bekannteste Berliner Designer heißt Michael Michalsky. Früher war er Kreativchef bei Adidas, heute ist er seine eigene Marke. Zwei Mal im Jahr zeigt er neue Kollektionen im Rahmen der Fashion Week, die Abende gehören stets zu den Höhepunkten der Woche, kommenden Freitag feiert er wieder im Tempodrom. Als ich in seinen Blazer schlüpfe, in seine enge Stoffhose und die Sneakers, alles in Weiß, bin ich skeptisch. „Untenrum an den Beinen ist es recht eng“, sage ich. Untenrum an den Beinen solle es ja eng sein, sagt der Michalsky-Mitarbeiter. Ist wegen des Schnitts. Die Sneakers haben Klettverschluss, und ich stecke die Hose in die Schuhe rein, das sei nämlich „fashion forward“, also ganz weit vorn, erklärt mir der Michalsky-Mann. Ich laufe darin keine drei Minuten durch Mitte, schon glaube ich, dass in jedem Menschen ein kleines Model stecken kann. Gut und leicht fühlt es sich an, so durch die Straßen zu ziehen. Sebastian Leber, du hast dich unterschätzt. Und ja, die Leute schauen, aber niemand kichert. Da ist viel Interesse in diesen Blicken.

Die wichtigsten Reaktionen auf das Outfit, sortiert nach dem Grad der Begeisterung: „das beste, was ich je getragen habe“ (ich selbst), „ein Sommertraum in Weiß, aber auch ein bisschen Krankenhaus“ (Kollege 1), „ah, trägst du Michalsky?“ (Kollege 2), „und plötzlich machst du richtig was her“ (Michalsky-Mitarbeiter), „mal was anderes“ (Mama), „sehr heterosexuell wirkt das nicht“ (Freundin). Lektion sechs: Selbst- und Fremdwahrnehmung unterscheiden sich zuweilen erheblich.

Was ich an Mode nie verstanden habe: Es scheinen sich zwei Grundbedürfnisse des Menschen radikal zu widersprechen. Einerseits möchte man beachtet werden, und das passiert nur, wenn man sich von anderen unterscheidet. Andererseits möchte man dazugehören, bloß kein Außenseiter sein. Schließt das eine nicht das andere aus?

Zurück zum Vogelnest. Das ist übrigens an den Halsausschnitt eines ebenso grauen Pullovers geknotet, und wer genau hinschaut, erkennt, dass die Stoffstreifen aus demselben Material geschnitten wurden, bloß auf links gedreht. Ein wundersames Konstrukt. Mit diesem Kleidungsstück hat sich jemand viel Mühe gegeben. Ich habe es aus einem Laden in der Mulackstraße, Butterflysoulfire heißt er. Die Mode des Labels soll laut Eigenaussage eine Symbiose aus Eleganz und Verwüstung sein, und wenn der Mann, der mein Outfit entworfen hat, seinen Stil in drei Worten zusammenfassen soll, dann entgegnet er, er brauche nur zwei: „radical charming“. Popstar Lenny Kravitz ließ sich für seine aktuelle Tour 40 Bühnenoutfits von Butterflysoulfire entwerfen. Auch der Sänger von Tokio Hotel trug die Marke schon. Und jetzt ich. Die herzliche Verkäuferin hatte lange Haare und Tätowierungen an den Händen, sie nannte sich „SeeSea“, und sie meinte, in Berlin könne man niemanden mit ihren Outfits schocken. Nicht mal in Zehlendorf, da seien die Menschen zu intellektuell, um sich was anmerken zu lassen. Wenn überhaupt, dann in Reinickendorf. Also mittags in die U6 gesetzt und nach Norden gefahren. In die Borsighallen. Ein Monstrum von einem Einkaufsparadies. Einen Kaffee gekauft, im Buchladen gestöbert, in den Fluren auf und ab gegangen. Keine sichtbaren Reaktionen. Hatte SeeSea Unrecht? Ich frage eine Gruppe Jugendlicher, die müssten jetzt eigentlich in der Schule sein, aber was soll’s. Einer von ihnen heißt Mario, und nachdem ich zwei Mal nachgefragt habe, prescht er vor: Also, wenn ein Freund von ihm so ein Teil anziehen würde, würde er schon was sagen. Aber ich sei ja nicht sein Freund. In jedem Fall solle ich über meine Frisur nachdenken, die sei etwas ungepflegt. Lektion sieben: Die Leute haben ihr eigenes Leben, sie warten nicht darauf, dich bloßstellen zu können.

Wenn nächste Woche in Berlin die Fashion Week beginnt und wahrscheinlich neue Besucherrekorde vermelden wird, dann liegt das zu einem guten Teil auch an Karl-Heinz Müller, dem Mann, der die Bread & Butter gegründet und in Berlin etabliert hat. Er betreibt den Laden „14 oz.“ in der Neuen Schönhauser Straße, mit dem will er zeigen, wie lässig und gleichzeitig exklusiv Mode in Berlin aussehen kann. Ein Besuch lohnt sich schon wegen des riesigen Aquariums hinter der Kasse, in dem schwimmen kleine Quallen. Vor allem gibt es hier Woolrich: die taillierbaren Parkas mit Fellkragen. Artenschutztechnisch sei das kein Problem, sagt der Verkäufer, das Fell stamme vom Kojoten, und den gebe es in den USA so häufig wie hier das Kaninchen. Ich nehme einen in Royal Blue, eine limitierte Edition. Dazu passen Stiefel von „Red Wing“, die wurden früher von Cowboys getragen und sind deshalb öl- und urinabweisend, das könnte auch helfen in einigen Gegenden von Berlin. Die Jeans stecke ich natürlich in die Stiefel, von wegen „fashion forward“. Und ein Shirt aus ägyptischer Baumwolle, der Stoff ist aus den 40ern, heißt es. Fühlt sich alles toll an, es ist das Outfit, mit dem man in jedem Mitte-Café dazugehört. Bloß: Allein die Jacke kostet fast 800 Euro, jedenfalls wenn man sie kauft und nicht wie ich zu Recherchezwecken ausleihen darf. Bevor ich so viel Geld ausgebe, müsste ich mein Leben grundlegend ändern: nicht mehr nebenbei am Computer essen. Nicht mehr beim Autofahren essen. Keine Kleider mehr auf Stühlen stapeln. Keine Kaugummis oder auslaufbare Süßigkeiten mehr in Hosentaschen lagern. Lektion acht: Modisch zu sein, bedeutet viel Arbeit.

Am Tag nach Testende folgt die größte Erkenntnis. Ich bin gar nicht froh, wieder Gewohntes zu tragen, die Jeans, das Standard-Hemd. Kein bisschen erleichtert, bloß gelangweilt. Es ist, als fiele einem plötzlich auf, dass man beim Kochen jahrzehntelang das Salz vergessen hat. Lektion neun: Mode ist kein Spielkram. Mode ist eine Chance. Am Nachmittag tröpfele ich mir Falafelsoße auf die Jeans. Gott sei Dank, es ist meine eigene.

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